Jenny Wolfs Hattrick übertüncht mäßige WM-Bilanz

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Deutsche Presse-Agentur

Sie riss die Arme in die Luft und schickte einen schrillen Jubelschrei unter das Hallendach des Olympic Oval: Mit einem Superlauf in 47,72 Stunden-Kilometern hat Jennny Wolf als erste Eisschnellläuferin den goldenen WM-Hattrick über 500 Meter vollendet.

Bei 37,72 Sekunden blieben die Uhren stehen: Bahnrekord. Da Erzrivalin Wang Beixing in 38,09 im letzten Lauf viel langsamer war, hatte die Weltrekordlerin aus Berlin den Rückstand auf die Chinesin aus dem ersten Lauf aufgeholt und das „Wunder von Richmond“ möglich gemacht, das am Abend beim Bankett mit einem Gläschen Sekt begossen wurde.

Damit besserte die schnellste Frau der Welt die deutsche Bilanz zwar auf, konnte aber nicht verhindern, dass mit nur drei Medaillen - zuvor hatte Anni Friesinger Glücks-Gold über 1500 Meter und Silber über 1000 Meter geholt - am Ende das schlechteste Ergebnis in der Geschichte der Einzelstrecken-Weltmeisterschaften zu Buche stand. Ausschlag dafür gab auch das Debakel beider Team-Trios am Schlusstag.

„Ich habe auf Wangs letzten Metern jede Zehntel mitgezählt. Als dann die 38 vorn stand, konnte ich es kaum fassen“, berichtete Jenny Wolf über die entscheidenden Momente. 37,97 Sekunden hätten der Rivalin dank des guten ersten Laufes zum Titel gereicht, dank Wolfs „Höllenritt“ gab es zum vierten Mal in Serie „nur“ Silber für Wang. „Ich dachte nicht, dass sie sich das noch nehmen lässt. Aber ich habe die Zähne zusammengebissen und gezeigt, dass ich nervenstark genug bin, um zurückzuschlagen“, meinte Jenny Wolf strahlend.

Nach Lauf eins war selbst Coach Thomas Schubert skeptisch. „Zu ängstlich in der Kurve und auf der Geraden fehlt die Power“, meinte er und versetzte seinem Schützling damit den entscheidenden Motivationsschub. 12/100 lag Wolf schließlich in der Gesamtrechnung vor der Weltmeisterin im Sprint-Vierkampf. „Vielleicht habe ich sie mit meiner Zeit ein wenig geschockt“, sagte Wolf. Doch Wang sah andere Gründe: „Die 1000 Meter steckten mir noch in den Knochen.“

Jenny Wolf nimmt nun einen Psycho-Vorteil mit in die Olympia- Saison. „Ich habe nur gute Erinnerungen an die Bahn und konnte Erfahrungen für die Spiele sammeln.“ Doch jetzt will sie zwei Wochen nichts mehr vom Eissprint hören und zieht sich mit Freund Oliver Lotze zum Urlaub in die Rockys zurück. „Ein bisschen Ski-Langlauf ist dort der einzige Sport, nichts Gefährliches“, erzählte sie.

Heftige Nackenschläge setzte es für die Deutschen in den Team- Rennen. Zunächst ging Monique Angermüller schon nach vier der sechs Runden die Puste aus. Anni Friesinger versuchte sie anzuschieben: vergeblich. Mit Platz 5 blieben die Deutschen erstmals ohne WM- Medaille. „Ich mache ihr keinen Vorwurf“, meinte Daniela Anschütz- Thoms und nahm die Gefährtin in die Arme. „Ich habe das Drama hinter mir auf der Videowand gesehen, ich hatte ja Zeit...“, fügte die Olympiasiegerin hinzu. „Die Trainer haben so entschieden, es ist schief gegangen.“ Auch Friesinger rechtfertigte den Start des Team- Neulings: „Ohne Claudia Pechstein musste wir etwas Neues probieren.“ Trainer Markus Eicher nahm die Verantwortung auf sich: „Ich muss den Kopf hinhalten. Das Risiko war sehr hoch.“

„Es ist ärgerlich und tut mir leid für die anderen“, entschuldigte sich Angermüller, hatte aber das Lächeln schnell wiedergefunden. Ganz im Gegensatz zu Robert Lehmann. „Ich dachte, ich packe es. Es war meine Fehleinschätzung, die Trainer trifft keine Schuld“, sagte der Erfurter betrübt, der nach Magen-Darm-Virus drei Runden vor Schluss das Tempo nicht halten konnte, womit das Team von Bronze im Vorjahr auf Rang sieben abstürzte. Das Image ist nun ramponiert, die A-Kader-Förderung gestrichen. Bundestrainer Bart Schouten muss sich nach der insgesamt desaströsen WM seiner Männer für Olympia einiges einfallen lassen.

Während bei den Damen Kanada dominierte und die achte Medaille bei der Heim-WM einfuhr (2/2/4), waren die niederländischen Herren nicht zu bremsen und holten im vierten WM-Teamrennen das vierte Gold. Sven Kramer krönte sich mit seinem dritten Titel zum Eis-König und ist nun mit insgesamt zwölfmal WM-Gold der erfolgreichste Athlet der Eisschnelllauf-Historie.

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