Kurve neun kennt keinen Konjunktiv

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Wenn der Bundestrainer vor allem Vater sein muss: Norbert Loch tröstet Felix Loch nach dessen Malheur im Eiskanal.
Wenn der Bundestrainer vor allem Vater sein muss: Norbert Loch tröstet Felix Loch nach dessen Malheur im Eiskanal. (Foto: dpa)

Die Prognose für seine dritten Olympischen Spiele hatte Felix Loch bereits im November gewagt. Gerade war der zwölfmalige Rodel-Weltmeister aus Pyeongchang zurückgekommen, mittels GPS-Daten hatte er die Ideallinie des anspruchsvollen, 1,334 Kilometer langen Eiskanals gefunden. Eine, wenn nicht die zentrale Erkenntnis: Die neunte der 16 Kurven ist, nun ja, heikel. „Wer vier fehlerfreie Läufe runterbringt“, sagte Felix Loch damals noch, „gewinnt Gold.“

„Felix hätte nur grad nach unten fahren müssen“

Es waren nur drei beim Wiedersehen im Alpensia Sliding Centre am Sonntag. Zweiter, Erster, Zweiter ist der 28-Jährige in ihnen gewesen, in der Addition lag er auf Kurs. 0,192 Sekunden Vorsprung auf den Amerikaner Chris Mazdzer wollten final verteidigt sein, dann hätte der Thüringer vom Königssee den dritten Einzel-Olympiasieg errodelt – in Folge –, dann wäre er mit seinem Mentor Georg Hackl gleichgezogen. Hätte, wäre – Kurve neun kennt keinen Konjunktiv. „Sie ist der Scharfrichter“, wird Georg Hackl sagen. Später, als Felix Loch Fünfter ist. Und untröstlich.

Die Frage diskutieren sie danach, ob das nun Missgeschick, kleiner Fehler mit großen Auswirkungen oder schlicht ganz normaler Fehler gewesen sei. Dem Protagonisten nutzte diese Klärung herzlich wenig; er beteiligte sich folglich nicht an ihr, nachdem er lange Zeit, ganz menschgewordene Enttäuschung, auf seinem Sportgerät verharrt hatte. Dann tröstete der Bundestrainer, in Personalunion Vater.

Norbert Loch gab eine Einschätzung ab, die zeigte, wie nah Triumph an Tränen liegt: „Felix hätte bloß grad nach unten fahren müssen. Er hat sein Gold einfach nur weggeschenkt.“ Dankbarer Abnehmer war unverhofft der Österreicher David Gleirscher, Chris Mazdzer fuhr zu Silber. Die Bronzemedaille für den 32-jährigen Olympiadebütanten Johannes Ludwig aus Suhl erfreute so ziemlich viele im Bob- und Schlittenverband für Deutschland.

Spät am Abend konnte Felix Loch wieder nach vorn blicken. „Darüber brauchen wir nicht reden, mit 28 habe ich schon noch ein paar Jahre vor mir. Da wird man mich in vier Jahren in Peking auf jeden Fall wieder sehen“, sagte er im Deutschen Haus auf die Frage, ob er 2022 wieder am Start sein wolle. Und eins noch: „So höre ich nicht auf!“

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