Ex- Skirennläuferin Hilde Gerg im Interview:„Mittlerweile bin ich gern die Wilde Hilde“

 Der Gold-Moment: Hilde Gerg mit ihren Olympiamedaillen aus Nagano.
Der Gold-Moment: Hilde Gerg mit ihren Olympiamedaillen aus Nagano. (Foto: Fotos: imago images)
Redakteur

Sie nannten sie die „Wilde Hilde“, doch lange konnte Hilde Gerg mit ihrem Spitznamen nicht allzu viel anfangen. Dabei überzeugte die heute 46-Jährige auf den Skipisten dieser Welt vor allem mit ihrer dynamischen Fahrweise und ihrer quirligen Art. Wie aus dem kleinen Bergmadl die Slalom-Olympiasiegerin von 1998 in Nagano wurde und welche zahlreichen Wendungen das Leben der heute in Schönau am Königssee lebenden dreifachen Mutter noch nahm, hat sie in ihrem Buch „Hilde Gerd – Der Slalom meines Lebens“ (288 Seiten, ISBN 978-3-98588-000-3, 18,95 Euro) festgehalten. Felix Alex hat mit ihr gesprochen.

 Hilde beim Bayerischer Sportpreis 2021.
Hilde beim Bayerischer Sportpreis 2021. (Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON via www.imago-images.de)

Frau Gerg, wir starten unsportlich. Anfang 2021 betrieben Sie einige Corona-Teststationen, hatten 33 Mitarbeiter, noch im Sommer hätten viele darauf gesetzt, bald zu schließen, nun sieht die Lage auch bei Ihnen sicher wieder ganz anders aus, oder? Müssen Sie wieder selbst zum Stäbchen greifen?

Abstriche habe ich selbst nur ganz am Anfang gemacht, kurze Zeit später war dann vor allem das Administrative meine Aufgabe. Schauen, dass die Software läuft, dass Computer und Tests vor Ort sind, Dienstpläne erstellen und vieles andere. Aktuell mache ich dahingehend aber nichts mehr. Ich habe meine Teststationen tatsächlich Anfang Juni geschlossen, weil ich es grundsätzlich als kürzeres Projekt angesehen hatte und der Meinung war, dass dieser Virus nun auch ohne diese ganzen Testungen in den Griff zu bekommen wäre.

So kann man sich irren. Ich habe mit meinen drei Kindern und meinen Ferienwohnungen aber genug zu tun. Wäsche der Ferienwohnungen waschen, dazu die Büroarbeit und aktuell, wenn der Hauptteil der Gäste im Herbst abgereist ist, steht der Großputz an.

Dreifache Mutter, Olympia-Goldgewinnerin und Teststellenleiterin, auch wenn Sie lange wenig mit Ihrem Spitznamen anfangen konnten, im Rückblick durchaus ein Paraderitt mit vielen Wendungen der „Wilden Hilde“, oder?

Manchmal gab es wirklich Phasen, in denen alles viel war. Dienstpläne erstellen und Löhne auszahlen musste ich während meiner Skikarriere ja nie. (lacht) Das mit der „Wilden Hilde“ stimmt aber absolut. Es war und ist immer eine Frage der Definition von „wild“. Damals hatte ich immer das Gefühl, dass es darauf begrenzt wurde, dass ich gerne fortgehe und eine freche Klappe habe oder irgendwie burschikos bin. Da habe ich mich nicht drin gesehen. Wenn man es aber so bezeichnet, dass ich Dinge anpacke, dass viel passiert im Leben und es nie langweilig ist, dann stimmt das aber schon. Mittlerweile bin ich gerne die „Wilde Hilde“.

Dabei begann es einst beschaulich auf einer Hütte im Skigebiet, die Ihre Eltern betrieben. Nehmen Sie uns bitte kurz mit in Ihre Kindheit.

Wenn abends um 17 Uhr die Gäste weg waren, war man allein mit sehr viel Natur – ohne Autolärm oder Straßenlaternen, im Sommer dafür mit sehr vielen Kühen. Die Mama und der Papa haben dann den Betrieb fertig gemacht, alles geputzt und anschließend hat man es draußen genießen können, wenn die Sonne noch lang da war. Es war ja kein Berg mehr davor, der sie hätte verdecken können. (lacht) Im Winter war überall Schnee. Wir haben dann Schneeburgen gebaut, sind Ski gefahren und abends, wenn die Lifte geschlossen hatten, sind wir in herrlichen, hellen Mondnächten rausgegangen und haben es einfach nur genossen.

Auf Ski standen Sie erwartungsgemäß früh, doch was den Sport anbelangt, waren sie ein Spätzünder.

Wir waren ja oben am Berg, und man ist ja auch damals nicht aktiv auf die Suche nach einer Freizeitbeschäftigung für die Kinder gegangen. Ich bin erst in der dritten Klasse zum Skiclub gekommen und dann erst durch Tore gefahren, also aus heutiger Sicht vergleichsweise spät zum Rennsport oder dem geführten Training gekommen. Ansonsten natürlich sehr früh schon frei gefahren, das war ja dort oben unser Fortbewegungsmittel. Die ersten Ski hatte ich wohl schon mit zwei Jahren.

Aufgeholt haben Sie sehr schnell. Weltcupsiege waren dabei das eine, doch vor allem die Olympischen Spiele nehmen eine tragende Rolle in Ihrer Karriere ein, warum?

Ich liebe jeden einzelnen Weltcupsieg, aber Olympia hat einfach eine wahnsinnige Strahlkraft. Da ist man schon als Athlet sehr ehrfürchtig, wenn man sich qualifiziert. Ich durfte 1994 mit 18 Jahren schon in Lillehammer dabei sein und war damals schon wahnsinnig stolz darauf, in meiner Sportart zu den Besten Deutschlands zu gehören. Dort trifft sich ein erlauchter Kreis von Sportlern, und daher wird das für mich immer etwas Besonderes bleiben. Wenn man dann noch eine Medaille holen kann, wie 1998 Gold in Nagano, ist das natürlich das i-Tüpfelchen.

Für Wintersportler ist das doch der Karrierehöhepunkt, oder? 2002 waren Sie sogar Fahnenträgerin und später als TV-Expertin vor Ort.

Ich habe sogar mal gesagt, dass Olympische Spiele sicher einen höheren Stellenwert haben als eine Fußballweltmeisterschaft, aber die Leute haben mich dann etwas blöd angeschaut – waren bestimmt alles Fußballfans. (lacht herzhaft)

Dabei ließen Sie sich Ihren Höhepunkt 1998 mit der Goldmedaille sogar etwas verleiden, weil sie Gerede zu sehr an sich heranließen. Die sozialen Netzwerke verstärken heute diesen Aspekt sogar noch – oder?

Da wurde dann geredet, dass ich nur gewonnen habe, weil mein Trainer, der auch mein Freund war, die Route gesteckt hat. Was natürlich mit Abstand betrachtet kompletter Blödsinn war. Das Schöne im Skisport ist aber, dass man auch eine Sommerpause hat, und dann ist das Gerede vorbei und alles geht es immer von null los. Heute weiß ich nicht, wie ich das handeln würde. Den Sport würde ich natürlich immer noch gerne machen, und die Rahmenbedingungen muss man sich dann selber schaffen. Da muss man eben eine bestimmte Einstellung finden, ob und was man in den sozialen Netzwerken teilt und wie man diese nutzt.

Sie haben dann auch noch Ihren Frieden mit den Goldmedaillen gemacht und sie über zehn Jahre später aus der Schublade geholt und an die Wand gehängt. Immer noch die richtige Entscheidung?

Ich habe mich damals unter Druck gesetzt und wollte die Medaillen nicht in meiner Wohnung haben, damit mein Zuhause ein Ort der Geborgenheit ist und ich hier einfach Mensch bin, egal was ich beruflich oder sportlich erreicht hatte. So lagen sie eben im Kasten. Mittlerweile haben sie einen sehr schönen Platz erhalten. Ich laufe jeden Tag an ihnen vorbei, bin stolz drauf – und staube sie auch oft ab. (lacht wieder)

Von solchen Erfolgen ist die aktuelle Generation weit entfernt, im deutschen Skisport gibt es eine kleine Delle. Was läuft schief?

In Deutschland sind die Trainingsbedingungen schwieriger geworden. Der Schnee war früher noch in niedrigen Lagen regelmäßig da. Da hatte man mehr Schneetage mit wenig Aufwand, und das fehlt unserer Jugend. Der Trainingsaufwand, etwa für jemanden in München, ist schon immens. Der muss mehrmals die Woche 45 Minuten zum Skilift fahren. In Österreich sind es mancherorts nur vier Minuten. Es ist alles aufwendiger und komplizierter geworden und daher haben wir nicht mehr die Bandbreite. Da sind viele kleine Faktoren, denen man aber schon versucht entgegenzuwirken.

Eine Gelegenheit, sich auf ganz großer Bühne zu präsentieren, ist ja bald wieder gegeben, jedoch unter schwierigen Voraussetzungen. Wie schauen Sie auf Ihr Lieblingsgroßereignis, die Winterspiele in Peking im März nächsten Jahres?

Als Fernsehzuschauer ist mir das ja erst einmal total egal. Da schalte ich den Fernseher ein und freue mich, hoffentlich guten Sport zu sehen. Aus Sicht der Aktiven ist es natürlich ein Wahnsinnsaufwand durch die Corona-Situation. Dazu ist es ein Politikum, in dieser Zeit des Wandels nach China zu gehen. Durch den medialen Aufschrei wird das Thema Olympia aber auch noch einmal neu durchdacht. Dass etwa der Sport und nicht immer nur der Kommerz im Vordergrund stehen sollte, und das ist ja auch wieder eine gute Sache.

Ein anderes Wintersportevent steht 2022 ebenfalls auf dem Plan – die Fußball-WM in Katar (21.11 bis 18. 12.). Das hätte es aus Ihrer Sicht sicher nicht gebraucht oder?

Ich glaube, das hätte niemand gebraucht. Das Finale kurz vor Heiligabend! Da gibt es doch bloß Stress im Wohnzimmer, und Familien müssen sich entscheiden, ob das gefeiert wird oder der Fußball. Aber auch hier sieht man die fortschreitende Kommerzialisierung des Sports. Wenn sich jeder auf seine Wurzeln besinnen würde, dann hätte jede Sportart seine Chancen und Berechtigungen. Man sollte die Ursprünge in Ehren halten.

Der Ursprung in Ihrem Sport ist die Natur. Schon vor 15 Jahren haben Sie die Auswirkungen des Klimawandels gespürt. Ihr Kollege Felix Neureuther kritisierte kürzlich die Ignoranz im Skisport und regte zum Umdenken an.

Es ist schmerzlich zu sehen, wie der Winter und der Schnee nach und nach verschwindet. Ich kann meinen Kindern die Freude am Schnee nicht mehr so vermitteln, wie ich sie einst erlebt habe. Auf der anderen Seite sage ich, dass das der Wandel der Zeit ist, den man vermutlich auch nicht aufhalten kann. Ich bin nicht tausendprozentig davon überzeugt, dass nur der Mensch daran schuld ist. Eher, dass sich die Erde weiterdreht und -entwickelt. Vielleicht sind wir einfach in einer Erwärmungsphase und ich bin der Meinung, dass der Mensch gar nicht so viel Macht hat, wie wir immer meinen. Man sollte natürlich die Umwelt schützen, aber auch nicht die eine Ressource schonen und die andere dafür erschöpfen.

Auch der Mensch muss sich persönlich schützen. Im Buch schreiben Sie offen über den Tod Ihres Mannes. Auf einmal war alles anders. Wie schafft man es, an so einem Ereignis nicht zu zerbrechen?

Ich wollte diesen Schicksalsschlag in meinem Buch nicht aussparen, weil es zu meinem Leben und dem meiner Kinder dazugehört. Den Tod sollte man nicht tabuisieren. Ich habe mir damals innerlich als Ziel gesetzt, die Geschehnisse zu verarbeiten, auch wenn solche Einschnitte auf der seelischen Ebene für immer bleiben. Man sollte sie ins Leben integrieren. Ich habe schon immer darüber gesprochen, und vielleicht kann ich mit meiner eigenen Geschichte ja auch einigen Menschen Mut machen.

Sie formulieren, dass das Leben immer schön ist – auch wenn es mal turbulent und gar nicht mehr lustig ist. Wie konnten Sie sich trotz allem diese Einstellung bewahren?

Natürlich geht man auch mal durch depressive Phasen. Vor allem, wenn ich daran zurückdenke, wie der Wolfgang gestorben ist und dann der erste Schnee fiel. Das war unser Element, und dieser Moment war unendlich schmerzlich, aber dann hat das Positive überwogen. Wenn ich mich an die kleine Hilde am Berg zurückerinnere, dann bin das, glaube ich, tatsächlich einfach ich. Diese Lebensfreude kommt bei mir aus dem Inneren. Der Schnee, die Sonne, die Berge, die Menschen, das macht mir einfach wahnsinnig viel Spaß und das trage ich in mir, da bin ich beschenkt worden.

Und wenn gar nichts mehr hilft, hilft zumindest Kaiserschmarrn? Immerhin schließen Sie Ihr Buch mit dem Rezept „Kaiserschmarrn à la Hilde senior“ ...

Genau, wenn gar nichts mehr hilft, kommt Mamas Kaiserschmarrn. Der ist traditionell von unserer Hütte und den habe ich ja 1998 auch für die Skispringer in Nagano gekocht. Ebenfalls gut für die Seele ist heißer Kakao mit Sahne. Das sind die Geborgenheitsmomente, die viele aus der Kindheit noch kennen, und das hilft immer!

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