Mit der Queen im Stadion

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Dieser Nachmittag sollte legendär werden: Jürgen Seils im Jahr 1966 mit schwarz-rot-goldener Kappe auf dem Weg ins Stadion. (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung
Anja Gladisch

WM-Endspiel 1966. Deutschlang gegen England im alten Londoner Wembley-Stadion: Mit dabei ist der damals 26-jährige Jürgen Seils. Er sieht das umstrittene Tor, das die Engländer entzückt und die Deutschen frustriert. „Dass das ein Tor für die Ewigkeit ist, hab ich nicht gewusst“, sagt der heute 74-Jährige aus Baienfurt (Kreis Ravensburg), der sich das Tor von der gegenüberliegenden Kurve anschaute. „Ich stand, von der Haupttribüne aus gesehen, rechts in der Kurve, seitlich versetzt, halbhoch mit gutem Blick zum Tor“, erinnert sich Seils. Die Unsicherheit nach dem Tor, geschossen von Geoff Hurst, habe er bei allen Zuschauern gespürt. Der Schiedsrichter gab das heikle Tor für die Engländer, die Weltmeister wurden.

Per Anhalter war der Fußball-Fan damals alleine von Tübingen nach London gefahren, um das Spiel live zu erleben. Karten habe er sich gleich mehrere gekauft, um sie später auf dem Schwarzmarkt loszuwerden. An die Atmosphäre im Wembley-Stadion erinnert er sich heute noch gut. Besonders wenn er in seinem Tagebuch blättert. „Das Stadion brummte – Schlachtrufe der Engländer übertönten die Uwe-Rufe – 65000 Engländer standen 35000 Deutschen gegenüber. Und auf der Ehrentribüne die Königin von England, die Queen!“, heißt es in seinen Aufzeichnungen.

Schulterklopfen nach der Niederlage

Besonders die Fairness der Engländer habe Seils damals beeindruckt. Es habe nach dem Spiel weder Besäufnisse noch Exzesse gegeben. „Wie nach einem fast unbedeutenden Spiel gingen die Engländer nach Hause“, sagt Seils. Viele hätten ihm – dem Mann mit der Käppi in schwarz-rot-gold – nach der Niederlage auf die Schulter geklopft.

Von einer besonderen Begegnung am Kiosk erzählt Jürgen Seils gerne: Die Verkäuferin habe ihn nach dem Spiel auf Englisch gefragt: „Und Sie lächeln immer noch?“ Er habe geantwortet: „Es ist ja nur ein Spiel.“

In seiner Erinnerung ist aber nicht nur das Endspiel noch präsent: „In fast drei Wochen hatte ich Kontakt mit Menschen in etwa 100 Autos, in Lastwagen und auf Schiffen“, erzählt der Anhalter, der seine Reise auch nutze, um sich Schottland und Irland anzuschauen.

Jürgen Seils ist froh, dass er auf so ein legendäres Spiel zurückschauen kann. Heute ist er nicht ganz so locker wie damals. Wenn Borussia Dortmund im neu errichteten Wembley-Stadion gegen den FC Bayern spielt, schlägt sein Herz für die Münchner: „Wir haben 21 Jahre in Bayern gelebt und den FC Bayern noch im alten Stadion an der Grünwalder Straße gegen 1860 spielen sehen.“

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