Gang nach Canossa: VfB-Chef Dietrich diskutiert mit Fans

Lesedauer: 5 Min
 Unter Druck: VfB-Präsident Wolfgang Dietrich.
Unter Druck: VfB-Präsident Wolfgang Dietrich. (Foto: Christoph Schmidt)

Kein Tag vergeht, an dem nicht von außen oder innen Unruhe hereinbräche über den VfB Stuttgart. Am Mittwoch meldete sich Timo Hildebrand zu Wort, der Meistertorhüter von 2007, und nannte den Zustand des Clubs „erschreckend“. Jeder Spieler wisse, dass der Tabellen-16. gegen den Abstieg spiele, sagte der 39-Jährige. „Als Zuschauer erwartet man deshalb eine Reaktion. Aber der VfB ist keine Gefahr für andere Mannschaften, er tut keinem anderen Team weh. Das ist traurig.“

Präsident Wolfgang Dietrich wird derzeit in Zweiwochenabständen im Stadion zum Rücktritt aufgefordert. Dass sich der 70-Jährige dennoch am Donnerstag in Ummendorf (19 Uhr, Gemeindehaus) auf Einladung der Bürgerstiftung einem Talk mit Vertretern der oberschwäbischen Highlander stellt, des mit 610 Mitgliedern zweitgrößten VfB-Fanclubs, ist aller Ehren Wert. Denn auch die Highlander waren schon besser auf die VfB-Oberen zu sprechen. „Wir beteiligen uns zwar an keinen Sprechchören oder Transparenten im Stadion, aber die sportliche Talfahrt geht unter Dietrich weiter“, sagt Fanclub-Chef Martin Koch. „In Guido Buchwald wurde der letzte mit Fußballkompetenz aus dem Aufsichtsrat vergrault, und so, wie die Situation ist und die Stimmung, sollte auch der Vorstand mal darüber reflektieren, was besser wäre für den VfB: mit ihm oder ohne ihn“, fügt Clubsprecher Edgar Quade an. „Wir können nicht jedes Jahr sechs Trainer auswechseln, 15 Spieler kaufen für zig Millionen Euro, die alle floppen. Da muss jemand Verantwortung übernehmen.“

Das 2:3 gegen Mainz zum Rückrundenauftakt nach 0:3-Rückstand habe vielen VfB-Fans den im Winter neu entfachten Optimismus geraubt. „Dieser Auftritt und auch das Heimspiel gegen Freiburg waren einfach nur desaströs: Kein Kampf, kein Wille“, sagt Koch. „Der Relegationsplatz ist alles, worauf du noch hoffen kannst, auch, weil Nürnberg und Hannover genauso schwach sind. Mehr ist nicht drin.“

Unter Dietrich sei keine Philosophie zu erkennen, findet Koch. „Mit der Entlassung von Manager Jan Schindelmeiser als erste Amtshandlung nach dem Aufstieg gingen die Probleme los. Bis heute hat Dietrich noch keinen schlüssigen Grund dafür geliefert. Das hatte einen negativen Beigeschmack.“ Auch moralisch, findet Quade. „Dietrich hat Schindelmeiser und dessen guten Draht zu den Fans dazu benutzt, die Ausgliederung der Profiabteilung durchzusetzen, und ihn danach abserviert. Für die Abstimmung wurden die Fans von überallher vom VfB umsonst nach Stuttgart gekarrt – da fühlt man sich im Nachhinein schon veräppelt.“

Zweifel an der Außendarstellung

Auch manche Maßnahme in dieser Saison ärgert den Fanclub: „Man hat ohne Not die Verträge mit Ex-Trainer Tayfun Korkut und Holger Badstuber langfristig verlängert, um nach ein paar Wochen festzustellen: Eigentlich brauchen wir sie nicht mehr. Kürzlich hat Dietrich dann Pablo Maffeo als Flop bezeichnet, zwei Wochen später hieß es, man gibt ihm wieder eine zweite Chance, nur, weil man keinen Verein für ihn gefunden hat. Was ist denn das für eine Außendarstellung?“, fragt sich Koch.

Die zusätzlichen 50 Millionen Euro, die Dietrich durch den nächsten Investor, den französischen Vermarkter Lagardère, erlösen will, lassen die „Highlander“ kalt. „Es hieß immer, die Investoren kämen aus unserer Region. Ich weiß nicht, ob Frankreich unsere Region ist“, sagt Koch. „Dietrich ist ein Mann der Wirtschaft, das ist auch seine Stärke. Aber man hat das Gefühl, dass es nur noch ums Geld geht – natürlich auch, weil kein neuer Spieler eingeschlagen hat“, sagt Quade.

Ummendorf wird also ein Gang nach Canossa werden für Wolfgang Dietrich, wobei: Allzu viel Druck hat der VfB-Chef nicht. Alles, was der Fanclub erwarte, sagen Koch und Quade, seien „ehrliche Antworten“.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen