Kommentar: Rauswurf von Korkut - Kontinuität auf Schwäbisch

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 Filippo Cataldo
Filippo Cataldo (Foto: Rasemann)
Ressortleiter Sport

Dass Treuebekenntnisse im Profifußball oft nicht einmal eine Nacht überdauern, ist in etwa so neu wie der Spruch, dass der VfB Stuttgart die sogenannten Mechanismen des Geschäfts quasi erfunden habe, sonderlich originell ist. Allein Kapitän Christian Gentner erlebt seit seiner Rückkehr 2010 nun schon den 13. Trainerwechsel (!) mit. Was heißt Kontinuität auf Schwäbisch?

Im Grunde hat der VfB nach dem 1:3 in Hannover nur VfB-Dinge getan - die angesichts der Tabellensituation und des vor allem in der ersten Halbzeit spielerischen und taktischen Offenbarungseids auch argumentativ begründet werden können.

Und doch wirft auch die Beurlaubung von Tayfun Korkut bereits nach dem siebten Spieltag einige Fragen auf.

Etwa die, wer beim VfB eigentlich die Trainer rauswirft: Der eigentlich nicht zur Impulsivität neigende und fachlich allgemein anerkannte Sportvorstand Michael Reschke, der am Samstag nach dem 1:3 in Hannover noch gesagt hatte, die Trainerfrage stelle sich nicht - oder Präsident Wolfgang Dietrich, ein Unternehmer, der gerne von „Kontinuität“, „Glaubwürdigkeit“ und „Vertrauen“ redet, und am Samstag unmittelbar nach der Rückkehr aus Hannover einer Vorstandskrisensitzung einberief. Oder die, wieso man Korkut im Juni ohne Not vor der Mitgliederversammlung mit einem neuen Vertrag bis 2020 ausstatten musste? Zugegeben: die Euphorie nach der fast perfekten Rückrunde nach Korkuts Amtsantritt war bei allen Beteiligten zurecht groß; doch es drohte nun auch nicht die Gefahr, dass bald Real Madrid, Bayern München oder wenigstens die TSG Hoffenheim beim Coach anklopfen würden.

Wie gesagt: Man kann gute Gründe für den Trainerwechsel finden:

Obwohl Korkut seinen Kader schon sehr früh zusammen hatte, Weltmeister Benjamin Pavard gehalten wurde und viele schnelle Spieler eingekauft wurden, war in den inklusive Pokal acht Spielen dieser Saison weder ein Offensivkonzept, noch ein planvoller Spielaufbau erkennbar.

Korkut setzte in einer Liga, die nicht mehr ganz so auf Sicherheit aus zu sein scheint wie in der letzten Saison und auch das Spektakel wieder für sich entdeckt hat, noch zu sehr auf Sicherheit und kompaktes Verteidigen - und trieb das in der grausamen ersten Halbzeit in Hannover auf die Spitze, indem er beim verunsicherten Tabellenletzten fünf Verteidiger und nur zwei Offensivspieler aufstellte.

Die Länderspielpause ist grundsätzlich nicht der falscheste Zeitpunkt für einen Trainerwechsel, der VfB Stuttgart hat nicht so viele Nationalspieler wie beispielsweise der FC Bayern München, ein neuer Trainer hätte also die Möglichkeit, seine neue Mannschaft kennenzulernen vor den schweren Spielen gegen Dortmund und in Hoffenheim.

Doch dafür müsste Reschke erst einmal einen neuen Trainer finden, mit dem man dann wieder in eine lange gemeinsame Zukunft blicken möchte. Hoch gehandelt wird etwa der Ex-Aalener und Ex-Leipziger Ralph Hasenhüttl, der aber vor dem Dilemma steht, dass sich womöglich demnächst auch bei Bayer Leverkusen und Bayern München noch etwas reizvollere Möglichkeiten eröffnen könnten.

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