Klopp: „Sollten stärker sein als in der Vorrunde“

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Deutsche Presse-Agentur

Jürgen Klopp ist seit Saisonbeginn Trainer von Borussia Dortmund. Der Wechsel des 41 Jahre alten Fußball-Lehrers aus seiner langjährigen beschaulichen sportlichen Heimat Mainz zum BVB galt vielen als problematisch.

In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa spricht Klopp über seine ersten Erfahrungen in Dortmund und den Wunsch der Vereinsführung, seinen bis 2010 datierten Vertrag nach nur einem halben Jahr vorzeitig zu verlängern.

So friedlich wie in dieser Winterpause ist es beim BVB in den vergangenen Jahren selten zugegangen. Ist das allein Ihr Verdienst?

„Es wäre ja blöd, wenn man die gleichen Fehler wiederholen würde. Insgesamt haben alle das Gefühl, dass die Konstellation Watzke, Zorc und Klopp sehr gut passt. Die sportliche Situation ist ordentlich. Deshalb gab es nichts großartig zu besprechen.“

Empfinden Sie es als Genugtuung, es den Kritikern gezeigt zu haben, die Ihnen den Sprung von Mainz zum BVB nicht zugetraut hatten?

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon jemals Genugtuung verspürt habe. Deshalb weiß ich nicht genau, wie sich so etwas anfühlt. Aber es ist schön, dass sich dieser Gedanke als abwegig erwiesen hat. Nicht nur ich weiß jetzt, dass ich es kann. Ich war mir sehr sicher, dass dieser Wechsel ganz unproblematisch ist.“

Welche Erwartungen, die Sie beim Wechsel aus Mainz zum Revierclub hatten, sind erfüllt worden?

„Alles, was im menschlichen Bereich abläuft, ist im positiven Sinn weit, weit übertroffen worden. Ich habe mich auf solch eine fußballverrückte Region gefreut - und die habe ich bekommen.“

Bei Ihrem Amtsantritt im Sommer hatten sie mehr Vollgas-Fußball angekündigt. Konnten Sie dieses Versprechen halten?

„Vollgas-Fußball ist das Gegenteil von Rasenschach. Dieses Ballgeschiebe mag ich nicht, dann hat Fußball keine Daseinsberechtigung. Wir hatten viele Momente, in denen wir mit viel Leidenschaft an die Sache herangegangen sind. Ich fühlte mich von meiner Mannschaft oft sehr gut unterhalten.“

Vor allem der Wandel von der schlechtesten Abwehr der Vorsaison zur zweitbesten der Hinserie verblüfft. Wie haben Sie das geschafft?

„Es ist unglaublich, wie viel man mit jeder Mannschaft verbessern kann, wenn man das Augenmerk darauf richtet, was wirklich nötig ist. Aber das ist leider nicht wie Radfahren. Eine Winterpause kann ausreichen, und schon erkennt man davon nichts mehr. Man muss immer wieder auf Reset drücken und anfangen, viele Dinge neu zu laden. Gerade vor unserem schwierigen Rückrundenstart.“

In Ihrer Abwehr stehen in Himmels und Subotic sehr junge Spieler. Lernen die so etwas schneller?

„Grundvoraussetzung ist, dass jemand etwas lernen will. Diese Bereitschaft ist bei jungen Kerlen, die nichts erreicht haben, sicher viel größer. Aber wer mit 37 oder 39 Jahren noch heiß wie Frittenfett ist, ist herzlich willkommen.“

Als Tabellen-Sechster liegt Ihr Team in UEFA-Cup-Nähe. Liebäugeln Sie deshalb mit einer Rückkehr auf die europäische Bühne?

„Wir werden jede kleine Chance zu nutzen versuchen. Aber es wäre nun Blödsinn, uns den einzigen Vorteil zu nehmen, den wir gegenüber anderen Teams haben. Dass wir weniger Druck haben. Es geht für uns in der Rückrunde knallhart los. Da wird sich zeigen, wo es hingeht. Aber wir sollten stärker sein als in der Vorrunde. Ich befürchte aber auch, dass man es sein muss.“

Die Vereinsführung will spätestens im Jahr 2011 wieder auf Augenhöhe mit Hamburg, Schalke oder Bremen sein. Ist das realistisch?

„Einem Verein, der es geschafft hat, in vier Jahren 120 Millionen Euro Schulden abzubauen, traue ich viel zu. Man sollte sich Ziele hoch setzen. Sonst gerät man in den Verdacht, keine zu haben.“

Nach der Verpflichtung von Boateng wurden Sie als „Streetworker der Liga“ bezeichnet. Sind Sie ein Trainer für schwierige Typen?

„Ich kann das sein. Aber es gibt sicher schwierigere Spieler als Boateng und Zidan. Wer große Fehler macht, hat auch immer die Chance, daraus zu lernen. Wer im Leben nur kleine Fehler macht, kriegt das vielleicht gar nicht mit.“

Nur Problemfall Frei störte zuletzt ab und an den Vereinsfrieden. Hat das Reservistendasein des Angreifers nun ein Ende?

„Ganz ehrlich, ich bin bei der Sache ganz ruhig. Es freut mich sehr für ihn, dass er die ganze Vorbereitung mitmachen konnte. Dennoch habe ich mich - was meine Stürmer anbetrifft - überhaupt noch nicht festgelegt.“

Aber es heißt, Frei passe nicht in Ihr System. ..

„Das ist Unsinn. Wenn elf Mann mit unterschiedlichen Gedanken auf dem Platz herumrennen, ist das die größte Katastrophe im Fußball. Deshalb gibt es einen, der den Takt vorgibt. Das bin in dem Fall ich. Nicht, weil ich das lustig finde, sondern weil das die einzige Chance auf Erfolg ist. Darum geht es - und nicht um Kompatibilität mit dem System.“

Für viele Ihrer Vorgänger war die Zeit beim BVB ein kurzes Vergnügen. Mit Ihnen jedoch soll der bis 2010 datierte Vertrag nach nur einem halben Jahr verlängert werden. Wie stehen Sie zu dieser Offerte?

„Bevor ich in Mainz Trainer wurde, wurde der Trainer auch ständig gewechselt. Mein großes Plus als Trainer ist es, dass ich das Gefühl, entlassen zu werden, nicht im Ansatz in mir trage. Deshalb ist es mir egal, ob ich einen Ein-, Zwei- oder Dreijahresvertrag habe. Mann kann auf meine Bereitschaft setzen. Aber wenn dieses Gespräch nicht stattfindet, werde ich es noch nicht einmal merken.“

Ist für Sie ein ähnlich langes Engagement denkbar wie in Mainz. Oder sieht Ihr der Karriereplan etwas anders vor?

„Ich habe gar keinen. Es gibt keinen Grund, ein längeres Engagement beim BVB auszuschließen. Für mich ist es eine Ehre, hier Trainer zu sein, das ist etwas von Traum erfüllen. Unglücklich ist, wer nicht erkennt, dass etwas gut ist. Und es ist richtig gut hier bei Borussia Dortmund.“

Viele sehen in Ihnen einen Trainer, der irgendwann einmal den FC Bayern oder die DFB-Elf trainiert. Was halten Sie von solchen Spekulationen?

„Ich denke überhaupt nicht darüber nach. Es ist noch nicht so lange her, als die Leute gesagt haben, so schlecht, wie ich rasiert bin und so viele Löcher meine Hosen haben, könnte ich nicht bei einem großen Verein trainieren. Mittlerweile kann ich das anscheinend doch. Es ist mir lieber, als wenn die Leute sagen, Borussia Dortmund ist für Klopp das höchste der Gefühle.“

Interview: Heinz Büse und Ulli Brünger, dpa

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