Im Training mit Olympia-Medaillengewinnerin Simone Hauswald fallen (fast) alle Fünfe

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(Foto: Dieter Reinhardt)
David Köndgen

Kein Schnee in Sicht: 2014 war wahrlich kein Winter für Wintersportler. Abseits der Berge herrscht permanenter Mangel. Ein kläglicher Rest findet sich jedoch am Rande des Schwarzwalds – auf rund 1000 Metern. Auf der Biathlonanlage Schönwald-Weißenbach zieht sich ein schmales, weißes Band durch den Wald. Regelmäßig trainiert dort der Landeskader Biathlon. Und ausnahmsweise auch ich, Volontär der „Schwäbischen Zeitung“. In Simone Hauswald, der ehemaligen Weltklasseathletin, habe ich die perfekte Lehrmeisterin gefunden. Los geht's!

Fünf Schuss, viermal Schwarz zeigt das Trefferbild im Zielfernrohr. War das nur Glück? Ein Einschussloch befindet sich unmittelbar neben dem Zentrum: „Wow, das war eine Neun!“, sagt Simone Hauswald. Hört sich überrascht an. Nach gerade einmal 90 Biathlontrainingsminuten bin ich zufrieden, glücklich und etwas erschöpft.

Zum ersten Mal auf Skating-Ski

Aber der Reihe nach: Zu der bei den Fernsehzuschauern beliebtesten Wintersportart gehört schließlich nicht nur Schießen. Beim Langlauf sind Technik, Koordination und Rhythmus gefragt. Plus: Kondition. Den Langlauf in der klassischen Technik beherrsche ich als Allgäuer. Auf Skating-Ski stehe ich hingegen zum ersten Mal. Also schaue ich zunächst zu. Simone Hauswald gleitet elegant los und erklärt mir, worauf es ankommt. So weit die Theorie. Was folgt, erinnert eher an den staksigen Gang eines Storches als an Wintersport.

Meine Hoffnung ruht auf der Wiederholung und damit auf üben, üben, üben. Also noch einmal von vorne: erst der linke Ski kombiniert mit einem kräftigen Doppelstockschub. Es folgt der rechte Ski. Dann wieder links plus Stöcke. Rechts. Links. Rechts. Nur den Rhythmus nicht verlieren. „Stock!“ – Pause – „Stock!“ ruft Simone Hauswald hinter mir. Eine willkommene Hilfestellung. „Früher habe ich immer laut Son-nen-blu-me vor mich hingesagt“, erinnert sich die 34-Jährige an ihr eigenes erstes Training.

Kopf, Arme und Beine spielen zusammen

Später, als ich mich alleine auf die Mini-Strecke plus Strafrunde – insgesamt rund 300 Meter – mache, versuche ich es ebenfalls mit Son-nen-blu-me. Und siehe da, es klappt. Kopf, Arme und Beine spielen nun zusammen. Langsam komme ich tatsächlich ins Gleiten. Eine Runde nach der anderen – mein Ehrgeiz ist längst geweckt. Ein aufmunterndes „Jawoll!“ oder „Das sieht schon viel besser aus“ motivieren mich zusätzlich. Zu meiner Überraschung bleibe ich sturzfrei.

Doch anschließend folgt das, wovor ich im Voraus am meisten Respekt hatte: das Schießen. Ein Gewehr liegt auf einer roten Matte am Schießstand bereit. Kleinkaliber. Mindestgewicht: 3,5 Kilogramm. Kostenpunkt: von rund 1000 Euro aufwärts. Die Scheiben befinden sich in 50 Metern Entfernung und messen im Durchmesser gerade einmal viereinhalb Zentimeter – das, sagt Simone Hauswald, entspricht dem Inneren einer Toilettenpapierrolle. Im Stehendanschlag sind es elfeinhalb Zentimeter – der Durchmesser einer CD.

Fünfer-Serie wie in alten Zeiten

Simone Hauswald zeigt mir, wie ich das Magazin einlegen muss und schießt eine Fünfer-Serie. „Das fühlt sich fast wie früher an“, sagt sie, bevor sie mir den Platz auf der Matte anbietet. Die ersten zehn Schüsse meines Lebens folgen. Unverhofft finden sie alle den Weg ins Ziel.

Jetzt aber stelle ich mich den erschwerten Bedingungen: Direkt aus dem Lauf heraus an den Schießstand, das Ganze in einer fließenden Bewegung. Mit den temporeichen Biathlonwettkämpfen hat das freilich nichts gemeinsam. Außerdem bin ich vorsichtig: Immerhin trage ich ein teures Gewehr auf dem Rücken, während ich über Schnee und Eis skate – und bleibe dabei weit unterhalb meines Maximalpulses.

Sehr, sehr kleine schwarze Punkte

Am Schießstand angekommen, löse ich meine Hände aus den Schlaufen der Skistöcke, lege sie auf die Matte. Mit den sperrigen Langlaufski an den Füßen gehe ich auf die Knie – gar nicht so einfach. Ich liege flach auf dem Bauch, stecke das Magazin in den vorgesehenen Schlitz, repetiere. Der Gewehrschaft drückt gegen meine Schulter. Mit einem Auge schaue ich durch den Diopter und erkenne weit entfernt einen sehr, sehr kleinen schwarzen Punkt, den ich anvisiere. Ich versuche nicht zu zittern, bewege meinen Zeigefinger an den Abzug und schieße. Peng! Treffer. Peng! Treffer. Peng! Treffer. Peng! Scheibe Nummer vier fällt. Ein kurzes Zögern. Peng! Die letzte Scheibe bleibt schwarz. Kein Treffer.

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