Im Namen des Vaters

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„GRE“ statt „GER“: Nico Polychronidis, griechischer Wahl-Allgäuer aus Bremen, nach seinem Qualifikationssprung in Innsbruck.
„GRE“ statt „GER“: Nico Polychronidis, griechischer Wahl-Allgäuer aus Bremen, nach seinem Qualifikationssprung in Innsbruck. (Foto: Imago)
Schwäbische Zeitung

Acht Tore hat Nicolas Polychronidis diese Saison schon geschossen, acht Treffer auch vorbereitet.

In zehn Spielen: B-Klasse Allgäu 8, FC Oberstdorf II, dort ist der 25-Jährige offensiver Mittelfeldakteur. Ein technisch beschlagener Mann sei der Linksfuß, sagen die Mannschaftskollegen. Und: einer mit einer gewissen Qualität im Kopfballspiel. Das wundert kaum, denn im „großen“ Sport springt Nico(las) Polychronidis Ski. Für Griechenland, als Solist quasi; die Vierschanzentournee 2014/15 war seine zweite. Die Qualifikation gelang Nico Polychronidis für keines der Springen, seine Erklärung klingt plausibel. Auch mit bayerischem Zungenschlag: „Ich konnt’ nicht einen Wintersprung machen vorher, ich bin erst mit dem offiziellen Training in Oberstdorf eingestiegen, weil die Schneelage so schlecht war.“ Dafür seien die Plätze 63 (in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen) und 73 (Innsbruck; in Bischofshofen war Nico Polychronidis nicht dabei) „in Ordnung. Es macht zwar mehr Spaß, sich zu qualifizieren, aber ich bin jetzt nicht groß enttäuscht.“

Wie auch – lebt Nico Polychronidis doch gerade seinen Traum. Geboren – als Sohn eines Griechen und einer Deutschen – in Bremen, wuchs er in Kempten auf. Dort gab es Schnee und Schanze (im nahen Buchenberg), was dem SC Oberstdorf alsbald einen ehrgeizigen Zehnjährigen und dem Skiinternat der Marktgemeinde wenige Winter später einen neuen skispringenden Schüler bescherte. Talentiert war der, im deutschen C-Kader wurde er gefördert. Gemeinsam damals mit Richard Freitag, mit Andreas Wank auch. Als das Fachabitur alle Energie in Anspruch nahm, trat Nico Polychronidis vorübergehend kürzer mit dem Sport; „ich hab’ dann“, sagt er sachlich, „den Anschluss verloren. Da wirst du schnell nach hinten durchgereicht.“

Der Grieche aus Bayern interessiert

Und machst dir deine Gedanken. Für Nico Polychronidis war klar: Skispringen wollte er noch, „unbedingt!“, und das seriös, ernsthaft – auf Leistungssport-Niveau. Antreten für das Land des Vaters, die Idee des Doppelstaatsbürgers hatte Charme. Zur Saison 2012/13 war sie Wirklichkeit, nach zahllosen Formalitäten, nach fast einem Jahr Papierkram. „GRE“ heißt seither das Kürzel hinter Nico Polychronidis’ Namen. Im Continental Cup, bei den zwölf Weltcup-Stationen, an denen er die Qualifikation mitsprang. Zweimal, in Sapporo Anfang 2014, fand man „GRE“ auch in den Wettkampf-Ergebnislisten: Platz 40, Platz 38. Das öffnete Türen. Olympische. Nach Sotschi.

2013 bereits hatte Nico Polychronidis Griechenlands Farben bei der Nordischen Weltmeisterschaft in Val di Fiemme vertreten. 45. wurde er von Predazzos Normalschanze, der erste Schritt war das hin zu ambitioniertem Ziel: „Ich bringe das Skispringen nach Griechenland.“ Inzwischen ist ein gutes Stück Weg gegangen, „es wird im Fernsehen gezeigt“. Der Landsmann aus dem Allgäu, der sich dem mazedonischen Verein EOS Dramas angeschlossen hat, interessiert. Obwohl er weiter in Oberstdorf lebt, trainiert und sein Sportmanagement-Studium vorantreibt. Fachhochschule Erding, sechstes Semester – wohl der einfachste Part einer nicht immer einfachen Logistik. Auch die Hellenic Ski Federation nämlich betrat Neuland, als sie die Sparte „Skisprung“ ins Leben rief. Organisatorisch läuft mittlerweile einiges über die Verbandszentrale in Athen, das Tagesgeschäft allerdings bleibt Nico Polychronidis’ Ding. Springen kann er am Schattenberg immer dann, wenn SCO-Trainer Ralf Schmid mit seinen Sportlern die Schanze bevölkert. „Ich kann mich dann anschließen.“ Man kennt sich...

Bei Wettkämpfen ist Nico Polychronidis sein eigener Coach. Um alles andere kümmern sich Freunde (Mitfußballer!) – von der Anreise bis hin zum Video-Mitschnitt der Luftfahrten. Regionale Sponsoren tun das Ihre, der griechische Verband hat für Olympia kräftig in die Kasse gegriffen. „Sie versuchen, was sie können.“ Aber sie können immer weniger. „Wenn ich was kriege – und wenn es noch so wenig ist –, dann freue ich mich riesig, weil ich die Situation in Griechenland kenne.“ Noch mehr freut sich Nico Polychronidis, wenn er etwas zurückgeben kann. In Sotschi war er eloquenter, gefragter Botschafter seines (Vater-)Landes, auch wenn die Qualifikationsränge 48 (Normalschanze) und 47 (Großschanze) nicht ganz reichten zum finalen Dabeisein. Trotzdem: „All die Strapazen, die man in Kauf nimmt – das alles hat sich gelohnt dafür.“

So kann es bleiben. Möglichst lange noch. Schließlich ist auch 2015 eine WM, schließlich ist Skispringen ein prima Ausgleich zum Studieren. Und: So eine dreisprachige Facebook-Seite – griechisch, englisch, deutsch –, die hat was. Von Ende März an gewiss auch wieder Vollzugsmeldungen aus der B-Klasse Allgäu 8. Sie wissen schon: Kopfballtreffer und so.

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