Magdalena Neuner: „Man muss nicht Everybody's Darling sein“

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Magdalena Neuner
Magdalena Neuner, ehemalige Biathletin, am Rande eines Pressetermins. (Foto: Matthias Balk / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Interview: Volker Gundrum

Magdalena Neuner hat gerade ihren 33. Geburtstag gefeiert.

Im Interview der Deutschen Presse-Agentur verrät die Rekord-Weltmeisterin, warum sie bei den Biathlon-Weltmeisterschaften in Antholz nicht mehr als Sportlerin dabei ist. Und wie sich ihr Leben seit ihrem überraschenden Titel-Triple in Südtirol im Februar 2007 entwickelt hat.

Frage: Vor 13 Jahren sind Sie über Nacht berühmt geworden...

Antwort: Damit konnte ich erst einmal nicht so gut umgehen. Ich war total verunsichert und überfordert. So richtig unangenehm wurde es nach dem Winter, als plötzlich wildfremde Leute vor der Haustür standen, ich mit dem Schreiben von Autogrammkarten nicht mehr nachkam. Da habe ich erst so richtig realisiert, dass sich ganz schön viel verändert hatte in meinem Leben. Meine ganze Familie, meine Eltern haben ganz schön geknabbert.

Frage: Wie meistert man so eine Situation? Irgendwann macht es klick, und man sagt: Jetzt bin ich berühmt?

Antwort: Wir haben in der Familie viel drüber gesprochen. Erst habe ich versucht, immer freundlich zu sein und jedem Wunsch gerecht zu werden. Aber ich habe relativ schnell gemerkt, dass das nicht funktioniert, dass man sehr wohl auch mal lernen muss, nein zu sagen.

Frage: Nein zu sagen - für Sie eigentlich ungewöhnlich?

Antwort: Ja, ich bin anders, traditionell aufgewachsen. Da geht es darum, sich in eine Gemeinschaft einzufügen, nicht gegen den Strom zu schwimmen, also im Endeffekt nicht aufzufallen. Ich habe noch so ein bisschen diese Sätze im Kopf, das tut man nicht, das macht man nicht.

Frage: Sprechen Sie mit ihren Eltern über die Vergangenheit?

Antwort: Wir haben uns erst vor Kurzem darüber unterhalten. Meine Eltern haben gesagt, sie würden jetzt in der Erziehung wahrscheinlich vieles anders machen, weil sie jetzt auch nicht mehr so denken, dass man eben allem gerecht werden muss. Man kann nicht jedem gefallen, man muss der Masse nicht gerecht werden, man muss nicht Everybody's Darling sein.

Frage: Trotzdem kommen Sie bei den Menschen an.

Antwort: Mein Papa hat vor Kurzem gesagt: Kannst du dich noch daran erinnern, dass ich immer zu dir gesagt habe: Bleib einfach du selbst. Verbieg' dich nicht und spiele nicht irgendwas, was du nicht bist. Das war nach der WM, wo ich nicht mehr so richtig wusste, wer will ich sein? Wer bin ich? Genau in der Phase habe ich angefangen, mit meinem Mentaltrainer zusammenzuarbeiten, der mich jetzt seit zwölf Jahren unterstützt.

Frage: Wer sind Sie?

Antwort: Im Grunde bin ich immer der Mensch geblieben, der ich war. Vielleicht ist es das, was mich ausmacht. Dass ich versucht habe, ich selbst zu bleiben, dazu stehe, dass ich aus dem kleinen oberbayerischen Dorf komme. Aber ich merke schon, dass ich mich die letzten Jahre so ein bisschen verändert habe, weil ich gemerkt habe, dass manches nicht so ist, wie ich das gerne für mein Leben möchte. Dass es mir nicht mehr so wichtig ist, komplett integriert zu sein. Ich fühle mich total wohl, aber ich merke, dass ich in mancher Hinsicht etwas anders ticke.



Frage: Wie erziehen Sie Ihre Kinder?

Antwort: Ich bin schon manchmal eine strenge Mama, habe meine Wertvorstellungen. Es ist mir wichtig, dass die Kinder anständig sind, dass sie grüßen, bitte und danke sagen - die Erziehungsgrundlagen halt. Aber sich trotzdem jetzt schon trauen zu sagen, das möchte ich nicht. Mir ist es wichtig, dass meine Kinder nicht alles runterschlucken, dass sie einfach ehrlich sagen, wie sie jetzt empfinden und wie es ihnen dabei geht.



Frage: Zu Gunsten ihrer Biathlon-Karriere sind Sie früh von der Schule abgegangen. Würden Sie Ihren Kindern das erlauben?

Antwort: Ich würde immer versuchen, den Weg meiner Kinder zu unterstützen. Aber es muss schon irgendwie begründet sein. Und mir ist wichtig, dass wir darüber sprechen. Dass meine Kinder mir einfach sagen, warum sie welchen Weg einschlagen möchten.

Frage: War es für Sie eine schwere Entscheidung, die Schule mit dem Realschulabschluss zu verlassen?

Antwort: Nein, ich habe ja sowieso - in Anführungsstrichen - nur Realschule gemacht. Ich finde, dass es vielleicht sogar überbewertet wird, dass man die Kinder unbedingt ins Gymnasium stecken muss. Bei mir ging es nach der vierten Klasse darum, ob ich aufs Gymnasium gehe oder ob ich noch zwei Jahre Hauptschule mache, um dann auf die Realschule zu gehen. Für mich war ganz klar: Ich möchte Biathlon so weitermachen, das ist für mich das Wichtigste. Und da kann ich halt nicht auf das Gymnasium, obwohl ich eine gute Schülerin war.



Frage: Biathlon war Ihr Leben, ab wann hat es keinen Spaß mehr gemacht?

Antwort: Es hat mir wirklich bis zum letzten Tag total Spaß gemacht. Aber nach den Olympischen Spielen 2010 habe ich gemerkt: Jetzt hat sich irgendwas verändert, irgendwas ist passiert. Ich habe auch erst im Juli wieder angefangen zu trainieren. Sehr spät, weil ich so eine Findungsphase hatte. Ich war Gesamtweltcupsiegerin. Ich war Weltmeisterin und dann kam eben dieser Olympiasieg. Aus sportlicher Sicht hatte ich in dem Moment alle meine Ziele erreicht. Ich spürte gar keine richtige Motivation und keinen richtigen Antrieb.



Frage: Wie sind Sie aus dem Tief gekommen?

Antwort: Ich habe seit meiner Kindheit im Grunde immer dieses Ziel verfolgt, Olympiasiegerin zu werden. Ich habe gemerkt, wie wichtig Ziele für Sportler sind. Ich habe mit den Trainern darüber gesprochen. Und dann haben wir im Endeffekt das neue Ziel definiert: Die Heimweltmeisterschaft 2012 in Ruhpolding. Aber ich habe auch gemerkt, dass es in meinem normalen Leben Dinge gibt, die mich vielleicht sogar noch mehr motivieren, als weiterhin Sport zu machen.



Frage: Unmittelbar nach Olympia 2010 haben Sie erstmals an ihr Karriereende gedacht.

Antwort: Die Spiele waren für mich auf der einen Seite natürlich super schön, super emotional. Auf der anderen Seite waren sie extrem anstrengend und extrem ernüchternd. Dieser Hype, dieses Auf-mich-Stürzen hat mich überfahren.

Frage: Aber das waren Sie ja gewohnt. Oder?

Antwort: Das war damals noch eine ganz andere Nummer. Ich hatte das Gefühl, ich habe überhaupt keine Macht mehr über mich selbst. Ich war irgendwie völlig verloren in diesem ganzen Trubel. Es gab auch so ein paar Situationen in der Mannschaft, ein paar Unstimmigkeiten. Im Endeffekt sind die Medaillen ausgeblieben im deutschen Team. Die Mädels waren nicht so erfolgreich, wie sie es sich alle erhofft hatten. Ich habe einfach gemerkt, dass die Stimmung total gekippt ist im Team. Alle waren super enttäuscht und ich kam rein mit meiner Goldmedaille - es war nicht einfach. Ich war froh, dass meine Eltern vor Ort waren.

Frage: Aber Olympiasiegerin war doch Ihr Kindheitstraum, das hätten Sie doch genießen können?

Antwort: Es war nicht alles nur schlecht, aber es war halt schon auch extrem. Ich glaube, Laura Dahlmeier würde genau dasselbe sagen. Vielleicht liegt es an uns, dass wir einfach nicht die Typen sind, dass wir vielleicht nicht dafür gemacht sind. Vielleicht sind wir zu weich.



Frage: Vielleicht liegt es ja am System Olympia?

Antwort: Ich bin jetzt nicht so ein Mensch, der immer nur die Schuld bei anderen sucht. Aber man muss schon hinterfragen, ob man nicht den Sportlern einfach ein bisschen mehr Genuss lassen sollte. Im Endeffekt bist du irgendwie auch eine Marionette, die funktionieren muss. Als ich in meiner Kindheit Olympia angeschaut habe, dachte ich, das muss toll sein, wenn man da dabei ist.



Frage: Was hat Sie denn besonders gestört?

Antwort: Ich hätte es gern einfach ein bisschen mehr genossen. Es gab auch einfach ein paar Situationen, die mich menschlich enttäuscht haben. Meine Eltern waren dabei, und ich hatte unsere Trainer gefragt, ob es möglich ist, dass sie eine Eintrittskarte zur Siegerehrung bekommen, als ich die Goldmedaille gewonnen haben.



Frage: Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Antwort: Am Ende war es so, dass meine Eltern ganz hinten draußen standen, weil sie nicht rein durften, und unsere Funktionäre standen in der ersten Reihe. Meine Eltern haben es dann bei der zweiten Siegerehrung so gemacht, dass sie sich direkt an die kanadischen Volunteers gewendet haben, die haben sie dann ganz nach vorne gebracht. Das sind halt alles kleine Puzzleteile, die am Ende dazu führen, dass du dir Gedanken machst: Möchte ich das wirklich noch einmal erleben?

Frage: Wenn Sie jetzt nach Antholz fahren, kommen da die Erinnerungen zurück? Dort haben Sie bei Ihrer ersten WM dreimal Gold.

Antwort: Ich freue mich total, mich wieder ein bisschen in 2007 zurück zu beamen. Meine Tochter will manchmal wissen, was die Mama eigentlich früher gemacht hat. Dann schauen wir uns manchmal so ein Youtube-Video an. Das ist dann echt schön. Ich genieße es richtig.

Frage: Ihre Kinder sehen Sie ja auch an den Biathlon-Wochenenden im Fernsehen.

Antwort: Manchmal kriege ich Handyfotos geschickt, wie sie vor dem Fernseher stehen und mir zuwinken.

Frage: Irgendwie ist das ein symbolisches Bild für Ihre unterschiedlichen Leben. Ein Spagat?

Antwort: Das empfinde ich gar nicht so, aber ich muss manchmal ein wenig lachen, wenn die Leute mich fragen: Sind sie jetzt Frau Holzer oder sind sie Frau Neuner? Dann muss ich ehrlich sagen: Im Grunde führe ich ein Doppelleben. Wenn ich von zu Hause telefoniere, melde ich mich immer mit Holzer, da bin ich halt Magdalena Holzer. Sobald ich irgendwie im Auto sitze und weiß, ich fahre jetzt arbeiten, da bin ich Magdalena Neuner.

Frage: Gab es nie die Überlegung, Ihren Mädchennamen abzulegen?

Antwort: Nein, eigentlich nicht. Ich bin schon auch gerne noch Magdalena Neuner. Ich hätte es nicht richtig empfunden, den Namen einfach so abzustoßen. Dass es die Magdalena Neuner quasi nicht mehr gibt. Im Endeffekt lebe ich davon, der Name ist eine Marke, wenn man das so banal sagen darf.

Frage: Eine Marke, mit der Sie auch im Biathlon viel bewirken könnten. Einen Trainerschein haben Sie ja?

Antwort: Wenn mein Tag 25 Stunden hätte, dann würde ich vielleicht noch eine Stunde ein Nachwuchsteam trainieren. Aber dazu habe ich im Moment keine Zeit und Motivation. Ich bin total happy, dass ich mit meinen Kindern Zeit verbringen kann.

Frage: Ist Ihre Familienplanung eigentlich schon abgeschlossen?

Antwort: Das kann ich jetzt nicht zu 100 Prozent sagen. Manchmal würde ich sagen: Ja! Es ist schön so, wie es ist. Die Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Aber ich bin auch so der Mensch, der so ein bisschen an das Schicksal glaubt. Deswegen können wir das offen lassen. Wer weiß, was kommt.



Frage: Auf alle Fälle der Umzug ins neue Haus.

Antwort: Im Frühling ist es endlich soweit. Mein Mann hat ganz viel am Haus selber gemacht. Es ist wirklich ganz toll geworden. Wir haben das Haus selber geplant. Mein Mann ist ja Zimmermann und Bautechniker, er hat es selber gezeichnet, wir haben wirklich gemeinsam überlegt, wie wir es haben wollen. Wenn man ins Haus kommt und das Gefühl hat: Es ist einfach so, wie wir leben wollen, ist das sehr schön.

Frage: Worauf haben Sie dabei Wert gelegt?

Antwort: Ich wollte eine große Wohnküche, ich koche ja auch in meiner Küche. Da gibt es eine große Koch-Insel, wo die Kinder auf einer großen Sitzbank mit dran sitzen und mitmachen können. Dieses Gemeinsame, das war mir wichtig. Aber jeder hat auch sein eigenes Zimmer. Ich wollte unbedingt ein Arbeitszimmer haben, denn im Moment spielt sich in der kleinen Wohnung alles am Esstisch ab. Jetzt habe ich endlich auch einen Raum, wo ich mich mal zurückziehen kann - das ist mein großer Luxus. Dann haben wir uns im Keller einen großen Fitnessraum gegönnt.

ZUR PERSON: Magdalena Neuner ist mit zwölf Titeln Biathlon-Rekordweltmeisterin und zweimalige Olympiasiegerin. Die 33-Jährige beendete 2012 ihre Karriere. Die zweifache Mutter ist unter anderem als ARD-Fernsehexpertin tätig.

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