HSV-Trainer Jol verwandelt Vereine in Familien

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Deutsche Presse-Agentur

Ohne sein Double geht Martin Jol nirgendwohin. Der 53 Jahre alte niederländische Trainer des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV ist mitunter schon in der Kabine verschwunden, da schreibt Cornelis Jol noch fleißig Autogramme.

„Die Fans denken, ich bin Martin. Warum soll ich sie enttäuschen?“, fragt der stets gut gelaunte Assistent des kleinen Bruders verschmitzt lächelnd. Sie teilen sich die Arbeit gern. Konkurrenz ist den insgesamt vier Jol- Brüdern (Gerrit, Klaas, Cornelis, Martin) fremd. Der prominente Coach ist der Jüngste im Quartett, aber auch der Chef. Er gibt die Richtung vor. „Wir sind ein Familienbetrieb, und Martin ist sehr sozial“, erzählt Spiel-Analytiker Cornelis, „das will er auch seinen Spielern geben“.

Der Nachfolger von Landsmann und Gegenmodell Huub Stevens beim HSV lebt im harten Profi-Geschäft eine Herzlichkeit vor, über die der Londoner „Guardian“ einst schrieb: „Er verwandelt Clubs in Familien.“ Gemeint war, dass der ehemalige Bayern-Profi auch einen Blick fürs Gesamte hat und selten die Mitarbeiter um sich herum vergisst. An der Elbe hat er mit sieben Assistenten einen ähnlich großen Betreuerstab wie der FC Bayern München.

„Ich lebe Fußball, seit ich sechs Jahre alt war. Aber die Familie steht für mich an erster Stelle - an zweiter der HSV“, erzählt der stets besonnene Jol, dessen Puls scheinbar nie über 120 schlägt. „Das ist ein Prinzip von mir, dass ich Ruhe ausstrahlen muss“, betonte Jol kürzlich im NDR-„Sportclub“. Direkt in der Ansprache und mit eisernem Willen ausgestattet, schafft es Medienprofi Martin Jol stets, den richtigen Ton zu treffen - ob bei Spielern oder Journalisten.

Die Fans von Tottenham Hotspur haben gar den Hit von Joan Jett and the Blackhearts „I love Rock'n'Roll“ umgedichtet und darauf „We love Martin Jol“ gesungen. Bei seiner Entlassung nach drei Jahren im Oktober 2007 skandierten die Anhänger des Londoner Clubs seinen Namen, obwohl die Spurs auf Platz 18 standen. Zweimal war er zuvor mit dem Team Fünfter geworden hinter den großen Vier in der Premier League: Manchester United, FC Arsenal, FC Chelsea und FC Liverpool. Sein einziger Titelgewinn als Trainer datiert aus dem Jahr 1997, als „Big Martin“, wie er später in England getauft wurde, mit Roda Kerkrade niederländischer Pokalsieger wurde.

Verehrt wird der Sammler von Häusern, Trikots und moderner Kunst, der mehr als 300 Gemälde sein Eigen nennt, in seinem südholländischen Geburtsort Scheveningen. „Wir freuen uns sehr, wenn er kommt und feiern“, erzählt Bruder Klaas Jol und fügt schadenfroh hinzu: „Martin zahlt dann die Rechnungen.“ Dafür bekommt der lebenslustige vierfache Vater, der mit mehr als zwei Millionen Euro Hamburgs teuerster Übungsleiter der Geschichte ist und mit Lebensgefährtin Nicole und der sechsjährigen Tochter Marit im Eigenheim in Hamburg-Othmarschen lebt, einiges zurück. Die Schwester kümmert sich um seine Geschäftsangelegenheiten, der Neffe hütet das Haus in England und der älteste Bruder Gerrit ist der Archivar, der jeden Zeitungsartikel sammelt.

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