IOC will Beobachterstatus in UN-Vollversammlung

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Deutsche Presse-Agentur

Das IOC wagt sich auf unbekanntes Terrain. Mit dem Antrag auf Beobachterstatus in der UN-Vollversammlung treibt die Weltregierung des Sports ihre Neupositionierung als moralische Instanz mit politischer Stimme voran.

„Ein Beobachterplatz in der UN-Vollversammlung würde es dem IOC erlauben, Synergien zu bilden und die Partnerschaft mit der UN zu stärken“, erklärte das IOC der Deutschen Presse Agentur dpa. Bis Anfang September kann das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit einer Entscheidung rechnen.

Sieben Monate bevor er sich für eine zweite Amtszeit als IOC-Präsident zur Verfügung stellt, bastelt Jacques Rogge mit diesem Prestigeprojekt weiter an seinem Vermächtnis. Trotz ständiger Beteuerungen, das IOC sei unpolitisch, hat der Ober-Olympier diesen umstrittenen Schritt fast im Alleingang auf den Weg gebracht. Gegenwärtig sind 71 Organisationen - darunter das Rote Kreuz, Palästina und Interpol, aber auch Banken und Handelsvereinigungen - als ständige Beobachter bei den Vereinten Nationen akkreditiert und haben das Recht auf politische Teilhabe. Die 192 UN-Mitgliedsstaaten werden über die Aufnahme des IOC abstimmen.

Ein Wahlrecht hätte das IOC nicht, aber die Ringe-Organisation dürfte an sämtlichen Diskussionen im Plenum teilnehmen und in den Komitees an der Ausarbeitung von Resolutionen mitwirken, die der Vollversammlung zur Abstimmung vorgelegt werden. „Ich werde alles dransetzen, das IOC bei seinen Bemühungen zu unterstützen“, sagte Willi Lemke, UN-Sonderbeauftragter für den Sport, „ich kann das IOC sehr gut verstehen, weil die größere UN-Nähe vieles einfacher machen kann.“ Der ehemalige Werder-Manager kann sich aber auch „Konfliktfelder“ vorstellen, die entstehen könnten, wenn sich das IOC zu sehr in „politische Gefilde“ begebe.

Tatsächlich begegnen sich im Reizklima des überraschenden IOC-Antrags Chance und Risiko. Die Chance, die Strahlkraft der olympischen Werte und eigene Interessen stärker in die Völkerfamilie einbringen zu können, und das Risiko, durch die Präsenz in diesem UN- Forum in brisante politische Diskussionen gezogen zu werden. Auch der Autonomie der olympischen Regierung droht in diesem Spannungsfeld ein gewisser Schaden. In dieser Polarität ist ein Auftritt auf der UN- Bühne ein unvorhersehbares Wagnis.

„Wir können nicht alle Probleme dieser Welt lösen, aber wir machen die Welt besser“, hat Rogge in der Vergangenheit stets betont und gleichzeitig Olympia-Starter auf einen politisch neutralen Kurs eingeschworen. Dabei hat der Belgier bei seinen Versuchen, das IOC in allen geopolitischen Diskussionen unpolitisch und trotzdem glaubwürdig und stark zu präsentieren, nicht immer eine glückliche Figur abgegeben. Seine monatelange Verweigerung, im Vorfeld der Peking-Spiele zu Menschenrechtsfragen und Chinas Tibet-Politik deutlich Stellung zu beziehen, verteidigte er mit seinem Credo der „stillen Diplomatie“.

Die darauffolgende Kritik einiger IOC-Granden, es mangele ihm an politischem Bewusstsein, kontert Rogge jetzt mit Mut zur Entschlossenheit. Nach der Ohnmacht gegenüber der chinesischen Staatsmacht scheint er bestrebt, mit dem vermeintlich unpolitischen IOC in Zukunft größere politische Wirkung zu erzielen. Ob das Heranrücken an die Vereinten Nationen ein konsequenter Schulterschluss zur stärkeren Einflussnahme ist, oder die noch engere Zusammenarbeit in ein brisantes Abhängigkeitsverhältnis führt, wird die Entwicklung zeigen.

Für Rogge sind die IOC-Bemühungen offensichtlich die logische Folge jahrelanger Kooperationen. Neben dem gemeinsamen Projekt „olympischer Waffenstillstand“ engagiert sich das IOC in zahlreichen Aktivitäten mit UN-Unterorganisationen wie UNESCO, UNEP und UNICEF für Entwicklungshilfe, Erziehung, Umweltschutz und den Kampf gegen Doping. IOC-Spitzenfunktionäre fordern bereits seit mehr als einem Jahr eine deutlichere Definition der eigenen Möglichkeiten und Grenzen. Debatten darüber sind für den olympischen Kongress im Oktober in Kopenhagen vorgesehen. Bis dahin sollte der IOC-Antrag bei der UNO allerdings durch sein - und die Diskussionen werden völlig andere Dimensionen annehmen.

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