Heidenheim nach der Sensation: Auf sicheren Säulen

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 Die Entscheidung: Heidenheims Maurice Maulthaup überlistet Bayer-Torhüter Lukas Hradecky zum 2:1.
Die Entscheidung: Heidenheims Maurice Maulthaup überlistet Bayer-Torhüter Lukas Hradecky zum 2:1. (Foto: imago)
Sportredakteur/DigitAalen

Von Champions League und Weltklasse sind die Heidenheimer Pokalhelden dann doch noch ein Stück weit entfernt. Das sind andere – zumindest denkt das Nikola Dovedan. „Das sind Weltklassespieler, und Leverkusen ist für mich eine Champions-League-Mannschaft“, sagte der 24-Jährige, der nach seiner starken Leistung bei diesem denkwürdigen 2:1 gegen Leverkusen im Achtelfinale des DFB-Pokals vor lauter Adrenalin eigentlich gefühlt über den nebelverhangenen Schlossberg in der 50 000-Einwohner-Stadt Heidenheim hätte schweben können.

Dovedan blieb allerdings am Boden und ordnete, wie seine Kollegen, dieses außerordentliche Ereignis nüchtern ein, das eine Sensation, für manche sogar ein Wunder war. Er ließ sich nicht blenden, auch nicht vom neuen Titel, den sich das Team von Trainer Frank Schmidt sicherte: Heidenheim ist jetzt Rekordmeister-Besieger-Besieger. Dass Leverkusen erst am Wochenende 3:1 gegen Bayern München gewonnen hatte, mutete an diesem Abend tatsächlich absurd an.

Und doch: Diese Heidenheimer sorgten einmal mehr für bundesweites Aufsehen. An einem eiskalten Abend, an dem Bayer-Torwart Lukas Hradecky bei minus vier Grad mutig kurzärmlig auflief, gegen mutige Heidenheimer jedoch zwei Treffer kassierte, gewannen sie am Ende zurecht, wie hinterher alle im Einklang befanden – auch die frustrierten Leverkusener. Allen voran Trainer Peter Bosz und Sportdirektor Rudi Völler. „Heidenheim hat das gut gemacht. Wir sind nicht mehr im Pokal, das ist Fakt“, erklärte ein konsternierter Völler.

„Das ist überragend für uns“, stellte Dovedan, der österreichische Offensivwirbler und Schütze des Ausgleichstors, danach fest. Dessen aufstrebende Form parallel geht mit der des Teams. Dovedan erzielte sein drittes Pokaltor und darf auf mehr hoffen im Viertelfinale im April, am Sonntag (18.30 Uhr, ARD) steigt die Auslosung.

Der FCH wünscht sich ein Heimspiel. Dortmund kann es nicht werden, wie es sich Dovedan unmittelbar nach dem Sieg wünschte, die sind raus, nach dem Elfmeterschießen-Drama gegen Bremen. Die größere Blamage erlebte freilich Leverkusen auf dem Schlossberg, auch weil es „schlampig“ spielte, wie Nationalspieler Julian Brandt feststellte.

Es war allerdings auch die klare Struktur der Heidenheimer, die zum Coup beitrug. Der gebürtige Heidenheimer Frank Schmidt, das Trainer-Urgestein im deutschen Fußball, hatte seine Mannschaft perfekt eingestellt. Diese genoss natürlich auch das Glück des aufopferungsvoll kämpfenden Außenseiters. Die in der Vorsaison oft gescholtene Abwehr war ein „Bollwerk“, Bayer offensiv schwach und defensiv anfällig.

Die Defensivkunst der gezielt zusammengestellten Schmidt-Auswahl trägt auch dazu bei, dass sich der FCH vom Abstiegskandidaten der Vorsaison – als Schmidt nie zur Debatte stand – zu einem Spitzenteam der 2. Liga mauserte. Zum nächsten Heimspiel kommt der große HSV auf die raue Ostalb. „Wir freuen uns auch, dass wir in der Meisterschaft so gut dastehen“, frohlockte Dovedan über die Lage beim Ligasechsten. Doch zunächst geht es nach Darmstadt.

Heidenheim hat Glauben in seine Fähigkeiten, nicht nur aufgrund der Pokal-Sensation. „Wir haben Selbstvertrauen, und haben noch einmal Selbstvertrauen dazubekommen, wenn du Bayer Leverkusen ausschaltest“, sagte Siegtorschütze Maurice Multhaup. Wohin dieser Schub führt? Möglich ist alles.

Nur 11 400 Zuschauer

Der FCH steht auf sicheren Säulen, die Mannschaft funktioniert, das Umfeld ist gefestigt, Schmidt, seit 2007 im Amt, und sein Chef, Vorstandsvorsitzender Holger Sanwald, gehen voran. Das Konstrukt FCH, mit zahlreichen Sponsoren, ist in den fünf Jahren 2. Liga gewachsen. Es herrscht Ruhe und Kontinuität, im Gegensatz zum großen Profi-Nachbarn im Ländle, dem VfB Stuttgart. „Wir dürfen jetzt nicht überdrehen“, warnt Schmidt gleichwohl vor dem Abheben.

Der Realitätssinn ist auch nach dem zweiten Einzug ins Viertelfinale und der komfortablen Lage in der Liga geblieben. Für ein Spiel war die Leistung erstligatauglich – mehr aber auch nicht, und die Zuschauerresonanz – nur 11 400 kamen in die 15 000-Mann-Arena – war enttäuschend. „Man muss die Kirche im Dorf lassen. Wenn wir zehn Spiele gegen Leverkusen machen, verlieren wir neun und das eine gewinnen wir“, räumte Routinier Norman Theuerkauf (32) ein, der mit seinem jungen talentierten Kollegen Patrick Mainka (24) die Abwehrmitte dicht hielt.

Den zweiten, weitaus bekannteren Routinier ließ Schmidt als letzte Option auf der Bank. Es geht auch ohne Marc Schnatterer, das ist eine Erkenntnis. Doch der 33-jährige Kapitän wird freilich weiter benötigt. „Wir dürfen uns freuen über eine weitere Runde, und dann ist er bei 100 Prozent“, merkte der Trainer zum Rekovaleszenten an. Für Schnatterer und Co. ging es oben auf dem Schlossberg am Mittwochmorgen weiter wie immer. Auslaufen. Bayern-Besieger-Besieger haben schwere Beine.

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