FC Bayern: Hansi, ein Mann der Gegenwart

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Zwei Männer stehen auf einem Fußballplatz
05.11.2019, Bayern, München: Fußball: Champions League, Bayern München - Olympiakos Piräus, Gruppenphase, Gruppe B, 4. Spieltag, Abschlusstraining von Bayern München auf dem Trainingsgelände an der Säbener Straße. Interimstrainer (Foto: dpa)
Patrick Strasser

Vergangenheit und Zukunft prägten beim FC Bayern München den Dienstag – und mittendrin die Gegenwart: Interimstrainer Hansi Flick. Vor der Vormittagseinheit hatte sich Niko Kovac, der Gegangene, von der Mannschaft und den Mitarbeitern verabschiedet. „Komisch und traurig“, sei es gewesen, erzählte Joshua Kimmich, „als Spieler ist es immer auch ein Versagen, weil es nicht dazu gekommen wäre, wenn wir erfolgreich gewesen wären.“ Hätte, hätte, Fehlerkette. „Niko hat sich stilvoll verabschiedet, viele mussten schlucken“, berichtete Flick, seit Juli auf Kovacs Wunsch als Co-Trainer in den Verein zurückgekehrt, „das geht nicht einfach so spurlos an einem vorüber.“

Tuchel wieder im Gespräch

Wie die zuletzt turbulenten Tage in München. Die intensive Suche nach einem neuen, starken Mann auf der Cheftrainer-Position hat längst begonnen – Stichwort Zukunft. Laut Sky haben die Bayern-Bosse erneut Thomas Tuchel, 2018 bereits der Wunschkandidat von Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, kontaktiert. Ein Engagement damals scheiterte am Zögern vor allem von Präsident Uli Hoeneß, der davon überzeugt war, Jupp Heynckes noch einmal zum Weitermachen überreden zu können. Als die Bayern Tuchel schließlich doch haben wollten, hatte er schon bei seinem derzeitigen Club Paris St. Germain unterschrieben. Tuchel soll nun ein kurzfristiges Engagement abgelehnt haben. Und im Sommer 2020? Das hänge, so das Tuchel-Lager, vom sportlichen Abschneiden der Franzosen ab. Heißt: Kein nein! Wie auch schon bei Ajax-Coach Erik ten Hag, der ebenfalls nicht kurzfristig zum Vertragsbrecher werden will, sich einen Wechsel im Sommer aber vorstellen könnte.

In dieser Gemengelage, in einem aufgewühlten Verein auf der Suche samt einer verunsicherten Mannschaft, muss nun Flick schnell liefern. Am Sonntagabend saß er zu Hause mit seiner Frau beim Abendessen, als der Anruf von Sportdirektor Hasan Salihamidzic kam. „Für mich war klar, dass ich das mache“, so Flick, „weil es mich ehrt, auch aus Loyalität dem Verein gegenüber.“ Eine Woche mindestens ist der 54-Jährige nun Chefcoach, bestreitet mit dem Champions-League-Gruppenspiel gegen Olympiakos Piräus (18.55 Uhr, Sky) und dem Bundesliga-Klassiker gegen Borussia Dortmund zwei Spiele (Sa, 18.30/Sky). Mit der Chance auf eine Weiterbeschäftigung? „Ich bin keiner, der in der Vergangenheit oder der Zukunft lebt, sondern in der Gegenwart“, sagte der gebürtige Heidelberger, als Spieler von 1985 bis 1990 für Bayern aktiv, „alles, was kommt, interessiert mich erst mal null.“ Was ändert Flick nun bei seiner Operation Gegenwart? Wer profitiert? Wer sind die Verlierer?

Die Änderungen: Flick, unterstützt von Bayerns Trainer-Urgestein Hermann Gerland, will wieder den Fokus des Teams schärfen, appelliert an den Ehrgeiz der Spieler: „Die Mannschaft hat verstanden, dass sie jetzt in der Verantwortung steht. Es geht auch um die Einstellung.“ Unter Kovac hatte der unbedingte Wille, auch aus Frust über die unklaren taktischen Vorgaben, gefehlt. Der Neue will die Abwehr stärken. Flick: „Die Tore, die wir bekommen haben – das ist nicht Bayern-like. Wir waren in den letzten Wochen immer einen Tick zu spät.

Mir ist wichtig, dass die Mannschaft aktiv ist und die Initiative ergreift.“ Im Vormittagstraining wurde speziell Defensiv-Verhalten einstudiert.

Die Profiteure: Javi Martínez, der in die zuletzt wacklige Innenverteidigung rückt, und vor allem Thomas Müller. Der Weltmeister von 2014, damals vom Duo Löw/Flick gecoacht, erhielt eine Einsatzgarantie und viel Lob: „Ich kenne ihn ein bisschen länger. Er ist für den Verein eine wichtige Identifikationsfigur, kann Mannschaft führen und mitreißen, verhält sich auf dem Platz sehr intelligent.“ Müllers Renaissance gilt auch für das Dortmund-Spiel, da Flick möchte, dass sich gegen Piräus eine erste Elf für Samstag findet. Auch Leon Goretzka könnte von Beginn an randürfen.

Die Verlierer: Barcelona-Leihgabe Philippe Coutinho, zuletzt schwach, wird wohl auf die Bank müssen. Und Jérôme Boateng, nach seiner Roten Karte beim 1:5 in Frankfurt nun für zwei Bundesliga-Spiele gesperrt, ist auch für Piräus raus – damit die Abwehrformation sich einspielt. Und das, obwohl ansonsten mit Benjamin Pavard nur ein einziger weiterer Innenverteidiger zur Verfügung steht. „Er hat das professionell aufgenommen“, so Flick. David Alaba wird neben Martínez die Abwehrmitte bilden.

Der Gegenwart-Coach forderte: „Wir müssen alle Körner raushauen und zeigen, was wir können.“ Und Kimmich sagte: „Nun sind wir als Mannschaft gefordert.“ Im Spiel eins nach Kovac.

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