„Jetzt träumen wir wieder“

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Durchziehen wollen die TTF und Simon Gauzy auch im Endspiel Ende Mai gegen Düsseldorf.
Durchziehen wollen die TTF und Simon Gauzy auch im Endspiel Ende Mai gegen Düsseldorf. (Foto: Schaal)

Der Arzt und Hobbyphilosoph Eckart von Hirschhausen bezeichnete Tischtennis jüngst bei einer Stippvisite bei den German Open in Bremen als den gesündesten Sport überhaupt – neben dem Tanzen. Grund: Die Sportart halte auf spielerische und koordinative Art Geist und Körper auf Trab und man könne sie problemlos bis ins hohe Alter betreiben.

Die fünf Tischtennisspieler der TTF Liebherr Ochsenhausen können sich also noch auf ganz viel Lebensfreude gefasst machen. Die mit 21,8 Jahren im Schnitt zweitjüngste Mannschaft der Bundesliga, allesamt Zöglinge der inzwischen mit Abstand besten Ausbildungsstätte Europas an der Rottum, schaffte am Samstag endgültig ihren Durchbruch und zog nach dem 3:1-Sieg im zweiten Halbfinale in Fulda in ihr erstes Endspiel ein. Gegner am Samstag, 26. Mai in Frankfurt (13 Uhr) ist Serienmeister Borussia Düsseldorf, der den 1. FC Saarbrücken dank eines 3:2-Arbeitssiegs (Hinspiel 3:1) eliminierte. Für den dreimaligen deutschen Meister ist es das erste Finale seit fünf Jahren, als die TTF überraschend gegen Werder Bremen unterlagen. Der letzte Titel liegt gar 14 Jahre zurück: 2004 holte Ochsenhausen das Double.

„Jetzt träumen wir wieder“, sagte TTF-Präsident und Manager Kristijan Pejinovic nach einer Nacht, in der der Club nach der Rückreise in der Vereinsgaststätte „Mohren“ die Korken knallen ließ. Mitarbeiter und Fans wurden eingeladen, die Mannschaft allerdings verabschiedete sich relativ früh. Noch nämlich sehen ihre Anführer Simon Gauzy und Hugo Calderano keinen Grund, zu feiern. Zudem steht ja vor dem großen Finale erst einmal das nächste große Turnier vor der Tür: die Team-WM im schwedischen Halmstad.

Gauzy und Calderano, die Trainer Dubravko Skoric in der Vorwoche noch mit tapferen Soldaten verglichen hatten, die niemals aufgeben würden und nur die Mission im Kopf hätten, waren auch diesmal wieder die Anführer der Mannschaft. Der 21-jährige Brasilianer Calderano ließ sich gegen Wang Xi auch von einem 0:2-Rückstand und einem Matchball gegen sich nicht aufhalten und brachte die TTF in Front. „Das war bereits entscheidend. Hugo hat es für Simon angerichtet, dabei hatte er am Morgen wegen seiner Hüftprobleme noch zweimal das Training abgebrochen. Es sah nicht gut aus, aber er wollte trotzdem spielen, und er hätte auch das zweite Spiel gemacht. Er ist der absolute Wahnsinn“, sagte Pejinovic. „Nach seinem Sieg war es in der Halle, in der vorher noch Rambazamba war, plötzlich ganz leise.“ Und als Gauzy sich mit 3:1 gegen Ruwen Filus durchsetzte, wurde es noch leiser in Osthessen.

Die 0:3-Niederlage von Joao Geraldo gegen Jonathan Groth fiel nicht ins Gewicht, denn danach war wieder Gauzy-Zeit. Der lang verletzte, und sofort nach seinem Comeback wieder taufrische Franzose schaffte es, in Wang Xi auch den zweiten Abwehrspieler Fuldas niederzuringen. „Das war kein Tischtennisspiel mehr, das war ein Tischtenniskampf, den wir verdient gewonnen haben – und das, obwohl Fulda keineswegs schlecht war, sondern glänzend dagegengehalten hat.“

Revanche für Champions League

Die Revanche für das Halbfinal-Aus gegen die Osthessen im Vorjahr glückte den TTF in jedem Fall eindrucksvoll, und auch künftig dürften die Ochsenhausener neben Düsseldorf dauerhaft den Ton angeben in der Liga. Saarbrückens Mannschaft bricht auch aufgrund eines Finanzskandals komplett auseinander, und Fuldas Abwehr-Asse werden nicht jünger. Zudem wechselt der dänische Doppel-Europameister Groth zum russischen Topclub Ekaterinburg. Dass der 25-Jährige, der bereits im Hinspiel überzeugt hatte, Fuldas Nr. 3 blieb und damit nur ein Einzel bestritt, überraschte auch Pejinovic. „Ich hatte ihn vorne erwartet, er scheint wirklich in fantastischer Form zu sein.“

Genauso wie die TTF, die nach der WM nun die Möglichkeit haben, Revanche zu nehmen an jener Mannschaft, an der sie kürzlich in einem legendären Champions-League-Halbfinale noch hauchdünn gescheitert waren. „Die Jungs haben sich das gewünscht, sie wollen zeigen, dass sie es noch besser können“, berichtete Pejinovic aus einer Ochsenhausener Nacht, die vermutlich auch dem Glücksforscher Eckart von Hirschhausen gefallen hätte. Wobei der nicht wirklich ein Vorbild der TTF ist.

Beim Schaukampf in Bremen gegen Timo Boll glückte dem Herrn Doktor mit viel Glück ein einsames Pünktchen gegen Boll, immerhin rastete Hirschhausen danach veritabel aus vor Freude. Das können auch die Ochsenhausener: Simon Gauzy mutierte nach seinem Matchball zur wildgewordenen geballten Faust, doch schon nach Sekunden ging er im Knäuel der Oberschwaben unter.

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