Königsklasse tritt auf Kostenbremse

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Deutsche Presse-Agentur

Mit einem kräftigen Tritt auf die Kostenbremse und der radikalsten Regelreform in ihrer knapp 60-jährigen Geschichte will die Formel 1 die drohende Fahrt in die Sackgasse vermeiden.

Angesichts der tiefgreifenden Weltwirtschaftskrise haben sich der Internationale Automobil-Verband FIA und die Teams in seltener Einmütigkeit auf einschneidende Einsparungen in Höhe von etwa 30 Prozent geeinigt. „Der Automobilmarkt ist im freien Fall. So eine Krise habe ich seit meinem Einstieg in die Formel 1 in den 60er Jahren nie erlebt“, beschrieb FIA-Präsident Max Mosley die dramatischen Konsequenzen für die Königsklasse. 2009 soll jedoch erst die Einführungsrunde für eine systematische Kostenreduzierung sein.

Waren schon die bisherigen Änderungen für 2009 einschneidend, kamen die Beschlüsse des FIA-Weltrats 12 Tage vor dem Saisonstart einer Revolution gleich. Erstmals in der Geschichte der Formel 1 entscheidet die Zahl der Siege darüber, wer Fahrer-Weltmeister wird. Weisen zwei oder mehr Piloten am Ende die gleiche Anzahl an Grand- Prix-Gewinnen auf, zählen die insgesamt geholten Punkte. Der Konstrukteurs-Titel wird weiterhin nach dem Punktesystem vergeben.

Ansonsten hatte es vor allem im Motorenbereich tiefe Einschnitte und Veränderungen gegeben. Die FIA rechnet allein hier mit einer Halbierung der Ausgaben gegenüber 2008. Jeder Pilot darf in dieser Saison noch höchstens acht Triebwerke benutzen. Das bedeutet, dass mindestens ein Achtzylinder drei statt zwei Grand-Prix- Wochenenden halten muss. Sollten wegen technischer Defekte mehr Motoren benötigt werden, wird der Fahrer um jeweils zehn Startplätze nach hinten strafversetzt. Die maximale Drehzahl liegt bei 18 000 statt bislang 19 000 Umdrehungen pro Minute. Kundenteams erhalten 20 Triebwerke pro Saison, wovon vier für Testfahrten bestimmt sind. Sie müssen dafür die Hälfte des Vorjahrespreises bezahlen. Beim Getriebe erhöht sich die Einsatzzeit auf vier Rennwochenenden.

Entscheidend zur Kostensenkung trägt auch die umfassende Kürzung bei den Testfahren bei. Während der Saison gilt - abgesehen von acht Aerodynamiktests auf Flugplätzen - ein komplettes Verbot. Ansonsten darf jeder Rennstall an maximal 20 Tagen nur noch 15 000 Kilometer üben. Der ausufernde Einsatz von bis zu zwei Windkanälen, die teilweise rund um die Uhr benutzt wurden, ist ebenfalls eingeschränkt worden: Statt bislang 150 Stunden sind nur noch 40 Stunden pro Woche mit 60-Prozent-Modellen und Strömungen von maximal 50 Metern pro Sekunde erlaubt. Die Formel-1-Fabriken müssen künftig je 14 Tage lang im August und Dezember geschlossen bleiben, um den bislang im Dauerstress gestandenen Technikern, Ingenieuren und Mechaniker angemessene Ferien zu ermöglichen.

Diesen Sparmaßnahmen stehen allerdings Investitionen in Millionenhöhe für das neue KERS entgegen. Mosleys Lieblingsobjekt einer kinetischen Energie-Rückgewinnung soll der erste große Schritt zu einer „grünen“ Formel 1 sein. Allerdings ist der Einsatz des Hybridantriebs vorerst freiwillig und viele Teams haben noch enorme Probleme mit dessen Technik. Absoluter Befürworter ist nur BMW, das sich von KERS auch Synergieeffekte für die Serienproduktion verspricht. Durch die Speicherung von maximal 400 Kilojoule Energie darf ein Fahrer 6,666 Sekunden lang maximal 82 PS pro Runde zusätzlich aktivieren.

Aber nicht nur finanziell, auch optisch haben die Reformen geradezu revolutionäre Auswirkungen: Wegen der auffälligen aerodynamischen Änderungen sprachen Spötter von „Schneepflügen“. Der Frontflügel explodiert geradezu von 140 auf 180 Zentimeter und deckt damit die gesamte Breite ab. Des Weiteren halbiert sich der Abstand zum Boden auf 7,5 Zentimeter. Dagegen misst der Heckflügel nur noch 75 statt bislang 100 Zentimeter. Zudem ragt dieses Teil künftig 95 statt 80 Zentimeter über der Piste. Weitere Maßnahmen führten zum völligen Verschwinden aerodynamischer Hilfsmittel wie Winglets, Flip- ups oder Kaminen.

Die Rückkehr zu den rillenlosen Slicks und damit dem klassischen Grand-Prix-Gummi begrüßten alle. Pro Grand-Prix-Wochenende stehen jedem Piloten 40 Trockenreifen - 20 von jedem der beiden Typen - zur Verfügung. Nach dem Freitagstraining müssen zwei Satz pro Mischung zurückgegeben werden; am Samstag vor dem Qualifying nochmals je ein Satz. Zudem kann jeder Fahrer auf 16 Intermediates und zwölf Regenreifen zurückgreifen.

Im Gegensatz zum allgemeinen Spar- und Kürzungstrend legten die Regelhüter beim Tempo in der Boxengasse sogar etwas drauf: Während des Rennens sind dort 100 statt 80 Kilometer erlaubt. Muss an einem Boliden in der Startaufstellung nach dem Drei-Minuten-Signal noch geschraubt werden, hat dies eine Stop-and-go-Strafe von zehn Sekunden zur Folge.

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