Marcel Hirscher vor dem Rpckzug: „Wir verlieren einen ganz Großen“

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 Anfang 2019 bejubelte Marcel Hirscher seinen Sieg in Adelboden mit einer Kuhglocke. Bilder wie diese dürfte es nie wieder geben
Anfang 2019 bejubelte Marcel Hirscher seinen Sieg in Adelboden mit einer Kuhglocke. Bilder wie diese dürfte es nie wieder geben, wenn der Skistar wie erwartet abtritt. (Foto: Jean-Christophe Bott)
Florian Kinast

Auch David Alaba wirkte ergriffen. Der österreichische Nationalspieler des FC Bayern sprach am Samstag nach dem 6:1 gegen Mainz nicht nur über sein sehr anshenliches Freistoßtor – sondern auch über das Thema, das gerade seine Heimatnation bewegt. „Ihr wisst ja selbst, was für eine Legende er ist“, sagte Alaba den Reportern. „Er hat uns Österreichern so viel Freude bereitet. Dass er jetzt aufhört, ist extrem schade.“

Am Mittwoch wird Marcel Hirscher, der weltbeste Skifahrer der Gegenwart und vielleicht auch der Geschichte, wohl seinen Rücktritt erklären. Der 30-Jährige hat zu einer Pressekonferenz in Salzburg geladen, angekündigt haben sich Medien aus aller Welt. Der ORF überträgt zur Prime Time. Servus TV auch für die deutschen Zuschauer. Live ab 20 Uhr.

Marcel Hirscher, zweifacher Olympiasieger, siebenmaliger Weltmeister. Sieger in 67 Weltcup-Rennen. Achtmal am Stück Seriensieger des Gesamtweltcups. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in den Salzburger Alpen, Sohn des Hüttenwirts der Stuhlalm im Lammertal, früh abgeschrieben wegen seines Fahrstils, die Juniorentrainer bescheinigten ihm, würde er die Kurven um die Slalomtore so extrem eng weiterfahren, könne er mit 14 seine Knie wegschmeißen. Heute ist Hirscher 30 und erfreut sich bester Gesundheit, weshalb sein Rücktritt zum jetzigen Zeitpunkt im ersten Moment erstaunt – so auch Felix Neureuther, der sich mit Hirscher über viele Jahre große Duelle lieferte. „Ich habe bis zuletzt gehofft, dass der Marcel weitermacht“, sagte Neureuther am Samstag, „mich überrascht das, ich hätte damit nicht gerechnet. Extrem bitter, damit verlieren wir einen ganz Großen des Sports.“

Neureuther und Hirscher verband nicht nur eine gesunde Rivalität, auch eine enge Freundschaft. 2013, als Hirscher auf der Autofahrt zum Rennen nach Garmisch heftige Magenkoliken plagten und er auf der Suche nach einem Arzt bei Neureuther anrief, schickte der ihn sofort zum Spezialisten seines Vertrauens. „Der Felix ist für mich wie ein großer Bruder“, sagte Hirscher einmal.

Einbeinige Kniebeugen mit 30-Kilo-Langhantel über dem Kopf

Und warum das Ende gerade jetzt? Mit 30, im besten Skifahreralter? Viele große Titel wären noch zu gewinnen gewesen, auch die ewige Bestmarke von Ingemar Stenmark mit 86 Weltcup-Siegen hätte er bald erreicht. Wer bei seinen Interviews in den vergangenen Jahren freilich genau hinhörte, spürte, dass ihn Zweifel begleiteten, wie lange er sich das noch antun möchte. Vor einem Jahr sagte er als frischgebackener Vater, die Geburt seines Sohnes habe ihm gezeigt, dass „Blau und Rot nicht das Wichtigste“ sei, eine Anspielung auf die Farben der Slalomstangen.

Das ewige Herumreisen im Winter, der Kurzurlaub nach Saisonende im April. Der Wiedereinstieg ins Training im Mai. Nach zwölf Jahren im Weltcup kann das auch einen Marcel Hirscher zermürben, im vergangenen Winter wirkte er oft ausgelaugt. Doch selbst da dominierte er die Konkurrenz.

„Er ist immer bis zum Anschlag gegangen, ihn hat immer das Streben nach Perfektion getrieben“, sagt Neureuther, der im März seine Karriere beendete und kürzlich erst erklärte, der Schritt sei für ihn auch „eine Befreiung“ gewesen. „Der Marcel könnte das Programm auch runterfahren und würde den Weltcup auch mit weniger Aufwand dominieren“, sagt Neureuther, „aber das war nicht sein Anspruch. Bei ihm gab’s nur 150 Prozent oder gar nix.“ Oft wirkte Hirscher besessen, getrieben, vor allem von sich selbst. Kaum einer quälte sich so wie er, zu seinen Lieblingsübungen gehörten einbeinige Kniebeugen mit einer 30-Kilo-Langhantel über dem Kopf oder Liegestützen mit Händen und Füßen in vier Ringen, wie man sie vom Kunstturnen kennt.

Und stand er mal wieder oben auf dem Podium, wirkte es, als könne er es gar nicht genießen. Weil er schon wieder an das nächste Rennen dachte. Den Druck spürte, dann wieder oben zu stehen. Den Druck ist er nun los. Wie man hört, versuchten Trainer, Betreuer, Funktionäre zuletzt verzweifelt, ihn noch umzustimmen, ihn zur Fortsetzung der Karriere zu bewegen. Vergeblich.

Am Samstag besuchte Hirscher mit Frau Laura die Salzburger Festspiele, sie sahen „Salome“ von Richard Strauss. Hirscher mag Opern, er mag es auch, auf dem Motorrad unterwegs zu sein oder im Kajak. Hirscher muss jetzt auch keine Rücksicht mehr nehmen auf ausgewogene Ernährungspläne, er kann jetzt wieder Kaiserschmarrn und Schnitzel essen und seine geliebte Speckjause, all das, was ihm als Kind bei Mama Sylvia auf der Stuhlalm schon so schmeckte. Hirscher hat jetzt Zeit für Freizeit und Familie. Zeit, das Leben zu genießen, ein buntes Leben mit vielen Farbnuancen. Abwechslungsreicher als nur Blau und Rot.

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