Leichtathletik-Manager Kowalski: Zu viel Leerlauf bei WM

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Flaute
Bei der Leichtathletik-WM in Doha kommt kaum Stimmung auf. (Foto: Michael Kappeler/dpa / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Ralf Jarkowski

Weniger Disziplinen, mehr Mut, stimmige Innovationen und ein attraktives Non-Stop-Programm. Nach Meinung von Event-Manager Frank Kowalski braucht die Leichtathletik heutzutage weder Regeländerungen noch Reformen.

„Entscheidend ist immer der Konsument, der Zuschauer, der Fan. Und der will nur noch maximal zweieinhalb bis drei Stunden kompakte Leichtathletik! Also muss das Programm komplexer werden“, sagte der Marketing-Experte der Deutschen Presse-Agentur am Rande der WM in Doha. „Die Leichtathletik ist und bleibt hoch attraktiv“, meinte Kowalski. Als Beispiele nannte der 55-Jährige die Weltmeisterschaften 2017 in London und die Europameisterschaften 2018 in Berlin. Bei der Heim-EM war er Geschäftsführer der GmbH - zusammen mit seinem Team konnte er im Olympiastadion viele Ideen umsetzen.

Leichtathletik-Legende Carl Lewis blickt kritisch auf die Präsentation der heutigen Events. „Wir machen unseren Sport immer noch so wie in den 1970er und 1980er Jahren“, kritisierte er in Doha. „Wir verbessern uns nicht“, mahnte der 58-Jährige, „wir machen immer und immer wieder das gleiche Ding. Dabei ist es für die Leichtathletik am leichtesten, im Fernsehen gut rüberzukommen.“

Der frühere Weltklasse-Zehnkämpfer und heutige ARD-Experte Frank Busemann sieht Licht und Schatten. „Größtes Manko und ein absolutes No Go war die schwache Zuschauerresonanz“, sagte der Olympia-Zweite von 1996. Mittlerweile habe man die Hoffnung, dass es „stimmungsvoller und einer WM würdiger“ werde. „Die Lasershow vor den 100-Meter-Finals ist gigantisch“, lobte der 44-Jährige.

Auch Kowalski schaute vor Ort besonders genau hin: „Unabhängig von der schwachen Zuschauerresonanz ist der Zeitplan in Doha leider ein Rückschritt“, kritisierte er, „damit werden stimmungssteigernde Showelemente, die teilweise wie die Präsentation der Sprinter vor den 100-Meter-Finale brillant sind, nach vorangegangenem Leerlauf irgendwie zur Farce.“

Das auch von der deutschen Top-Sprinterin Gina Lückenkemper kritisierte Aufreger-Thema der Startblock-Kameras ist für Kowalski „zu hoch aufgehängt“. Die „upper cameras“ seien für ihn „nicht mehr als ein nebensächliches Feature, gut gemeint, um die Anspannung vor dem Start noch besser zu transportieren“. Sportlerinnen hatten kritisiert, dass die Kameras die Athleten kurz vor dem Start auch zwischen den Beinen filmen.

Aus Sicht des Experten ist das Experiment „gefloppt“. Kowalski: „Das war schon sehr unglücklich, es bei einer WM zum ersten Mal zum Einsatz zu bringen. Das sollte vorher erst mal bei anderen Events getestet werden - immer unter Einbindung der Athletinnen und Athleten. Der Protest war daher gerechtfertigt.“

Die Siegerehrungen weit oben in der Stadionkurve wirken auf Kowalski trotz der tollen Optik „wie ein Fremdkörper“. Er sagt: „Da kann noch so viel Schnickschnack drumherum gemacht werden, die Athleten werden wie Heroen auf den Olymp gehoben - für die Zuschauer ist das viel zu weit weg.“

„Der nächste Schritt ist für mich das Erlebnisfernsehen, virtuell reality“, sagte der Sportwissenschaftler. Minikameras am Athleten und an den Sportgeräten sollen es dann ermöglichen, dass ein Betrachter mit 3D-Brille hautnah dabei ist und spüren kann, „wie es sich anfühlt, beim Stabhochsprung 5,80 Meter zu überqueren“.

Und direkt im Stadion sei es eigentlich „ganz einfach“, die Fans in den Bann zu ziehen: „Kurze Sessions, ein kluger und kompakter Zeitplan, professionelle Führung, eine volle Hütte und Topleistungen der Athleten, die immer im Mittelpunkt jeder Präsentation stehen sollten“, sagte der internationale Leichtathletik-Experte.

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