Hoeneß geht – Die Abteilung Attacke bleibt

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Männer klatschen auf der Tribüne
Ein Noch-Präsident und sein Erbe: Uli Hoeneß (re.) tritt in den Hintergrund, Herbert Hainer übernimmt. (Foto: imago images)
Patrick Strasser

Uli Hoeneß ist sehr nah am Wasser gebaut. Er wird auch am Freitag bei seiner Verabschiedung auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern München weinen, richtig schluchzen. Jede Wette. Das ist so sicher wie das krachende Scheitern der Dortmunder bei einem Spiel in München. Das 4:0 gegen den BVB, sein letztes Spiel als amtierender Präsident, war „traumhaft“ für ihn, „ein wunderschöner Abschluss. Wenn du so einmarschierst, ist es natürlich angenehmer als mit einem 0:2“, erklärte der 67-Jährige. Es wird ein einziger Triumphmarsch werden. Mit Blumen und blumigen Worten. Mit Geschenken, Lobeshymnen und Standing Ovations. Bis zu 10 000 Mitglieder, glühende „Ulianer“, werden die Olympiahalle in einen Wallfahrtsort aus Dankbarkeit und Wehmut verwandeln.

Vor Jahresfrist, auf der Jahreshauptversammlung 2018, gab es derbe Kritik. Er betreibe „Vetternwirtschaft“, liefere „eine One-Man-Show“, lauteten die Vorwürfe. Dass diese von einem Fan kamen, hat Hoeneß „überrascht und sehr betroffen gemacht“. Es dauerte lange, bis er die Anklagerede des Mitglieds verarbeitet hatte, ursächlich für seinen Rückzug als Präsident war sie jedoch nicht.

„Großteils unsachlich“, sei die Kritik gewesen. Dass solch schwere Geschütze aus den eigenen Reihen erfolgten, war eine neue Dimension vor dem Hintergrund seiner ausgeprägten Streitkultur über die vier Jahrzehnte als Manager und Präsident. Das Wesen der Hoeneß'schen „Abteilung Attacke“ war immer die Verteidigung seines Babys FC Bayern. Als Gegnerschaft suchte er sich die Großen der Branche. Siehe die legendären Fehden mit dem Werder-Manager und Bremer SPD-Senator Willi Lemke oder mit Kölns Trainer Christoph Daum, den Hoeneß im Jahr 2000 als Bundestrainer verhinderte.

Selbst van Gaal schrieb einen Brief

Zeitweilig war Hoeneß Liga-Feind Nummer 1, erhielt Personenschutz. Mit Daum und Lemke hat sich Hoeneß längst ausgesprochen und versöhnt, lediglich mit Paul Breitner nicht. Der tief sitzende Alphatier-Stolz, der die tiefe Männerfreundschaft abgelöst hat, ist nicht zu kitten. Während Lemke, Daum und selbst Louis van Gaal – besser: van Gockel – Hoeneß zum Rückzug aus dem Amt rührende Brief schrieben, meinte Breitner in der „tz“ kurz und knapp: „Was Uli Hoeneß für den FC Bayern geleistet hat, ist großartig.“ Weggefährten wie Mehmet Scholl, ein Freund der Familie Hoeneß, zogen es bei Interview-Anfragen vor, respektvoll zu schweigen. Die Lebensleistung des Mr FC Bayern solle für sich stehen.

Vielen Beobachtern war aufgefallen, dass Hoeneß in letzter Zeit das Gespür und der Instinkt für die verbale Auseinandersetzung mit dem feinen Florett verloren gegangen war. Ob Mesut Özil, Juan Bernat oder Marc-André ter Stegen – sie alle bekamen den schweren Säbel ab.

Hinterher tat es ihm leid, Hoeneß entschuldigte sich für seine zu emotionale Wortwahl. Der Präsident Hoeneß geht, „als selbstbestimmter Einschnitt ist es sicher der radikalste“, wie er findet. Im Aufsichtsrat wechselt er nur das Amt, gibt den Vorsitz ab, behält aber Sitz und Stimme. Über seine Zukunft wolle er „am Samstag nachdenken, wenn ich zu Hause am Tegernsee aufwache“. Als Ex-Präsident, der sein Büro für seinen Nachfolger Herbert Hainer geräumt hat. Doch kann er, der sich weiter als Anwalt und erster Fan des Vereins sieht, wirklich loslassen? Seine Nachfolge ist geregelt, das war ihm wichtig. „Viele Betriebe gehen kaputt, weil der Alte nicht loslassen kann und alles besser weiß“, sagte er, „so bin ich nicht. Ich greife nur ein, wenn ich sehe, dass etwas falsch läuft.“ Und dann zum Hörer.

Noch nicht komplett fertig

Wie vergangenen Sonntag, als er im „Doppelpass“ bei Sport1 anrief, um eine Verteidigungsrede für Sportdirektor Hasan Salihamidzic zu halten. Aus dem Bauch, aus der Emotion – aber immer berechnend. Anrufe in Redaktionen und bei Reportern, deren Storys ihm widerstreben, werden sich wieder häufen. Die frühere Abteilung Attacke, einst Standard-Werkzeug und Kalkül, erlebt eine Renaissance, wie er bereits ankündigte.

Und sonst? „Ich entdecke gerade das Familienleben neu. Meine beiden Enkel sind eine wahre Freude.“ Er will mehr Zeit mit der Familie verbringen, mit Hund Ben, einem Labrador-Mischling, Spaziergänge machen, das Golf-Handicap (aktuell 25) wieder verbessern und – man höre und staune – mehr Urlaub wagen. Neuseeland und Australien würden ihn und seine Frau Susi reizen, „da waren wir noch nie“. Er versichert: „Mein Leben ist total in Balance.“

Man mag es kaum glauben, da ihn der Abschied so aufwühlt. Verständlicherweise. Hoeneß geht, verlässt Bayerns „Inner Circle“, um dabei laut auszurufen: „Ich bin nicht aus der Welt.“ Er wird weiter Spieler zu sich nach Hause einladen, ein Kümmerer und Ratgeber im Vertrauen sein. Um den Puls seiner zweiten Familie, des Vereins und der Mannschaft, zu fühlen. Er sieht sich als „Elder Statesman“, wie er es nannte. Wird er jedoch in Wahrheit ein Strippenzieher aus dem Hintergrund, die schlaue und graue Eminenz vom Tegernsee?

Ein Uli Hoeneß geht niemals so ganz. Das war's noch nicht. Bestimmt nicht.

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