„Ich liebe den Nervenkitzel“

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Schwäbische Zeitung

Am Samstag wollen die TTF Liebherr Ochsenhausen beim Final-Four-Pokalturnier in der Neu-Ulmer Ratiopharm-Arena ihren ersten Titel seit 15 Jahren holen. Das Team von Dmitrij Mazunov ist als Bundesliga-Erster klarer Favorit. Halbfinal-Gegner Grenzau (11 Uhr) ist Ligasiebter, die möglichen Rivalen im Finale ab 14 Uhr sind Neunter (Grünwettersbach) und Zehnter (Bremen). TTF-Präsident Kristijan Pejinovic (38) warnt im Interview mit Jürgen Schattmann vor zu großer Euphorie.

Herr Pejinovic, Rottum, Krumbach, Donau? In welchen nahegelegenen Fluss werden Sie Samstagabend springen, sollten die TTF endlich wieder eine Trophäe haben?

Pejinovic (lacht): In den Ziegelweiher, sofern er offen ist und nicht gefroren. Im Ernst: Der Stadtbrunnen vor dem Rathaus dürfte im Zweifel ausreichen, Tischtennisteams sind nicht so groß. Wobei: Zur Abkühlung reicht vielleicht auch eine schlichte Sektdusche.

Tod oder Gladiolen, hat der Ex-Bayerntrainer Louis van Gaal zu solchen Pokalspielen gesagt – anders formuliert: Sie können Ruhm ernten oder sind der Depp. Wie geht man mit dem Druck des Favoriten um?

Jedenfalls nicht, indem man eine Feier plant – darauf haben wir bewusst verzichtet. Die Spieler müssen mit Druck leben, und sie bereiten sich seit dem 28. Dezember gewissenhaft auf den Ernstfall vor. Ich kenne die Situation, ich habe seit 2003 an mehreren Finals teilgenommen, als Funktionär. Ich liebe diesen Nervenkitzel, alle Sportler sollten ihn lieben, sonst sind sie fehl am Platz. Natürlich haben wir wenig Erfahrung in Finals, vom Mai und dem DM-Finale in Frankfurt abgesehen. Aber Stefan Fegerl, unsere Nr. 4, hat sie. Er weiß, wie man Titel gewinnt, und wird die anderen impfen. Wie immer geht es um die Tagesform: Entweder sind wir heiß und holen den Cup, oder wir sind zu heiß und verbeißen. Auf dem Papier Favorit zu sein bedeutet nichts. Wir haben in der Liga gegen Grünwettersbach zweimal 3:2 gewonnen, lagen aber jeweils 0:2 zurück. Und die haben im Pokal Düsseldorf geschlagen. Und gegen Saarbrücken, das gegen Grenzau ausgeschieden ist, haben wir kürzlich 0:3 verloren. Man muss seine Stärke immer neu beweisen.

Was spricht für die TTF?

Dass wir quasi vor heimischer Kulisse spielen dürfen. Unter den rund 4000 Fans werden viele für uns sein. Und von mir oder dem Trainer wird es keinen Druck geben. Wir sagen: Genießt es. Wir haben 22:4 Punkte, haben die beste Vorrunde seit 2005 gespielt. Und die Jungs sind hungrig. Sie sind schon ein paar Jahre hier und möchten für sich, den Club und die Fans ein Ausrufezeichen setzen.

Und die individuelle Qualität? Immerhin hat Ihre Nr. 1 Hugo Calderano kürzlich Fan Zhedong, die Nr. 1 der Welt, vom Tisch gefegt.

Qualität haben die anderen auch, man darf da nicht nur auf die Weltrangliste schauen – manchmal bekommen Spieler vom Verband einfach auch wenig Unterstützung, um viele Turniere für die Rangliste zu spielen: Grenzaus Kasache Kirill Gerassimenko etwa.

Sie haben noch Jang Woojin in petto, den 11. der Weltrangliste, den Sie als Backup verpflichtet haben und der noch ohne Einsatz ist. Läuft der als Überraschungsgast auf?

Lassen Sie sich überraschen. So oder so, wir würden das nicht verraten. Klar ist: Jang wird seine Einsätze noch bekommen, er ist nicht leicht aus Südkorea loszueisen.

Der Club ist seit 15 Jahren ohne Titel, hat zehn Finals verloren. Wie wichtig wäre der Pokal fürs Renommee?

Er wäre eine Bestätigung, ein faires und schönes Resultat harter Arbeit, auch für mich selbst: Ich bin hier ja 2012 als Präsident mit dem Versprechen angetreten, die TTF an der Spitze zu halten. Für die Anziehungskraft unseres Nachwuchsleistungszentrums LMC ist der Cup zweitrangig. Wer zu uns will, schaut, wie sich die Spieler individuell entwickeln. Hugo, Simon Gauzy und Jakub Dyjas sind die Aushängeschilder von Club und LMC, sie sind hier groß geworden, können nun allerdings zeigen, dass sie imstande sind, auch als Team zu performen.

Und dann bräche tatsächlich die Ära der TTF an, wie Düsseldorfs Timo Boll im Mai nach dem Sieg im Bundesliga-Finale schon befürchtet hat?

Das werden wir sehen. Die anderen Vereine schlafen nicht. Auch Grenzau oder Saarbrücken setzen inzwischen auf die Jugend, haben eigene Trainingsgruppen, auch Eslövs in Schweden, Bogoria in Polen. Wir haben Nachahmer bekommen, da tut sich was, das ist schön, das spornt uns an, das fordert uns zur Optimierung auf. Und Düsseldorf und Orenburg werden auch dagegenhalten – bisher mit der Strategie, für viel Geld gute Spieler zu holen. Wir haben vor fünf Jahren einen Cut gemacht, haben auf die Jugend gesetzt und wussten, das dauert drei, vier Jahre. Aber Düsseldorf kann sich das kaum erlauben. Da zählen nur Titel, am besten das Triple, da gibt es keine Geduld.

Ihr Geschäftsmodell ist simpel-genial: Sie lassen sich die Ausbildung der Talente auch von Ausrüstern bezahlen. Wie kamen Sie darauf?

Es ist einfach. Wer profitiert von Weltklassespielern? Da gibt es vier Parteien. Der Spieler selbst, der Ausrüster, der mit ihm wirbt, dadurch mehr Beläge oder Hölzer verkauft, der Verband, der durch die Medaillen des Spielers mehr Geld von seinem NOK bekommt. Und der Club. Also sollten alle Interesse haben, sich an der Entwicklung zu beteiligen.

Müssen Sie bald wieder von vorne anfangen? Die Verträge von Calderano und Gauzy laufen ja aus.

Ich bin zuversichtlich, dass sie bleiben – wir kennen Ihre Wünsche und Ideen, sie unsere, nach dem Pokal setzen wir uns wieder zusammen. Eines Tages wird man einen Schnitt machen, wenn die Jungs nicht mehr zu halten oder zu bezahlen sind. Von vorne werden wir nie mehr anfangen müssen. Das Projekt wird weitergeführt. Jede Dekade erzählt dann eben eine neue Geschichte – mit neuen Stars.

Noch ist Calderano das Sternchen. Hängt seit seinem hinreißenden Spiel gegen Fan auch ein Bild von ihm in der Akademie?

Das nicht, da hätte er das Turnier schon gewinnen müssen (lacht). Jeder hat ihm natürlich sofort gratuliert in der Whatsapp-Gruppe, und ich hab ihm bei seiner Rückkehr im Namen des LMC eine USA-Reise und Karten der Golden State Warriors geschenkt, er ist ein Riesen-NBA-Fan. Hugo ist unberechenbar, einzigartig, man kann von ihm alles erwarten. Aber in der Liga merkt auch er zuweilen noch, wie hart der Alltag sein kann.

Früher hieß es, ein Tischtennisspieler ist erst Ende 20 komplett. Tomokazu Harimoto beweist das Gegenteil, der Japaner hat gerade die Grand Finals gewonnen, mit 15. Ein Zeichen für Sie, dass da noch großer Spielraum ist beim Talenteformen?

Klar, man kann das Reifen eben auch beschleunigen. Je früher man sät, umso früher erntet man. Auch wir wollen durch die Kooperation mit der Urspring-Schule und dem dortigen Internat noch früher beginnen. Man braucht Lehrer, Flexibilität, die Infrastruktur. Die hatte Harimoto natürlich, beide Eltern sind Sportlehrer und Ex-Tischtennisspieler. Aber er ist noch im Wachstum, ob er die Sportart wirklich für Jahre beherrschen wird, muss man abwarten. Er war noch nie verletzt. Und eigentlich ist er noch immer ein Kind, kein Mann.

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