Großes Echo nach Rücktritt: Merkel schätzt Özil als „tollen Fußballspieler“

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Foto mit Erdogan
Die beiden deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan (l-r) und Mesut Özil posieren zusammen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan für ein Foto. (Foto: Uncredited/Pool Presdential Press Service/AP / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Agence France-Presse

Mesut Özils krachender Rücktritt aus der Nationalelf bringt die DFB-Spitze in Erklärungsnot und befeuert die heikle Debatte über Rassismus in Deutschland. Mit seinen scharfen Vorwürfen gegen Verbandschef Reinhard Grindel und angeblich fremdenfeindliche Funktionäre hinterließ der 29-Jährige dem Deutschen Fußball-Bund eine schwere Bürde für die weitere Aufarbeitung des WM-Scheiterns.

Darüber hinaus dürfte durch Özils emotionale Abrechnung die Diskussion um die Bereitschaft der Deutschen zur Integration von Migranten und deren Nachkommen wieder neu entbrennen. Für seine Abrechnung erntete Özil harte Kritik, aber auch großes Lob — nicht zuletzt aus Ankara.

Özils Entscheidung sei „für die Integrationsbemühungen in unserem Land über den Fußball hinaus ein schwerer Rückschlag“, sagte der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger der Deutschen Presse-Agentur. Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) sprach von einem „Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt“.

SPD-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel appellierte „an alle Bürgerinnen und Bürger mit unterschiedlichen Wurzeln: Wir gehören zusammen und wir akzeptieren Rassismus never ever.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel versuchte, die Wogen zu glätten: Die Bundeskanzlerin schätzt Mesut Özil sehr. Mesut Özil ist ein toller Fußballspieler, der viel für die Fußball-Nationalmannschaft geleistet hat“, sagte eine Regierungssprecherin in Berlin. „Mesut Özil hat jetzt eine Entscheidung getroffen, die zu respektieren ist.“ Der Sport trage viel zur Integration in Deutschland bei, sagte die Sprecherin weiter.

„Niemand muss oder soll Wurzeln verleugnen, freilich wünsche ich mir schon auch ein deutliches Bekenntnis für das neue Heimatland“, sagte Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) der „Bild“-Zeitung. Er wünsche sich „ein klares Bekenntnis zu unseren Werten“, „gerade gegenüber jemandem“ wie Recep Tayyip Erdogan, sagte er mit Blick auf das umstrittene Treffen Özils mit dem türkischen Staatschef.

Thomas Strobl
Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU).  (Foto: Sebastian Gollnow/Archiv / DPA)

In einer dreiteiligen, über die sozialen Netzwerke verbreiteten Erklärung zu seinem Rückzug aus der DFB-Auswahl, mit der er 2014 in Brasilien Weltmeister geworden war, fragte Özil am Sonntag: „Ich wurde in Deutschland geboren und ausgebildet, also warum akzeptieren die Leute nicht, dass ich Deutscher bin?“ Und weiter: „Gibt es Kriterien, ein vollwertiger Deutscher zu sein, die ich nicht erfülle? Meine Freunde Lukas Podolski und Miroslav Klose werden nie als Deutsch-Polen bezeichnet, also warum bin ich Deutsch-Türke? Ist es so, weil es die Türkei ist? Ist es so, weil ich ein Muslim bin?“

Zuvor hatte der Spielmacher des FC Arsenal die umstrittenen Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, die die Affäre im Mai ausgelöst hatten, vehement gegen alle Kritik verteidigt.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), nannte es „gut, dass sich Özil endlich erklärt“. Trotz Özils türkischer Wurzeln, die er als zentralen Grund für die Einwilligung in das Treffen mit Erdogan nannte, müsse er sich als Nationalspieler aber auch Kritik gefallen lassen, wenn er sich für Wahlkampfzwecke hergebe. Dies dürfe jedoch nicht „in pauschale Abwertung von Spielern mit Migrationshintergrund umschlagen“, betonte Widmann-Mauz.

Özil hatte im Zorn über das Verhalten von DFB-Chef Grindel in der Erdogan-Affäre geschrieben: „In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren.“ Er und seine Familie hätten hasserfüllte E-Mails und Drohanrufe erhalten, von Beleidigungen in den sozialen Netzwerken ganz zu schweigen, teilte der 92-malige Nationalspieler mit.

Während sich der DFB zunächst nicht zu Özils Aussagen äußerte, warteten türkische Regierungspolitiker mit großem Lob auf. „Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen“, erklärte Sportminister Mehmet Kasapoglu. Justizminister Abdulhamit Gül gratulierte dem gebürtigen Gelsenkirchener mit türkischen Wurzeln, weil dieser mit seinem Rücktritt das „schönste Tor gegen den faschistischen Virus geschossen“ habe. Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin begrüßte Özils Aussage, dass er den türkischen Präsidenten wieder treffen würde.

Die Debatte um die Fotos mit Erdogan hatte die Nationalmannschaft bei ihrer Vorbereitung auf die WM und beim Turnier in Russland belastet. Ilkay Gündogan, der sich ebenfalls mit dem türkischen Staatschef getroffen und für Fotos posiert hatte, erklärte noch während des Trainingslagers, er habe keine politischen Absichten verfolgt. Özil indes schwieg wochenlang, ehe er sich am Sonntag mit seinen über mehrere Stunden verteilten Erklärungen zu Wort meldete. Darin bestritt auch er politische Absichten.

In der Nationalmannschaft muss Bundestrainer Joachim Löw nun nicht nur für die nächsten Länderspiele gegen Weltmeister Frankreich am 6. September und gegen Peru drei Tage später ohne seinen früheren Musterschüler Özil planen. Die Diskussion um den Mittelfeldspieler aber hatte schon länger die sportliche Dimension überschritten und mischte sich auch in die hitzige Asyldebatte.

Nicht sein Präsident: Mesut Özils DFB-Karriere endet mit einer Attacke auf DFB-Boss Reinhard Grindel. (Foto: dpa)

Auch die Verbandsspitze des DFB steht nun unter gehörigem Druck - insbesondere Präsident Grindel. „Ich werde nicht länger als Sündenbock dienen für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen“, kritisierte Özil den langjährigen CDU-Bundestagsabgeordneten. Mehrere Parlamentarier, darunter die Bundestagsabgeordneten Renate Künast, Omid Nouripour (beide Grüne) und Frank Schwabe (SPD), forderten den Rücktritt Grindels.

Der Grüne-Abgeordnete Cem Özdemir sagte der „Berliner Zeitung“: „Es ist fatal, wenn junge Deutsch-Türken jetzt den Eindruck bekommen, sie hätten keinen Platz in der deutschen Nationalelf. Leistung gibt es nur in Vielfalt, nicht in Einfalt. So sind wir 2014 Weltmeister geworden. Und Frankreich jetzt.“

Via Twitter sagte der Grünen-Politiker: "Özils Foto bleibt falsch und seine Erklärung überzeugt nicht. Mindestens so desaströs ist das agieren der DFB-Spitze. Reinhard Grindel zerhackt unsere Integrationsgeschichte. Wollen die, dass bald junge Deutsch-Türken für Erdogan spielen?"

Die Türkische Gemeinde Deutschlands hat den Rücktritt der gesamten DFB-Führung gefordert. „Nach Özil sollte nun die ganze Leitungsebene des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) zurücktreten, damit ein echter Neuanfang für die deutsche Nationalmannschaft denkbar ist“, sagte der Bundesvorsitzende Gökay Sofuoglu der „Heilbronner Stimme“ (Dienstag). „Özil als Sündenbock für das Ausscheiden aus der WM zu deklarieren, ist mehr als eine billige Ausrede.“

Der Präsident des FC Bayern München, Uli Hoeneß, hat dagegen scharf gegen Özil selbst geschossen. „Ich bin froh, dass der Spuk vorbei ist. Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen. Und jetzt versteckt er sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto“, sagte er  der „Sport Bild“ vor dem Abflug des Clubs zu einer US-Tour.

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