Friesinger fehlten 52 Zentimeter am 17. Gold

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Deutsche Presse-Agentur

Erst durchraste sie eine Achterbahn der Gefühle, dann fühlte sie eine totale Leere: Am Ende war Anni Friesinger nach der wohl kuriosesten Weltmeisterschaft ihrer Karriere aber nur noch glücklich.

22 Stunden nach dem geschenkten Titel über 1500 Meter feierte sie das Silber über 1000 Meter fast wie Gold. „Ich bin völlig kaputt. Die Batterien sind leer. Mehr ging nicht“, meinte sie erschöpft nach ihrem Kampf-Lauf und haderte auch nicht mit den 4/100 Sekunden, die Christine Nesbitt aus Kanada in 1:16,28 schneller war. Ganze 52 Zentimeter fehlten der deutschen Top-Läuferin damit zum 17. WM-Erfolg, mit dem sie der Rekordweltmeisterin Gunda Niemann- Stirnemann (19) noch ein Stück näher gerückt wäre.

Dennoch konnte Friesinger konstatieren, nach ihrer verzwickten Saison mit der Knie-Operation im Sommer voll im Plan zu liegen. „Bei einer normalen Vorbereitung wäre ich hier fast unschlagbar gewesen“, verblüffte sie mit großem Selbstbewusstsein. Das Silber war ihre 22. Medaille bei Einzelstrecken-Weltmeisterschaften. Nur die in Richmond fehlende Claudia Pechstein war mit 23 (5/12/6) quantitativ noch erfolgreicher. Neben zwölf Titeln stehen für Friesinger nun neunmal Silber und einmal Bronze zu Buche. „Ich habe meinen Top-Position weiter ausgebaut. So langsam freue ich mich über diese Statistik“, meinte die Bayerin.

Tags zuvor hatte sie von der spektakulärsten Kampfrichter- Entscheidung in der Historie der Titelkämpfe profitiert. Die klar schnellste Läuferin, Kristina Groves aus Kanada, wurde in Anwendung einer neuen, umstrittenen Regel wegen Übertretens der Bahnbegrenzung disqualifiziert und durfte sich mit dem ehrlich empfundenen Mitgefühl der Inzellerin trösten. Mitten in einem ARD-Interview erfuhr Friesinger von der Disqualifikation. Sofort schossen ihr die Tränen in den Augen und sie griff im Gedanken an sportliches Fairplay die Referees an: „Die Entscheidung ist zu hart. Die Regel sollte wieder weg.“ Von Freude über den 16. WM-Titel bei ihr keine Spur, während Groves wie ein Häufchen Elend auf der Treppe hockte.

Kurioserweise hatten sich zuvor in der Teamleader-Sitzung ausgerechnet die Kanadier als einzige gegen eine Modifikation der Regel eingesetzt. „Es war mein bestes Rennen der Saison“, gab sich Groves schnell wieder gefasst. „So etwas will man nicht noch einmal erleben“, beschwerte sich Annis Coach Gianni Romme. Etwas unter ging angesichts dieser Diskussion, dass es sich um das 75. WM-Gold deutscher Damen handelte, das kurioseste war es auf jeden Fall. „Vor ein paar Monaten ist sie noch an Krücken gegangen, jetzt ist sie wieder voll dabei. Das gibt Motivation für Olympia“, bekannte Romme.

Dagegen setzte Daniela Anschütz-Thoms in Richmond ihre „Unglücks- Strähne“ als Fünfte auch über 5000 Meter fort. Zuvor war sie über 3000 Meter Fünfte geworden und hatte über 1500 Meter (4.) nur um 3/100 Sekunden das Podest verpasst. „Zuerst hatte ich einen Scheißlauf, dann Pech. Es war ein bescheidenes Wochenende. Die Enttäuschung überwiegt“, meinte sie frustriert, nachdem sie zum zehnten Mal bei Welt-Titelkämpfen auf den undankbaren Rängen vier und fünf landete.

„Es war eine WM der Hundertsel“, beklagte ihr Coach Stephan Gneupel und bezog das auch auf Schützling Stephanie Beckert. Die 20- Jährige arbeitete sich mit tollem Schlussspurt über 5000 Meter bis auf 5/100 an Bronze heran. „Für mich ist Platz vier ein Riesenerfolg. Ich muss mich nicht ärgern, meine Jahre werden noch kommen“, sagte sie nach dem WM-Hattrick von Favoritin Martina Sablikova aus Tschechien.

Den einzigen Top-Ten-Rang der deutschen Herren erzielte der Chemnitzer Marco Weber, der als Achter über 10 000 Meter aber seinen 6. Vorjahrs-Rang nicht wiederholen konnte. Seine Macht auf dem Eis spielte Sven Kramer aus. Der Millionär dominierte nach den 5000 auch die 10 000 Meter zum dritten Mal und blieb in 12:55,32 als einziger unter 13 Minuten. Mit seinen Titeln zehn und elf entthronte der erst 22-jährige Oranje-Star Rekord-Weltmeister Gianni Romme (9 Titel).

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