Linda Fröhlich: „Unfreundlich und dreist!“

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Deutsche Presse-Agentur

Linda Fröhlich gilt als beste deutsche Basketballspielerin. Dennoch verzichtet der Deutsche Basketball-Bund (DBB) vorerst auf die Nationalmannschafts-Dienste der 29-jährige Profispielerin. In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa wehrt sich Fröhlich gegen die Vorwürfe des Verbandes und gegen den Rauswurf Mitte Januar.

Sie werden gemeinhin als „Dirk im Rock“, als Dirk Nowitzki des deutschen Frauen-Basketballs bezeichnet. Trotzdem sind Sie während der Qualifikation für die Europameisterschaft kurz vor dem entscheidenden Spiel gegen die Ukraine am 16. Januar vom Präsidium des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) aus der Nationalmannschaft geworfen worden.

„ Für mich war es immer ein große Ehre für die Nationalmannschaft zu spielen und mein Land zu repräsentieren. Das Problem mit dem DBB begann im Sommer 2008, als ich einen Vertrag mit der WNBA in Sacramento hatte. Während dieser Zeit stand allerdings auch der erste Teil der Qualifikation für die EM an. Ich wollte natürlich unheimlich gerne für Deutschland spielen, konnte aber nicht so einfach auf mein Einkommen in der WNBA verzichten. Deshalb hatte ich den DBB gefragt, ob und was er denn tun könne, um mich zu unterstützen. Ich dachte daran, Basketball-Camps in Deutschland durchzuführen oder an Marketing-Möglichkeiten und andere Dinge. Der DBB hat zu allem 'Nein' gesagt. Dabei habe ich niemals danach gefragt, ob mir mein Gehalt voll ersetzt wird. Doch dann bin ich sehr krank geworden und das Problem hatte sich erledigt.“

Was war mit Ihnen los?

„Mir begann sehr schwindelig zu werden, ich musste andauernd Erbrechen und hatte ein ständiges Piepen im Ohr. Es wurde so schlimm, dass ich im Bett bleiben musste. Die Ärzte haben dann Morbus Meniere diagnostiziert. Das ist eine Erkrankung des Innenohres. Es fühlt sich so an, als wäre man seekrank, nur 100 mal schlimmer. Deshalb war ich also nicht in der Lage, in der WNBA oder in der Nationalmannschaft zu spielen. Fünf Monate später ging es mir wieder besser und ich habe einen Drei-Monats-Vertrag in der Slowakei unterschrieben, der am 17. Dezember ausgelaufen ist.“

Dort wurden Sie nach einer positiven Doping-Probe gesperrt.. .

„Ich wurde positiv auf Hydrochlorothiazide getestet. Das ist ein Medikament, das mir von meinem US-Arzt verschrieben wurde. Es wird bei Morbus Meniere eingesetzt und hilft dem Körper den Flüssigkeitshaushalt zu regulieren. Mir war bekannt, dass das Medikament als Maskierungsmittel auf der Anti-Dopingliste steht. Deshalb habe ich es gleich bei meiner Ankunft in der Slowakei beim Teamarzt angegeben und das wurde auch dokumentiert. Leider wurde das Dokument an die falsche Adresse geschickt, und als ich dann getestet wurde, lag keine Dokumentation beim Weltverband FIBA vor. Ich wurde gesperrt, aber bei einer Anhörung am 5. Januar 2009 freigesprochen. Der DBB hat mir in dieser Sache sehr geholfen. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Warum haben Sie dann nicht für die Nationalmannschaft gespielt?

„ Es kam ein Angebot aus Brünn. Dieses Team wollte, dass ich am 27. Dezember zur Mannschaft komme. Mein Agent hat mehrere Male versucht, mein Anreise-Datum zu verschieben, aber spätestens am 8. Januar sollte ich da sein. Durch das Hinauszögern in der Verhandlungsphase, um das Antreten für den DBB zu ermöglichen, habe ich letztendlich 75 000 Dollar verloren. Ich hatte in dieser Zeit fast täglich mit der Nationalmannschaft gesprochen und deutlich gemacht, dass ich vielleicht nicht bei der Qualifikation dabei sein könnte, da der Vertrag in Brünn zu gut war, um abgelehnt zu werden. Der DBB-Vorstand hatte mir mehrfach gesagt, dass er meine Entscheidung respektieren würden.“

Trotzdem dann diese harte Entscheidung des Präsidiums.

„Das Schlimmste war, dass ich das Ganze erst über das Internet erfahren habe, als ich mich über mein Nationalteam auf der DBB-Seite informieren wollte und ich zu meiner Überraschung den Artikel fand, in dem gesagt wurde, dass ich nicht mehr im DBB-Kader bin. Wie unprofessionell, unfreundlich und ganz einfach dreist! Sie hätten mir zumindest eine SMS schicken können, ehe sie das Ganze an die Öffentlichkeit bringen.“

Wie groß ist Ihre Enttäuschung?

„Es tut sehr weh. Nach all den Jahren hatte ich gedacht, wir wären eine Familie. Ich dachte immer, dass ihnen wirklich etwas an mir liegt, und zwar auch als Person. Ich dachte, sie wären meine Freunde.“

Als Begründung für ihren Rauswurf wurde angegeben, Sie hätten 'zum wiederholten Mal ihre Zusage nicht eingehalten, in den EM- Qualifikationsspielen für die deutsche Mannschaft zu spielen'.

„Ohne meine Juniorinnen- und Kadetten-Jahre zu zählen, habe ich in den letzten zwölf Jahren im A-Kader an allen Wettbewerben teilgenommen, zu denen ich eingeladen wurde. Ich habe als Bananen- Schälerin des Teams angefangen, und habe seit jeher alles in meiner Kraft liegende getan, um den DBB mit Ehre und Würde zu vertreten. Ich habe auf vieles verzichtet, um bei all den Spielen und Maßnahmen dabei zu sein, u.a. habe ich mein Collegeteam in der Mitte der Saison verlassen, was den US-Trainern und meinen Mitspielern dort gar nicht gefallen hat. Ich habe des öfteren europäischen Teams abgesagt, weil sie die Nationalmannschaft nicht mit in ihrer Saisonplanung hatten. Von diesen Opfern wissen nur meine Familie und Freunde etwas. Ich habe in meiner Nationalmannschaftskarriere nur zwei End-Maßnahmen verpasst: Letztes Jahr musste ich aus gesundheitlichen Gründen absagen und dieses Jahr konnte ich es finanziell meiner Familie gegenüber nicht verantworten, das Angebot in Brünn nicht anzunehmen.“

Seit 1998 haben Sie 65-mal für Deutschland gespielt. Ihr 66. Einsatz soll auch daran gescheitert sein, dass der DBB Ihre finanziellen Forderungen nicht erfüllt hat.

„Das Geld, das ich 'gefordert' habe, war kein zusätzliches Honorar, sondern Kosten, die durch meine Teilnahme mit der Nationalmannschaft auf mich und meine Familie zugekommen wären. Letztes Jahr hatte ich einen Vertrag mit der WNBA, den ich hätte ablehnen müssen, um für die Nationalmannschaft zu spielen. Wenn ich nicht krank geworden wäre, hätte ich mit dem Geld meine Familie ein ganzes Jahr lang versorgen können. Die Entscheidung war also nicht - wie vom DBB behauptet -, neuer Verein oder Nationalmannschaft, sondern unterstütze ich meine Familie oder spiele ich für die Nationalmannschaft.“

Ein echter Gewissenskonflikt für eine Profi-Sportlerin. Was kann man da tun?

„Ich werde nicht die letzte deutsche Frau sein, die in der WNBA spielt, oder die letzte, die eine solche Entscheidung treffen muss zwischen ihrem Verein und der Nationalmannschaft. Bis der DBB sich mit der eigentlichen Situation auseinandersetzt und eine gute Lösung für die Förderung der Damen findet, wird es dieses Problem immer geben. Der DBB würde nie Dirk Nowitzki fragen, nicht in der NBA zu spielen, oder versuchen, ihn nach einer solchen Entscheidung in der Öffentlichkeit bloßzustellen und zu verleugnen. Man sollte meine Entscheidung, meiner Familie zu helfen, verstehen und respektieren, und nicht als etwas Skandalöses darstellen.“

Können Sie Sich trotzdem vorstellen, wieder für Deutschland zu spielen?

„Momentan konzentriere ich mich auf meine Saison hier in Brünn. Bei uns beginnt ab Dienstag wieder die Europaliga. Und ich hoffe, dass wir da weit kommen. Und danach fangen die Playoffs an.“

Was trauen Sie der deutschen Basketball-Nationalmannschaft der Frauen in Zukunft zu?

„Deutschland hat Talente. Es muss nur sorgfältigere Arbeit geleistet werden in der Talentsuche und ihrer Förderung. Wie in jedem Business muss man am Anfang etwas investieren. Wo nichts reingesteckt wird, kommt auch nichts raus. Außerdem ist es wichtig, dass die Bundesliga wieder Teams in die internationalen Wettbewerbe schickt, um auf internationaler Ebene während der regulären Saison Erfahrung zu sammeln.“

Das Fernziel heißt Olympia 2012. Ist das aus Ihrer Sicht machbar?

„2008 war es machbar. Aber wir haben es leider nicht geschafft. Und ich glaube auch 2012 haben wir eine Chance. Aber es muss mehr in den Damen-Basketball investiert werden. Der Einsatz der Damen ist da, denn schließlich opfern all diese Spielerinnen ihren Sommer. Viele verzichten in diesen Monaten auf ihr Einkommen. Es muss sich einfach ändern, dass die Nationalmannschaft zum teuren Hobby wird. In den meisten Ländern werden heutzutage Nationalspieler finanziell unterstützt und manche sogar bezahlt, Frauen genauso wie Männer. Deutschland muss sich, um längerfristig mithalten zu können, früher oder später diesen Trend anpassen... und eben nicht nur im Männer- sondern auch im Frauenbereich“

Sie haben im Basketball-Mutterland Amerika auf dem College in der WNBA, in Russland, Italien oder auch in der Türkei gespielt. Nun sind Sie in Tschechien beim Euro-League-Teilnehmer in Brünn gelandet. Wie schwer ist es, als weiblicher Basketball-Profi sein Geld zu verdienen und vom Sport zu leben?

„Es ist nicht leicht, als weiblicher Basketball-Profi sein Geld zu verdienen. Aber dann sehe ich meine Mutter, die mit einem Universitätsabschluss gerade mal einen Aushilfsjob als Putzfrau bekommt. Und dann sieht man die Relationen anders.“

Was ist so schwer daran, als Frau im Basketball Geld zu verdienen.

„Es fängt damit an, dass man als Basketballspielerin die Karriere früher beenden muss als ein Mann, wenn man eine Familie gründen möchte. Dadurch kann und möchte man sich keine Auszeit leisten. Man weiß, dass das Glück, sein Hobby zum Beruf gemacht zu haben, nicht für immer andauern wird. Nur in der WNBA zu spielen, rentiert sich momentan noch nicht. In den vier Monaten kann man nicht genug Geld verdienen, um sich ein ganzes Jahr lang über Wasser zu halten. Der durchschnittliche Lohn in der NBA beträgt fünf Millionen Dollar. In der WNBA gibt es im Durchschnitt ein Hundertstel davon. Deshalb müssen wir auch nach Europa kommen und uns hier für weitere acht Monate verpflichten lassen.“

Was verdient ein weiblicher Basketball-Profi?

„Kein schlechtes Geld, aber dafür müssen wir auch zwölf Monate im Jahr unterwegs sein. Zwölf Monate, in denen man nonstop Basketball spielen und trainieren muss. Das ist nicht einfach für den Körper und für das Privatleben. Ich lebe jetzt schon seit sieben Jahren mit meinem Mann in einer Fernbeziehung. Wir kriegen das zwar gut hin, aber es ist definitiv nicht einfach.“

Noch einmal zurück zum Thema Doping. Wie oft wurden Sie in Ihrer Karriere getestet?

„Mehrmals schon. Mindestens ein- bis zweimal pro Saison. Als Nationalspielerin bin ich schon seit Jahren im Anti-Doping-Pool und werde seit meinem 14. Lebensjahr regelmäßig getestet.“

Volker Gundrum, dpa

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