Nations League: Löw geht ohne Boateng ins Abstiegs-Duell

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Deutsche Presse-Agentur
Arne Richter und Jens Mende und Klaus Bergmann

Für Jérôme Boateng hat Bundestrainer Joachim Löw im brisanten Abstiegsendspiel gegen Holland keine Verwendung.

Spekulationen über ein Ende der Karriere des Ex-Weltmeisters im Trikot der Fußball-Nationalmannschaft trat Bayern-Trainer Niko Kovac aber sofort energisch entgegen. „Es ist die Entscheidung des Bundestrainers. Dass Jérôme nicht dabei ist, ist ein Novum. Das heißt aber nicht, dass er in Zukunft nicht dabei ist“, reagierte Kovac auf Löws überraschende Personalentscheidung für den Länderspiel-Abschluss des so enttäuschenden WM-Jahres.

Löws Erklärung, bei der so wichtigen Abschlusspartie in der Nations League gegen die Niederlande am 19. November in Gelsenkirchen und dem Test vier Tage zuvor in Leipzig gegen Russland auf Boateng zu verzichten, ließ aber viel Interpretations-Spielraum.

„Ich bin davon überzeugt, dass auch ihm aktuell eine Pause gut tut. Ich habe ihm gesagt, dass wir auch auf seiner Position viele Alternativen haben, gerade mit jüngeren Spielern“, sagte Löw, der nach der WM schon Sami Khedira aufs Abstellgleis geschoben hatte.

Boateng reagierte moderat auf seine vorerst temporäre DFB-Absenz. „Nach einem sehr guten und vertrauensvollen Gespräch mit dem Bundestrainer sind wir so verblieben, dass ich nach einem anstrengenden Jahr für die beiden anstehenden Länderspiele eine Pause bekomme, um in München weiter an meiner Fitness zu arbeiten“, schrieb er bei Twitter und wünschte, verbunden mit einem Dank an Löw, dem Team „alles Gute“. Es gebe keine Notwendigkeit, davon zu sprechen, „das ist jetzt das Ende von Jérôme in der Nationalmannschaft“, betonte Bayern-Coach Kovac.

Kurz zuvor hatte der 30-jährige Boateng in einem Doppel-Interview mit Herbert Grönemeyer mit Aussagen zu rassistischen Anfeindungen gegen ihn besonders in seiner Zeit als Jugendspieler für Aufsehen gesorgt. „Bei manchen Spielen in Marzahn oder in Leipzig haben die Eltern von den Spielern anderer Teams uns bespuckt. Dabei waren manche von uns gerade mal zehn Jahre alt“, berichtete Boateng in seinem eigenen neuen Lifestyle-Magazin „Boa“. Seine Töchter würde er in bestimmte Berliner Stadteile nicht gehen lassen.

Bei einem Pokalspiel in der Hauptstadt habe der Vater eines Gegenspielers ihn „die ganze Zeit beleidigt und seinem Sohn zugerufen: 'Mach den fertig, den Scheiß-Nigger'. Irgendwann hab ich angefangen zu heulen“, erzählte Boateng.

Erneut verteidigte der Münchner den nach der WM im Zorn über rassistische Fan-Anfeindungen aus dem DFB-Team zurückgetretenen Mesut Özil. „Nach dem Turnier erst wurde mir klar, dass wir im Team viel mehr für Mesut hätten tun und uns öffentlich für ihn stark machen können“, sagte Boateng. Das Nationalteam habe „ein ganz anderes Image verpasst bekommen, obwohl wir jahrelang dafür gekämpft haben, mit dem Team nicht nur erfolgreich zu spielen, sondern auch ein modernes Bild von Deutschland auszustrahlen“, betonte der gebürtige Berliner.

Zum Jahresabschluss rückt wieder der 22 Jahre alte Jonathan Tah als Boateng-Ersatzmann in Löws Aufgebot. Schon im Oktober war der Leverkusener eingesprungen, nach dem sich Boateng beim 0:3 in den Niederlanden mit muskulären Problemen bis zum Abpfiff gequält hatte und für das Spiel in Frankreich (1:2) nicht mehr zur Verfügung stand.

Nach 76 Länderspielen muss Boateng jedenfalls nun erstmal zuschauen, wie sich potenzielle Erben präsentieren. „Diese müssen natürlich erst mal beweisen, dass sie an das Niveau von Jérôme herankommen können“, beschrieb Löw seine Politik des behutsamen Personalwandels.

Neben Boateng fehlen auch Ilkay Gündogan (Fitness-Rückstand), Ersatz-Torwart Marc-André ter Stegen (Schulterprobleme) und Emre Can (Erkrankung). Noch offen ist der Einsatz von Torjäger Timo Werner, den eine Zehenverletzung plagt. Sollte der 22-Jährige nicht für das Bundesliga-Heimspiel von RB Leipzig am Sonntag gegen Leverkusen fit werden, falle er auch für die Nationalmannschaft aus, sagte RB-Trainer Ralf Rangnick.

Neulinge holte der Bundestrainer diesmal keine. Prominenter Rückkehrer ist Marco Reus, der im Oktober fehlte. „Natürlich freue ich mich für Marco, dass er endlich wieder eine starke Phase mit Borussia Dortmund hat. In dieser Verfassung kann er auch der Nationalmannschaft Rückenwind geben“, sagte Löw. Mit dabei sind auch wieder Leroy Sané und Serge Gnabry, mit denen der Bundestrainer in Paris als jungem Turbosturm ein Signal zum Wandel gegeben hatte.

Läuft es für das Löw-Team schlecht, könnte der Abstieg aus der Gruppe der Topnationen sogar schon vor dem Duell gegen Oranje besiegelt sein. Gewinnt Holland am 16. November gegen Frankreich, ist Deutschland definitiv Letzter der Gruppe 1 und müsste bei der nächsten Auflage des Wettbewerbs 2020 gegen Teams der zweiten Kategorie antreten. Verlieren die Niederländer gegen den Weltmeister, wäre die Löw-Elf mit einem eigenen Sieg gegen Oranje gerettet.

„Natürlich wollen wir alles tun, um in der Liga A zu bleiben, aber wir haben es nicht mehr allein in der Hand. Unser Blick geht über den Tellerrand der Nations League hinaus. Die Europameisterschaft 2020 ist das nächste große Ziel“, sagte Löw.

Das DFB-Aufgebot:

Tor: Manuel Neuer (FC Bayern München), Bernd Leno (FC Arsenal), Kevin Trapp (Eintracht Frankfurt)

Abwehr: Matthias Ginter (Borussia Mönchengladbach), Jonas Hector (1. FC Köln), Mats Hummels (Bayern München), Thilo Kehrer (Paris Saint-Germain), Antonio Rüdiger (FC Chelsea), Nico Schulz (1899 Hoffenheim), Niklas Süle (Bayern München), Jonathan Tah (Bayer Leverkusen)

Mittelfeld/Angriff: Julian Brandt (Bayer Leverkusen), Julian Draxler (Paris Saint-Germain), Serge Gnabry (Bayern München), Leon Goretzka (Bayern München), Kai Havertz (Bayer Leverkusen), Joshua Kimmich (Bayern München), Toni Kroos (Real Madrid/nur für Niederlande-Spiel), Thomas Müller (Bayern München), Marco Reus (Borussia Dortmund), Sebastian Rudy (FC Schalke 04), Leroy Sané (Manchester City), Mark Uth (FC Schalke 04), Timo Werner (RB Leipzig).

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