Hörmann fordert Änderungen am Doping-Gesetz

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Ein Mann mit klaren Vorstellungen: DOSB-Präsident Alfons Hörmann bei seinem Vortrag in Ingoldingen im Landkreis Biberach.
(Foto: Michael Mader)
Schwäbische Zeitung

Deutschlands oberster Sportfunktionär auf Besuch in Ingoldingen, genau genommen in der kleinen Sporthalle des Ortsteils Muttensweiler: Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), leistete Basisarbeit im Landkreis Biberach.

Auf Einladung von Martin Gerster, dem dortigen SPD-Bundestagsabgeordneten, sowie des Sportkreises Biberach hielt er einen Vortrag über die Bedeutung des Sports, „den Kitt der Gesellschaft“ wie er sagte. Nach dem Termin sprach Jochen Schlosser mit dem Allgäuer – über seine Motivation, die Olympia-Bewerbung 2024 und den Streit um das neue Anti-Doping-Gesetz.

Herr Hörmann, gerade haben Sie betont, wie wohltuend es ist, die Begeisterung an der Basis zu spüren im Gegensatz zu den vielen anstrengenden sportpolitischen Gesprächen. Kann dieser nervenaufreibende Job mit all den Streitthemen überhaupt Spaß machen?

Selbstverständlich! Wäre die Aufgabe nicht mit Freude verbunden, dann wäre dieser Aufwand niemals zu rechtfertigen. Schließlich handelt es sich um eine ehrenamtliche und frei gewählte Aufgabe. Niemand hat mich dazu gezwungen.

Der DOSB umfasst über 90000 Vereine und hat 27 Millionen Mitglieder. Eigentlich müsste der Sport riesigen Rückhalt in der Gesellschaft haben, dennoch regt sich in Deutschland vermehrt Widerstand gegen Großereignisse. München hat sich etwa gegen eine Bewerbung um die Winterspiele 2022 entschieden. Wie erklären Sie sich diesen Trend?

Insgesamt hat der Sport eine sehr hohe Akzeptanz in der Breite – und den Leistungssport betreffend auch in der Spitze. Dies sieht man an Zuschauerzahlen und Einschaltquoten, die tendenziell von Jahr zu Jahr steigen. Auch steht außer Frage, dass der Sport bei Themen wie Integration und Inklusion Wertvolles für die Gesellschaft leistet.

Der Widerstand betrifft ja nicht diese Bereiche, sondern den Leistungssport und die Olympischen Spiele – aufgrund der Kommerzialisierung und der oft kritisierten Strukturen im Internationalen Olympischen Komitee (IOC).

Die Fragen, die dann gestellt werden, lauten: Brauchen wir in einem Land wie Deutschland überhaupt sportliche Großereignisse? Brauchen wir ein Projekt wie die Olympiabewerbung? Wenn wir da nicht sehr intensiv und zielgerichtet in die Diskussion und die Argumentation einsteigen, wenn man den Menschen nicht die gesamtheitliche Bilanz von Olympia und den Paralympics klarmacht, wenn man es nicht schafft, das eine oder andere Vorurteil auszuräumen, dann kommt es zu einer Abstimmung wie jener in München. Genau dies wollen und werden wir jetzt in Hamburg besser machen.

Was bedeutet dies konkret?

Wir sind viel enger und kommunikativer mit den Bürgern im Dialog, wir haben Details früh transparent gemacht und Argumente ausgetauscht – auch mit den Gegnern. Wir versuchen, die Unentschlossenen zu Befürwortern zu machen. Denn die Gruppe der klassischen Gegner wird es immer geben. Damit muss man in einer Demokratie leben.

Und Sie sind zuversichtlich, dass Hamburgs Bürger die Bewerbung mehrheitlich befürworten?

Wir haben ja zwei Umfragen gemacht, und die Stimmung scheint im Moment gut und positiv zu sein. Doch es ist wie bei allen Wahlen: Abgerechnet wird am Tag X (die Bürgerbefragung ist am 29.11., die Red.).

Was würden Olympische Spiele 2024 in Hamburg für Deutschland bedeuten?

Rückenwind von Nord bis Süd und Ost bis West, für den Spitzen- wie für den Breitensport! Auch würden sie eine gehörige Portion Motivation bedeuten – für alle, die im Sport arbeiten und natürlich für alle jungen Sportler. Auch hat Deutschland, es sei an das Attentat 1972 und die Sommerspiele von 1936 in Berlin erinnert, an Olympia etwas gutzumachen.

Es sind aber in den letzten Jahrzehnten in Sachen Olympia Dinge passiert, die viele Sportbegeisterte nicht nachvollziehen konnten: Vergaben an Länder wie Russland oder China, die Winterspiele in Sotschi, der Gigantismus zum Beispiel 2008 in Peking, die hinterher nutzlosen Stadien …

Das ist das Thema! Es ist enorm wichtig, dass IOC-Präsident Thomas Bach mit der Agenda 2020 die Weichen anders gestellt hat. Deshalb haben wir auch von Anfang an gesagt, dass wir eine verantwortungsvolle Bewerbung benötigen. In Deutschland haben wir mit den 1972er-Spielen, mit mehreren Großveranstaltungen im Sport bewiesen, dass Nachhaltigkeit machbar ist. Die berühmt-berüchtigten Weißen Elefanten, die leer stehenden Stadien, gibt es bei uns nicht.

Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die Chancen, sich gegen die Konkurrenten – bislang Boston, Rom und Paris – durchzusetzen?

Olympische Sommerspiele kriegt man nicht auf dem Silbertablett, man muss sich gegen starke Rivalen durchsetzen.

Ist es ein Vor- oder Nachteil, dass IOC-Chef Bach Deutscher ist?

Weder noch.

Ist es ein Vor- oder ein Nachteil, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ebenfalls 2024 die Europameisterschaft austragen will?

Es ist kein Nachteil, weil DFB und DOSB das abgestimmt haben.

Zudem würde man sich mit Hamburg ja auch ein zweites Mal bewerben, um die Spiele 2028 …

So ist es.

Aktuell toben zudem die Debatten um das von der Bundesregierung geplante Anti-Doping-Gesetz. Sie befürchten Sammelklagen von Sportlern gegen den Entwurf. Was missfällt dem DOSB-Präsidenten selbst an der Gesetzesvorlage?

Zunächst befürwortet der DOSB, dass das Gesetz kommt. Viele Punkte darin finden unsere Zustimmung: von der Stärkung der Schiedsgerichtsbarkeit und der Nada (Nationalen Anti-Doping-Agentur, die Red.) bis zur Stärkung des Datenschutzes. Dies bietet viele Vorteile, aber das Problem sehen wir in den Passagen, in denen es um Fragen des Selbstdopings geht und wo eventuell sportgerichtliche Sanktionen durch neue staatliche Regelungen ergänzt oder ersetzt werden sollen. Doch diese Regelungen widersprechen sich zum Teil.

Sie fürchten, dass die Sportgerichtsbarkeit ausgehebelt wird?

Bei der Anhörung am Montag in Berlin hat ein Professor gesprochen, der für die Politik tätig war. Er hat in etwa gesagt: Liebe Athleten, ihr braucht vor der staatlichen Gerichtsbarkeit viel weniger Angst zu haben als vor der Sportgerichtsbarkeit, das ist mehr Symbolik. Aber wir dürfen keine Symbolgesetzgebung machen! Sie muss wirksam sein! Unsere Sorge ist, dass diese Gesetzgebung eher zu einer Schwächung des Anti-Doping-Kampfes führt als zur Stärkung – und der DOSB will eine Stärkung. Der entscheidende Punkt ist: Die Sportgerichtsbarkeit kann schnell, hart und klar bestrafen. Nehmen Sie zum Beispiel den Fall Evi Sachenbacher-Stehle: Sie war innerhalb von zwölf Stunden aus dem Olympischen Dorf raus, aus den Ergebnislisten verschwunden. Der größte Unterschied ist: Der Sportler muss im Sportrecht seine Unschuld nachweisen, ein positiver Test genügt.

Zivilrechtlich gilt die Unschuldsvermutung, dem Sportler muss Doping nachgewiesen werden …

… was ein riesiger Unterschied ist! Und dies kann sich monatelang hinziehen.

Außerdem kann ein Zivilprozess durch zahlreiche Instanzen gehen.

Das haben wir ja beispielhaft mit dem Fall Claudia Pechstein. Unabhängig davon, wie man nun zu diesem Fall stehen mag, kämpft Claudia Pechstein jetzt über die Gerichte außerhalb der Sportgerichtsbarkeit gegen ihren Verband. Mit diesem Gesetz, sollte es so verabschiedet werden, sehen wir Schwierigkeiten beim Abgleich von Urteilen der Sportgerichtsbarkeit und der staatlichen Gerichte auf uns zukommen.

Am 17. Juni wird es eine Anhörung in Berlin geben, bei welcher der DOSB seine Bedenken vortragen darf. Die Stimmen aus der Politik lassen jedoch vermuten, dass sich dadurch nicht mehr viel an der Vorlage ändern wird, oder?

Unsere Stellungnahmen und die Stellungnahmen der Athleten liegen längst vor. Auch der Deutsche Anwaltsverein hat sich beispielsweise sehr kritisch geäußert. Wir tragen unsere Bedenken seit Monaten gebetsmühlenartig vor. Wir wollen auch nichts verhindern oder bagatellisieren, aber der Sport wird mit den neuen Regelungen leben müssen. Es wird ja im Moment so getan, als sei der Entwurf bereits das fertige Gesetz. Das kann es ja nicht sein! Deshalb ist es unser gutes Recht zu sagen: Liebe Politik, wir verfolgen dasselbe Ziel, doch an der einen oder anderen Stelle sind wir uns über den Weg nicht einig. Hoffentlich wird dann bei dieser Anhörung auch hin- und zugehört. Dann müsste es gelingen, noch die eine oder andere Änderung hinzukriegen.

Ansonsten stehen sich Sport- und Zivilrecht demnächst in manchen Punkten im Weg?

Noch einmal: Das hohe Gut einer funktionierenden Sportgerichtsbarkeit soll tendenziell weiter gestärkt werden und kann selbstverständlich durch staatliche Maßnahmen und Initiativen gestärkt werden, aktuell jedoch gibt es in dem Gesetz unserer Ansicht nach jedoch Passagen, die den Anti-Doping-Kampf eher schwächen würden. Ohne Änderungen an der Gesetzesvorlage ist es nur eine Frage der Zeit, bis der eine oder andere Athlet gegen das Anti-Doping-Gesetz klagen wird.

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