Hier erinnert sich der Biograph von Rudi Assauer

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Rudi Assauer (Mitte) bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte im Mai 2017 mit seiner Tochter Bettina Michel, die ihn bis
Rudi Assauer (Mitte) bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte im Mai 2017 mit seiner Tochter Bettina Michel, die ihn bis zuletzt pflegte, und Schalke-Boss Clemens Tönnies. (Foto: Imago)
Patrick Strasser

Hausnummer 74, das muss es sein. So wurde mir die Villa beschrieben.

Ein frei stehendes Anwesen in Gelsenkirchen-Buer, ein Backsteinhaus, der Eingang mit Plexiglas überdacht. Ich klingele. Die weiße Tür geht auf, da steht er. Im Anzug, feinster Zwirn. „Kommen Sie herein, wir haben Sie erwartet“, sagt Rudi Assauer. Fester, entschlossener Händedruck. Passend zum Bild, das ich von diesem Mann hatte. Eine sehr förmliche Atmosphäre. Ist ja auch ein Geschäftstermin, unser erstes Treffen zur Arbeit an Assauers Autobiografie. Damals, 2011, als die schreckliche Demenz begann, sich in sein Hirn zu schleichen und seine Erinnerungen verblassen zu lassen. Sein Leben rieselte durch eine Sanduhr, Korn für Korn. Das Buch wurde zum Wettlauf mit der Zeit, gegen die unerbittliche Krankheit. Es war sein ausdrücklicher Wunsch und der seiner Familie, mittels der Autobiografie mit dem Thema Alzheimer an die Öffentlichkeit zu gehen.

Assauer, 67 Jahre alt, die man ihm damals nicht ansieht, macht nach der Begrüßung ins Wohnzimmer kehrt. Er geht nicht, er schreitet durch seine Räume. Seine damalige Frau Britta, seine Tochter Bettina und Frau Söldner, Assauers langjährige Schalke-Sekretärin, begrüßen mich herzlich. Alle drei Damen duzen mich sofort.

Bis zuletzt Herr Assauer

Der, um den es geht, sitzt etwas verloren auf der riesigen weißen Couch im Wohnzimmer, starrt durch die Glastürfront auf die Terrasse.

Sie nennen ihn, je nach Perspektive: Hase, Papa oder Chef. Für mich bleibt er Herr Assauer, bis zuletzt.

Er, Mister Schalke. Königsblauer Macher und Macho. Ein Lebemann. Ein Kind der Bundesliga. Mit Borussia Dortmund gewann er 1966 als Spieler den Europapokal der Pokalsieger. Der eisenharte Verteidiger spielte auch für Werder Bremen, wechselte dort ins Management. Noch bevor der junge Uli Hoeneß bei Bayern sich selbst ausbildete, hatte Assauer den Job des klassischen Vereinsmanagers erfunden. Er ging nach Schalke, mit allen Höhen und Tiefen, Rauswurf und Rückkehr, alles inklusive. „Entweder ich schaffe Schalke, oder Schalke schafft mich“, sagte er einmal.

„Dann wollen wir mal, oder? An die Arbeit!“ Souvenirs seines Schaffens stehen auf dem Holztisch und in den Regalen um uns herum. Abfahrt zur Zeitreise. Nicht ohne sein Markenzeichen. Er nestelt an seiner Zigarrentasche, entflammt eine „Davidoff Grand Cru No.3“. „Sie rauchen?“ – „Nein, danke.“ Ich sitze im Nebel, versuche ständig, Husten zu unterdrücken. Assauer erzählt offen, mit Details, lacht. Er springt zwischen den Jahrzehnten hin und her. Was für ein Leben.

Manche nannten ihn „Kaschmir-Hooligan“

Assauer war ein Arbeiter. Raue Schale, manchmal ganz rauer Kern. Wer Schalke angriff, hatte Assauer zum Feind. „Kaschmir-Hooligan“ nannte ihn Dortmunds früherer Manager Michael Meier, einer seiner Widersacher.

Wieder an der Tür, der zweite Besuch, wenige Wochen später. Er öffnet. „Ach, Sie schon wieder! Der Münchner! Hereinspaziert.“ Assauer gibt sich eine Spur herzlicher, aber immer noch distanziert. Wir tauchen erneut ab in sein Leben, die Damen reichen Kaffee und Kekse.

Die Zeit läuft

„Stumpen-Rudi“ nebelt mich wieder ein, ich gewöhne mich daran. Kopfweh als Nebenwirkung. Hin und wieder vergisst er Zusammenhänge, wirkt etwas fahriger als beim ersten Treffen. Ich habe Fotos aus seiner Karriere dabei, das hilft. Dennoch spüre ich: Die Zeit läuft.

Assauer hat Schalke vor der Pleite gerettet, den hierzulande unbekannten Trainer Huub Stevens engagiert, man gewann 1997 gemeinsam den UEFA-Pokal, eine Sensation. Das Kind der Bundesliga wurde zum Vater eines Vereins, den er mit dem Bau eines hochmodernen Stadions in die Zukunft führte.

Einer der nächsten Besuche, ein paar Monate und viele Treffen später: Assauer öffnet die Tür nur einen Spalt, lugt hindurch. „Wer sind Sie? Was wollen Sie? Wir kaufen nichts.“ Er macht wieder zu. Von drinnen höre ich sein Lachen. Er öffnet die Türe nun ganz, versucht böse zu schauen, grinst dann. Er klopft mir auf die Schulter. Der Schelm.

Seine Tochter Bettina, ein Quell der Lebensfreude, bis zum letzten Tag an seiner Seite, steht im Flur, lacht sich schlapp. „So isser, ne. Der Papa, unser Chef, immer ordentlich Spaß inne Backen.“ Die Treffen werden herzlich, die Gespräche schwieriger. Seine Geduld ist bewundernswert, auch wenn ich wieder und wieder nachhake. Ich spüre, dass er sich schämt.

Jubel über das Spiel vom Vortag

Assauer ist in der schlimmsten Phase der Krankheit angekommen. Die Phase, in der die Patienten noch merken, was mit ihnen passiert, wenn sie nicht mehr auf Namen kommen, Wortfindungsstörungen haben. In einem Moment erzählte er detailliert von seiner Bremer Zeit als Spieler und Manager. Eine halbe Stunde später weiß er nicht mal mehr, dass die Stadt, in der er zwölf Jahre gelebt hat, Bremen heißt. In Gesprächspausen schauen wir Fußball. Schalke natürlich. Wenn S04 ein Tor schießt, springt Assauer auf und jubelt. Ich nicke ihm zu. Es läuft das Spiel vom Vortag.

Einer der letzten Besuche, knapp ein Jahr nach Beginn, wir sind fast durch. Assauer kommt erst nach seiner Tochter zur Tür, wirkt schwach, ist dünner geworden. Doch der Anzug ist Pflicht, selbst zu Hause. Er will seine Würde behalten, auch wenn er nicht mehr alles alleine erledigen kann. Assauer erkennt mich erst auf den zweiten, dritten Blick, diesmal ist es kein Scherz. In den Gesprächen wird er schnell müde, kann sich kaum mehr konzentrieren. Einst Macho, nun ein vom Alzheimer gebrochener Mann. Wir reden über die Krankheit, ganz offen. „Wenn es eine Sache in meinem Leben gibt, vor der ich immer Angst hatte, so richtig Schiss auf gut Deutsch, dann Alzheimer. Ich wollte doch das Alter, das Leben genießen. So 'ne Scheiße. Verdammt noch mal.“ Ich muss schlucken. Wir sprechen über andere Patienten, die sich das Leben genommen haben. Ich kann kaum atmen. Ganz ohne Zigarre. Er raucht nun weniger.

Am Mittwoch ist Rudi Assauer gestorben, mit 74. In den Erinnerungen der Menschen wird sein königsblaues Herz weiterschlagen.

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