Korruption und fragwürdige Lieder: Kroatiens andere Seite

Lesedauer: 6 Min
Luka Modric
Ist im Bestechungsprozess vom Nebendarsteller zu einer Hauptfigur geworden: Luka Modric. (Foto: Martin Meissner/AP / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Holger Schmidt und Thomas Brey

Immer leidenschaftlich, oft ästhetisch - aber sympathisch? Mit ihrem Fußball bei der WM in Russland begeistert die kroatische Nationalmannschaft derzeit die Fans weltweit.

Ein Korruptionsskandal im großen Stil und das Singen eines fragwürdigen Liedes in der Mannschaftskabine werfen aber Schatten auf die „Feurigen“. Die Identifikation mit dem teilweise begeisternd spielenden Viertelfinalisten und Geheimfavoriten um Superstar Luka Modric fällt deshalb nicht leicht.

Modric fällt sicher auch das Spielen nicht leicht. Denn der Mittelfeldstratege von Real Madrid ist im Bestechungsprozess vom Nebendarsteller zu einer Hauptfigur geworden. Er ist nämlich wegen Falschaussage angeklagt. Ihm drohen bis zu sechs Jahre Haft. Modric hatte als Zeuge ausgesagt, 2008 mit dem damaligen Dinamo-Boss Zdravko Mamic die Teilung des Transfererlöses nach dem Wechsel von Dinamo Zagreb zu Tottenham Hotspur vereinbart zu haben. Später zog Modric diese Darstellung zurück.

Zdravko Mamic und sein einst in Leverkusen und Bochum spielender Bruder Zoran wurden Anfang Juni verurteilt: Zdravko zu sechseinhalb Jahren Haft, Zoran zu vier Jahren und elf Monaten. Insgesamt soll die Gruppe unter Führung von Zdravko Mamic bei zahlreichen Spielertransfers insgesamt gut 17 Millionen Euro veruntreut haben.

Rund um das kroatische Team ist dieser eigentlich erschütternde Fall in Russland aber überhaupt kein Thema. Egal, ob Spieler, Funktionäre, TV-Experten oder sogar Medien: Das Thema Mamic ist für alle Luft. Ein ausländischer Journalist hatte es vor dem ersten Spiel gewagt, Modric zu fragen, ob die Wirren des Prozesses ihn beeinflussen. Worauf der sonst eher leise sprechende Kapitän laut und wütend würde. „Wie lange haben Sie darauf gewartet, diese Frage zu stellen“, schimpfte er: „Das hier ist eine WM, nur darum geht es.“

Fakt ist: Entweder schaffen es Modric und sein Team, die Sache genau so zu behandeln. Oder aber sie schöpfen sogar eine besondere Kraft daraus. Ein Jetzt-erst-recht- und Wir-gegen-alle-Gefühl in der kroatischen Wagenburg. Damit würden sie auf den Spuren der Italiener wandeln, bei denen 2006 nach dem Manipulationsskandal in der Liga auch viele einen negativen Einfluss vermuteten. Am Ende holte die Squadra Azzurra in Deutschland den Titel.

Doch noch ein Umstand lässt Zweifel aufkommen, ob die am Samstag (20.00 Uhr MESZ/ARD) auf Gastgeber Russland treffenden Kroaten - schöner Fußball hin oder her - ein würdiger Weltmeister wären. Es geht um ein von Abwehrchef Dejan Lovren erstelltes kurzes Video von den Kabinenfeierlichkeiten nach dem 3:0 gegen Argentinien.

Dort sang nicht nur Lovren das Lied „Bojna Cavoglave“ der für die Verherrlichung des kroatisch-faschistischen Ustascha-Regimes aus dem Zweiten Weltkrieg berüchtigten Band Thompson. Es enthält die Textzeile „Za dom spremni“ - „Fürs Vaterland bereit“ - Wahlspruch und Gruß der Ustascha, eines 1929 gegründeten Geheimbundes, der sich zu einer faschistischen Bewegung entwickelte.

Ein Einzelfall ist dies wahrlich nicht. Nach der Qualifikation für die WM 2014 hatte der langjährige Bundesliga-Profi Josip Simunic den Spruch per Mikrofon im Wechsel mit den Fans gerufen. Die FIFA sperrte ihn für insgesamt zehn Spiele und die komplette WM. 2015 bestrafte die UEFA den kroatischen Verband wegen rassistischer Ausfälle seiner Fans mit einer Geldstrafe von 50 000 Euro und einem EM-Qualifikationsspiel ohne Zuschauer. In jenem Geisterspiel sorgte dann ein auf dem Rasen eingebranntes Hakenkreuz für einen Skandal.

Mamic hat sich übrigens nach Bosnien abgesetzt. Da er doppelter Staatsbürger ist, kann der 58-Jährige sich dort frei bewegen, bis das Urteil rechtskräftig ist. Am Samstag führte er im berühmten Marienwallfahrtsort Medjugorje eine Bittprozession an. Der Stadtrat von Split, Martin Pauk, kommentierte dies mit den Worten: „Wenn er heute damit anfängt, müsste er noch etwa 150 Jahre um Vergebung seiner Sünden bitten.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen