Kovac’ Kniefall

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Der FC Bayern gibt bei Transferpokern derzeit ein schlechtes Bild ab. Niko Kovac ist der Leidtragende.
Der FC Bayern gibt bei Transferpokern derzeit ein schlechtes Bild ab. Niko Kovac ist der Leidtragende. (Foto: dpa)
Patrick Strasser

Am Ende des Tages sprach Niko Kovac: „Sie dürfen mir glauben: Es ist alles wunderbar!“ Netter Versuch. Der 47-Jährige erlebte einen weiteren denkwürdigen Tag in seinem nun 13. Monat als Bayern-Trainer. Nicht wegen des 6:1 im Halbfinale des Audi-Cups gegen ein bemitleidenswert schwaches Fenerbahce Istanbul oder der knappen 5:6 Finalniederlage (1:2, 0:1) im Elfmeterschießen gegen Tottenham.. Auch nicht wegen der ordentlichen Frühform seiner Mannschaft. Sondern wegen der Kontroverse um Kompetenzen im Fall der Wunschverpflichtung von Nationalstürmer Leroy Sané.

Zu Beginn seiner zweiten Saison stapfen Kovac und Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen. Das gemeinsame Boot, eine instabile Nussschale der Kompromisse, hat erneut Schlagseite. Land unter? Gekippt ist bereits die Stimmung, das Double der vergangenen Saison kaum noch am Horizont zu erkennen. Ob es zwischen ihm und seinem Chef nun wieder Spannungen gäbe? „Da war kein Zorn, nichts“, versicherte Kovac mit aufgerissenen Augen, „da wird wieder was hineininterpretiert.“ Nicht doch – die Teilnehmer der Seifenoper um Sané liefern beständig Stoff.

Nach den Abgängen der Außenbahn-Ikonen Arjen Robben und Franck Ribéry ist der 23-jährige Sané Bayerns Wunschspieler. Das Problem: Sané hat bei Manchester City einen Vertrag bis 2021 und nachdem er sich nicht selbst äußert, weiß man bis dato nicht, ob er eigentlich kommen wollen würde. Joshua Kimmich sagte dazu: „Ich denke mal, dass der Verein (FC Bayern, d. Red.) möchte. Wenn Leroy wollen würde, wäre er wahrscheinlich schon hier. Deswegen weiß ich nicht, wie der Stand der Dinge ist.“ Dass Manchester Citys Trainer Pep Guardiola, früher drei Jahre in München beschäftigt, geneigt wäre, Sané zu verkaufen, ist überliefert. Wenn er denn Ersatz bekäme. So weit so klar – und so diffus.

Der jüngste Höhepunkt begann mit Kovacs Statement der Hoffnung: „Ich bin sehr zuversichtlich, davon gehe ich aus, dass wir ihn bekommen können.“ Ein frommer Wunsch, am Ende im Konjunktiv formuliert und am Ende der Kette früherer Aussagen seiner Chefs – jedoch, und das war der Fehler, außerhalb seiner Kompetenz. Daher Rummenigges öffentlicher Rüffel, serviert im ZDF: „Mir hat die Aussage nicht gefallen. Da mache ich keinen Hehl draus. Wir haben mit Manchester City ein sehr gutes Verhältnis.“ Wenig später knickte Kovac ein: „Ich bin ein bisschen zu offensiv geworden.“ In einem Telefonat mit Guardiola habe er sich „dafür entschuldigt, weil ich natürlich weiß, dass das ein Spieler von Manchester City ist“. Der Kniefall vor seinem Club und den Bossen war sogar noch etwas tiefer: „Ich werde mich in Zukunft zurückhalten.“ Doch was soll er machen, wenn er seinen Job behalten will? Schweigen und siegen.

Kovac versicherte, was er gesagt habe, habe „seine Richtigkeit“ und sei „absolut verifiziert.“ Denn: „Ich sage immer die Wahrheit.“ Und zu oft, was er denkt – in Bayerns Machtgefüge eher schwierig. Rein inhaltlich steht er zu seiner Aussage, weiß aber, dass er Etikette wie Hierarchie nicht eingehalten hat. Dass man nicht über Spieler von anderen Clubs rede, sei „im Übrigen auch eine Fifa-Vorgabe“, schrieb ihm Rummenigge ins Lehrbuch.

Man wolle „keine Wasserstandsmeldungen“ mehr abgeben, hatte der Boss zuletzt betont. Dabei war es Rummenigge selbst, der Anfang Juli betonte, man sei bei Sané „bereit und am Ball“. Auch weil der Druck der Öffentlichkeit aufgrund des Transfer-Staus von Tag zu Tag stieg, baggerte Bayern öffentlich an Sané. Spitzfindigkeiten inklusive. Erst vor zwei Wochen machte sich Rummenigge über Guardiola und City lustig, als er sagte: „Ich weiß nicht, ob Pep alles weiß, was in seinem Club vorgeht.“ Was den Engländern sauer aufstieß. Wie nun die Kovac-Aussagen. Dünnes Eis allerorten.

2013 forderte Guardiola „Thiago oder nix“ ohne Rücksicht auf seinen alten Arbeitgeber und die Transferaussichten seines neuen Vereins – und brachte den ganzen FC Bayern in Wallung. Pep hatte das Standing, er bekam Barcelonas Thiago.

Rummenigge will Stärke demonstrieren. Kovac-Förderer Uli Hoeneß dankt im November ab. Keine guten Aussichten. Die von Kovac geforderten vier Neuzugänge – inklusive Stürmer – vertagt und in weiter Ferne. So könnte es bei der nächsten sportlichen Krise sogar Mann über Bord heißen. In der nach oben offenen Kalle-Skala steht dem Trainer zwei Wochen vor Saisonbeginn das Wasser bis zum – sagen wir – Brustkorb. Bemerkenswert ist: Kovac selbst hat den Hals offenbar noch nicht voll.

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