FC Bayern zwischen Selbstankklage und Bangen um Sané

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Die Verantwortlichen des FC Bayerns an der Seitenlinie
Karl-Heinz RUMMENIGGE (CEO, Vorstandsvorsitzender FCB AG) Hasan ( Brazzo ) Salihamidzic, FCB director headcoach Niko Kovac (FCB), team manager, coach, Uli HOENESS (FCB President ), FCB President and chairman, t (Foto: imago images)
Patrick Strasser

So eine Vorstands- und Präsidiumssitzung im Stadion hat auch ihren Reiz. Nachdem der Supercup, das erste Titelchen der Saison, futsch war durch das 0:2 (0:0) bei Borussia Dortmund, trafen sich die hohen Herren des FC Bayern München vor der Trainerbank und diskutierten lebhaft.

Noch-Präsident Uli Hoeneß, der kurz zuvor in die Fankurve gewunken hatte, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge samt Vorstandskollegen und Sportdirektor Hasan Salihamidzic – eine Vollversammlung neben dem Trainerteam um Niko Kovac. Während die Bühne für Supercup-Sieger BVB aufgebaut wurde, gaben sich die Münchner die Hand, redeten und redeten. Sicherlich über den Spielverlauf, über den rüden Tritt von Joshua Kimmich an der Seitenlinie gegen Jadon Sancho, der nur mild sanktioniert worden war. Vielleicht auch über Leroy Sané und das weitere Vorgehen in Sachen Rekordtransfer.

Sané mit Blessur am Knie raus

Als Leroy Sané anderntags in der Startelf von Manchester City im Spiel um den englischen Supercup gegen Liverpool stand, dürften sich Bayerns Verantwortliche die Augen gerieben haben. Als sich Sané auch noch nach 13 Minuten verletzte und mit einer Knieverletzung vom Feld humpelte, dürften nicht nur sie erschrocken gewesen sein. Hatte sich der Wechsel des Wunschspielers damit erledigt? City-Coach Pep Guardiola gab nach dem Sieg im Elfmeterschießen leichte Entwarnung. „Der erst Eindruck war nicht gut, aber ich glaube, es ist nicht schlimm“, sagte er. Das genaue Ausmaß der Verletzung kenne er aber nicht. „Ich warte ab, was die Ärzte sagen“, betonte Guardiola, „aber ich glaube, ihm geht es gut.“

Am Donnerstag schließt in England das Transferfenster, danach dürfen die Clubs dort nur noch verkaufen. Eine Entscheidung bis dahin dürfte in Citys Interesse sein.

Am Samstag trauerten die Münchner aber erst mal nur den Chancen hinterher. 16 Torschüsse, null Ertrag. Der BVB war effizienter: Fünf Versuche, zwei Buden. 2:0. Fertig. Die Bayern haderten, außer im Fall Kimmich tatsächlich mit sich selbst und den eigenen Unzulänglichkeiten, ihnen wurden – wieder einmal in Dortmund – ihre Fehler und Grenzen aufgezeigt. Der Lernerfolg der Rückrunde scheint wieder dahin. Aber weil – außer dem silbernen Superpokalchen – noch nichts verloren ist knapp zwei Wochen vor dem Bundesligastart mit dem Auftaktspiel gegen Hertha BSC ging man hart mit sich ins Gericht.

Die einzelnen Punkte der bayerischen Selbstanklage waren:

Zu viele Ballverluste: Kovac sah „ein ordentliches Spiel“ seiner Mannschaft, „kein sehr gutes. Wir haben das Spiel dominiert, zwei Fehler gemacht, die der BVB ausgenutzt hat.“ Ganz so war es jedoch nicht. Bayerns Thiago, in der 4-3-3-Grundordnung der einzige defensive Mittelfeldspieler, unterliefen, speziell vor den Gegentoren, rätselhafte Fehlpässe. Vor dem 0:1 ein haarsträubender, den Jadon Sancho abfing, zu Paco Alcácer passte, der von der Strafraumgrenze vollendete (48.). Thiagos Ballverlust vor Sanchos (69.) war weniger haarsträubend, zudem dem Dortmunder Pressing geschuldet, aber nicht weniger fatal. Kimmich analysierte schonungslose „Wenn man so viele Fehler macht wie wir, muss man fast damit rechnen, dass man verliert. Es stand nicht nur ein Spieler neben sich. Es war ein Fehlerfestival.“

Einladungen zu Konter: Gerade gegen den BVB mit dem Hochgeschwindigkeitsfußballer Jadon Sancho, Vollstrecker Paco Alcácer sowie Marco Reus, dem Fußballer des Jahres, der das Spiel schnell machen kann – dazu fehlten noch die Neuzugänge Julian Brandt und Thorgan Hazard verletzt – darf man nicht so naiv auftreten. „Dass Dortmund kontern kann, weiß mittlerweile jedes Kind“, sagte Kimmich. Für ihn gibt es ein „Muster, wie wir hier unsere Gegentore bekommen“. Gefahr erkannt – und nicht gebannt. Kovac befand: „Man sieht, dass die Mannschaft will, aber wir müssen hinten aufpassen, dass da die Post nicht abgeht.“ Die schwarz-gelbe Post.

Schwierigkeiten im System: Bei diesem Punkt gab es freilich keine Selbstkritik, doch dass die Taktik mit Thiago als einzige Mittelfeldabsicherung in der 4-3-3-Grundordnung nicht funktionierte, hatte schon das 2:3 in der Hinrunde der vergangenen Saison in Dortmund gezeigt. Man ist dann schlicht zu konteranfällig. Daher hatte Kovac ja Javi Martínez, den guten, alten Basken als zusätzlichen Sechser, als Rammbock und Stabilisator installiert. In den meisten Spielen braucht man Martínez, bei dem es immer mal wieder zwickt und zwackt, der aber auch die Gegenspieler unangenehm zwickt und zwackt, eigentlich nicht. Zumal man in der Innenverteidigung auch gut besetzt ist, sollte Jérôme Boateng doch bleiben. Gegen geschickte Umschaltteams wie Dortmund oder Liverpool könnte Martínez aber helfen.

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