Meckenbeurer Gregor Traber läuft das Rennen seines Lebens

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Gregor Traber.
Gregor Traber. (Foto: Imago)

 

Ob Gregor Traber seiner großen Sammlung von Instagram-Bildern, auf denen man unter anderem seine sorgsam ausdefinierten Six-respektive Tetrapacks bewundern kann, noch weitere hinzufügt nach den verrückten Tagen von Berlin? Eher nicht. „Social Media ist ein Zeitfresser. Man sollte sorgsam mit seiner Zeit umgehen - ich hab ja nochmal ein Studium begonnen, und man trainiert ja auch“, sagte der 25-Jährige aus Meckenbeuren am Samstagmittag. „Und ehrlich gesagt habe ich in manchen Wochen auch einfach keine Lust dazu. Die Bildchen sollen ja auch noch gut aussehen.“

Sechzehn Stunden zuvor hatte man gesehen, was so ein „man trainiert ja auch“ – im Leipziger Olympiastützpunkt legt Traber seit Jahresbeginn noch mehr Wert auf körperliche Stabilität als zuvor in Stuttgart– bewirken kann: virtuose Rasanz nämlich. Im Halbfinale hatte die Welt nicht nur den Traber des Jahres, sondern den des Lebens gesehen: Mit 13,26 Sekunden bei Windstille lief der gebürtige Tettnanger ein Rennen wie aus einem Guss und die drittbeste Zeit aller Teilnehmer, Bronze schien also möglich zu sein. „Es war mit Abstand das beste Rennen meines Lebens“, findet er. 2016 in Mannheim war er zwar eine 13,21 gelaufen, damals aber mit 1,8 Metern Rückenwind.

Dass es mit der Medaille dann doch nicht klappte – Traber touchierte die ersten Hürden, irgendwann auch Nebenmann Balazs Baji aus Ungarn und kam nach 13,46 Sekunden als Fünfter zwölf Hundertstel hinter dem Dritten ins Ziel - sei's drum. Traber beschloss, das Glas als voll zu betrachten. „Ein Halbfinale ist eben kein Finale, das hat man wieder gesehen. Ich bin nicht in meinem Rhythmus gekommen, aber das ging ja vielen so. Es war ja mein erstes Finale bei der vierten EM - nach drei Halbfinals. Das war mein erstes großes Ziel, und auch im Endlauf hab ich die Leute geschlagen, die ich unbedingt schlagen wollte. Berlin wird mir Auftrieb geben, ich bin sicher, die besten Jahre kommen noch. Das nächste Ziel ist, 2019 in Katar auch bei einer WM mal im Endlauf zu stehen.“ Bei Olympia in Rio hatte Traber den Endlauf um gerade mal zwei Hundertstel verpasst, bei der WM 2017 in London hatte er verletzt gefehlt.

Jahre, in denen er immer wieder an Verletzungen laborierte, vor allem an einer Schambeinentzündung, haben Traber demütig gemacht. Der 25-Jährige beschäftigt sich seither - unüblich für junge Läufer - mit allem, was anderen hilft und auch ihm helfen könnte: mit der Feldenkrais-Methode, mit Ruhe-Meditationen, mit der Lehre vom reinen Augenblick. Eigentlich sei Hochleistungssport einfach, Bundestrainer Jan May habe ihm gesagt: „Gregor, alles, was Du tun musst, ist mal zwei Jahre lang gesund bleiben.“ Dann kann der Körper aufgebaut werden, dann könne er vielleicht eines Tages auch eine 13,15 laufen. Oder eine 13,17, also jene Zeit, die Frankreichs Europameister Pascal Martinot-Lagarde und der Russe Sergej Shubenkov im Finale schafften.

Nach Leipzig zu gehen, sei intuitiv richtig für ihn gewesen, trotz eines gewissen Risikos. „Risiko ist die Abweichung zum Erwartungswert. Das kann auch in die Hose gehen“, sagt Gregor Traber noch. „Für mich hat es sich gelohnt.“

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