Fatale Mechanismen

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 Erste Verunsicherung (von links): die Stuttgarter Takuma Asano, Florian Klein und Simon Terodde.
Erste Verunsicherung (von links): die Stuttgarter Takuma Asano, Florian Klein und Simon Terodde. (Foto: dpa)
Bernd Hüttenhofer

Es sind erst vier Spieltage absolviert, aber die Mechanismen beim VfB greifen schon wieder – die unerwünschten allerdings. Im Stadion herrscht bei jedem Fehlpass helle Aufregung, die Fans lassen die Mannschaft vor dem Gang in die Kabine Spießrutenlaufen wie vor dem Abstieg, im Interviewraum muss sich Sportvorstand Jan Schindelmeiser für seine Transferpolitik rechtfertigen, und draußen diskutieren die Zuschauer über Trainer Jos Luhukay, weil der die ordnende Hand seines Spielgestalters Alexandru Maxim verschmäht und wieder ohne den Rumänen beginnen ließ. „Die Enttäuschung ist natürlich riesengroß“, fasste Luhukay nach der 1:2-Niederlage im schwäbischen Derby die Befindlichkeit rund um den Cannstatter Fußballtempel in Worte.

Die bisherige Sprachregelung bedarf einer ersten Korrektur. „Wir haben bewiesen, dass wir in der 2. Liga angekommen sind“, hatte Kapitän Christian Gentner noch vor dem Spiel erklärt, und auch Rechtsverteidiger Florian Klein sah in der Einstellung der Mannschaft den Schlüssel zum Erfolg: „Im Moment holen wir die Punkte über die Mentalität.“ Doch was gegen St. Pauli und in Sandhausen klappte, haute gegen die starken Heidenheimer nicht hin.

Das mit der Mentalität nämlich ist in der Liga weit verbreitet, und diesmal hatte der VfB halt nicht das Glück wie zum Auftakt gegen St. Pauli. Toni Sunjic hätte kurz vor Schluss mit seinem zweiten Kopfballtreffer erneut den Ausgleich erzielen und so wenigstens einen Punkt retten können, aber Heidenheims Torhüter Kevin Müller hatte reaktionsschnell die Arme oben. Als Sunjic der Ball nochmal vor die Füße fiel, war er nicht mehr voll bei der Sache, sodass Robert Strauß auf der Torlinie klären konnte.

Das Glück habe man sich erarbeitet, meinte Heidenheims Trainer Frank Schmidt, der sein Team sehr gut eingestellt hatte. „Der Schlüssel zum Erfolg war letztlich unser Pressing und wie wir die Räume zugestellt haben. Dadurch konnte der VfB nicht das Spiel aufziehen, das er sich wohl vorgestellt hat.“ In der Tat haperte es wieder mit dem Spielaufbau beim VfB, auch weil der junge Innenverteidiger Stephen Sama diesmal nicht so souverän auftrat wie im ersten Heimspiel und eine allergische Reaktion auf die Pfiffe des Publikums zeigte: Er wurde immer nervöser, je länger das Spiel ging.

Gentner hat aus dem Spiel die richtigen Schlüsse gezogen und festgestellt: „Mentalität alleine wird nicht reichen, um aufzusteigen. Es braucht noch Qualität und Cleverness, die haben wir in einigen Situationen vermissen lassen.“ Auch der erstmals nach langer Verletzungspause wieder eingesetzte Kevin Großkreutz vermisste Elementares: „Ich muss mich zeigen, ich muss Fußball spielen. Ich muss auch mal was riskieren – und wir haben das nicht getan. Und deswegen haben wir auch verloren.“ Der Trainer registrierte einen von Verunsicherung gekennzeichneten Auftritt, nahm seine Spieler aber in Schutz. „Sie müssen die Favoritenrolle auch mental annehmen“, sagte Luhukay, „das geht nicht von heute auf morgen.“ Gegner wie Heidenheim hätten es da viel besser. „Die anderen Clubs kommen unbeschwert zu uns, denn sie haben nichts zu verlieren.“

Vor dem Spiel am Samstag beim Tabellenletzten 1. FC Kaiserslautern konzentriert sich die Hoffnung am Wasen nun auf die Neuzugänge Benjamin Pavard (Abwehr), Carlos Mané und Takuma Asano (Angriff), von denen gegen Heidenheim nur der Japaner ein paar Minuten ran durfte. Die „Stuttgarter Zeitung“ entdeckte beim samstäglichen Auslauftraining hoffnungsvolles Potenzial bei den drei Neuen. Das passt Luhukay gar nicht in den Kram: „Die öffentliche Erwartungshaltung ist mir viel zu hoch, sie haben alle drei zuletzt nicht gespielt. Sie müssen eine neue Sprache lernen, eine neue Spielphilosophie verstehen und einen neuen Rhythmus verkraften. Das dauert sechs bis acht Wochen.“ So viel Geduld in Stuttgart? Unmöglich.

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