Flick für den Augenblick, fünf für die Zukunft

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Patrick Strasser

Um 8.21 Uhr, mit der Einfahrt in die Tiefgarage an der Säbener Straße, begann der erste Arbeitstag von Hans-Dieter Flick als Chefcoach beim FC Bayern München. So schnell dreht sich die Welt. Dass es eines Tages zur Notfall-Lösung kommen könnte, darauf hatten die Bosse den 54-Jährigen bei seiner Vertragsunterschrift als Assistent von Niko Kovac vorbereitet. Dass Flick nur vier Monate nach Amtsantritt zum Interims-Trainer befördert wird, hätte er sich nicht träumen lassen.

Tag eins nach der Trennung von Kovac am Sonntagabend, der nach dem 1:5 in Frankfurt und einem intensiven Austausch mit den Bossen seinen Rücktritt angeboten hatte. Nach 65 Pflichtspielen und drei Titeln war der Kroate als Bayern-Trainer Geschichte – vor allem auf Initiative von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge. Nun soll Flick die Mannschaft auf die Partien gegen Olympiakos Piräus (Mittwoch) und Borussia Dortmund (Samstag) vorbereiten. Erst eine Drei-Punkte-Pflichterfüllung, danach geht’s ans Eingemachte. Im Bundesliga-Klassiker gegen einen der – plötzlich so vielen – Titelkonkurrenten. Ein Spiel, „das es zu gewinnen gilt“, so Rummenigges unmissverständliche Forderung.

„Hansi Flick genießt unser Vertrauen“, sagte Rummenigge, „und ich denke, dass er im Moment genau der richtige Mann ist“. Seine Assistenten: Bayerns Trainer-Urgestein Hermann Gerland (65), zuletzt sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums sowie Stürmerlegende Miroslav Klose. Flick genießt als ruhiger, kompetenter Ansprechpartner hohes Ansehen in der Mannschaft, vor allem auch, weil er taktisch mehr draufhat als Kovac. Unter Bundestrainer Joachim Löw agierte er als Assistent beim WM-Titel 2014 in Brasilien, von September 2014 bis Januar 2017 arbeitete er als DFB-Sportdirektor. Flick steht gerne in der zweiten Reihe, als Cheftrainer arbeitete er zuletzt in Hoffenheim. Dort wurde er 2005 entlassen, den Aufstieg aus der Regionalliga Süd hatte er zuvor viermal verpasst. Wie lange bleibt Flick nun? Nur zwei Spiele oder gar bis Saisonende?

Die Bayern-Bosse arbeiten längst an der Verpflichtung eines neuen Cheftrainers. Der Kandidaten-Check:

José Mourinho (56, aktuell ohne Verein): Der Portugiese lernt schon seit längerer Zeit Deutsch, könnte sich ein Bundesliga-Engagement, auch beim BVB, vorstellen. Doch der zweimalige Champions-League-Sieger steht für eine zu defensive Ausrichtung. Präsident Uli Hoeneß kann ihn als Typen nicht leiden. Ergo: keine Chance.

Massimiliano Allegri (52, ohne Verein): Ein Gentleman, zuletzt mit Juventus Turin sehr erfolgreich, derzeit im Sabbat-Jahr. Soll laut „Corriere dello Sport“ einer der Favoriten von Rummenigge sein. Auch weil er von Giovanni Branchini, einem Vertrauten der Bayern, beraten wird. Doch wie im Fall Carlo Ancelotti (wurde nach 15 Monaten 2017 entlassen) befürchtet man die Sprachbarriere.

Arsène Wenger (70, ohne Verein): Nach 22 Jahren beim FC Arsenal momentan ohne Job. Der Elsässer spricht Deutsch, steht für Offensiv-Fußball, kann Talente entwickeln, keiner hat mehr Erfahrung. Doch ein Engagement in München wäre für beide Seiten ein Abenteuer.

Ralf Rangnick (61, bei Red Bull „Head of Sport and Development Soccer“): Über ihn wurde bei Bayern bereits gegen Ende der letzten Saison diskutiert. Genießt hohes Ansehen als Taktik-Kenner, hat Erfahrung, kennt die Bundesliga – und würde einen Job in München ähnlich wie das Amt des Bundestrainers als Krönung seiner Karriere ansehen. Vorteil: Wenn RB einwilligt, wäre er ab der Länderspielpause verfügbar.

Erik ten Hag (49, Ajax Amsterdam): Im Grunde der Favorit und größter gemeinsamer Nenner der Bosse. Erste Kontakte soll es schon gegeben haben. Führte das junge Ajax-Team ins Champions-League-Halbfinale, ihn zeichnet ein angenehmer Umgangston aus, er lässt offensiv und mutig spielen. Hat im Gegensatz zu allen anderen Kandidaten Säbener-Stallgeruch, trainierte von 2013 an zwei Jahre Bayerns zweite Mannschaft in der Regionalliga Süd, protegiert vom damaligen Sportvorstand Matthias Sammer – ohne jedoch aufzusteigen. Nachteil: Sein Vertrag läuft bis 2022. Ob Ajax ihn mitten in der Saison ziehen lassen würde?

Schafft Flick mit der Mannschaft einen kurzfristigen atmosphärischen Turnaround und spielerische Fortschritte, könnte er bis Saisonende bleiben. Was für die Lösung ten Hag spräche. Muss der neue Chef schon im November übernehmen, hieße der Favorit aktuell: Ralf Rangnick.

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