Handball sucht Wege aus der Krise

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Deutsche Presse-Agentur

Wieder einmal brannte das Licht bis zum späten Abend, wieder einmal wurden Beschuldigte befragt. Die Zentrale des deutschen Handballs in Dortmund wird mehr und mehr zum Ort steter Krisensitzungen.

Keine zwei Wochen nach der Anhörung von THW-Manager Uwe Schwenker musste sich das Magdeburger Schiedsrichter-Duo Frank Lemme und Bernd Ullrich zu Manipulations-Vorwürfen äußern. Doch anders als vor zwölf Tagen, als die Ermittlungen im Fall Kiel voreilig und leichtfertig für beendet erklärt wurden, gingen die Verantwortlichen diesmal etwas weniger blauäugig vor. „Wir sind auf dem richtigen Weg, die Sache völlig aufzuklären“, befand Reiner Witte, Präsident des Ligaverbandes HBL.

Dabei steht der in Verruf geratenen Sportart ein echter Herkulesakt bevor. Mit sorgenvoller Miene verlas DHB-Präsident Ulrich Strombach nach dem mehr als zweistündigen Treffen einen Maßnahmen-Katalog, mit dessen Hilfe die ungeheuerlichen Vorwürfe überprüft werden sollen. Angesichts der Brisanz verzichtete der Jurist dabei auf weiterreichende Kommentare.

Die vorläufige Suspendierung der Unparteiischen Lemme/Ullrich, bei denen auf der Rückreise vom Europapokal-Finale zwischen Tschechow und Valladolid im Jahr 2006 am Flughafen 50 000 US-Dollar im Handgepäck gefunden worden waren, ist nur ein erster Schritt. Darüber hinaus sollen alle in den vergangenen drei Jahren aktiven Bundesliga-Schiedsrichter persönlich zu eventuell ähnlichen Vorkommnissen angehört und auffällige Spiele analysiert werden. Zudem forderte der DHB den europäischen Verband auf, „bezüglich der in den vier EHF-Wettbewerben beschäftigten Schiedsrichtern gleichwertig zu verfahren und einen unabhängigen Spielanalyse-Ausschuss zu berufen“.

Trotz der erdrückenden Indizien glaubt Strombach weiter an die Unschuld von Lemme und Ullrich. „Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass keine Manipulation vorliegt. Uns gilt das Wort der Schiedsrichter beim derzeitigen Stand der Dinge mehr als irgendwelche Gerüchte“, sagte der Verbandspräsident. Angelastet wurde dem Duo lediglich, dass sie den Vorgang am Moskauer Flughafen nicht gemeldet hatten.

Die Antwort auf die Frage nach dem Grund für das lange Schweigen der Referees gab HBL-Präsident Witte: „Sie haben sich gedacht, das klingt wie Grimms Märchen. Deshalb haben sie sich entschieden, nichts zu erzählen.“ Witte ist zuversichtlich, dass das Duo nach dem Ende der Affäre wieder Spiele leiten wird: „Das denke ich sicher.“

Beide Unparteiischen bestritten in Dortmund abermals, das Geld genommen und das Spiel manipuliert zu haben. „Wir dachten, das glaubt uns eh kein Schwein“, begründete Lemme im WDR-Fernsehen seine dubiose Vorgehensweise nach den Vorkommnissen in Moskau.

Bei der Aufklärung der Affäre wird viel wird davon abhängen, wie konsequent der Verband seine angekündigten Maßnahmen umsetzt und in welchem Maße die bisher trägen internationalen Verbände EHF und IHF bereit sind, in dem „Kriminalstück“ zu ermitteln. Witte sehnt ein schnelles Ende der negativen Schlagzeilen herbei. Besonders optimistisch klang der HBL-Präsident jedoch nicht: „Ich hoffe, das war nicht die Spitze des Eisberges, sondern der Eisberg. Aber es ist nicht meine Aufgabe, im Kaffeesatz zu lesen.“

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