Fast jeder fünfte Amateur-Schiedsrichter im Südwesten wurde schon tätlich angegriffen

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Für Profi-Schiedsrichter Knut Kircher sind die Unparteiischen im Amateurbereich die "wahren Helden". (Foto: dpa)
Miriam Heidecker

Im Sommer hat Lewan Kobiaschwili nach dem skandalösen Relegationspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Schiedsrichter Wolfgang Stark attackiert. Der Berliner soll Stark im Kabinentrakt einen Faustschlag versetzt haben. Die Folge: sieben Monate Sperre. Ein Vorfall ungeahnten Ausmaßes ereignete sich in den Niederlanden. Dort prügelten jugendliche Amateurfußballer im Dezember einen Linienrichter zu Tode. Der Schiedsrichter als Zielscheibe – im Profi- und im Amateurbereich. Letzteres untersuchte eine Studie der Universität Tübingen gemeinsam mit dem Württembergischen Fußballverband (WFV) und dem Deutschen Fußballbund (DFB), die am Donnerstag in Tübingen vorgestellt wurde.

40 Prozent der Befragten gaben an, schon einmal bedroht worden zu sein, 17 Prozent, bereits tätlich angegriffen worden zu sein. „Die Beleidigung ebnet den Weg zur Bedrohung“, sagte Thaya Vester vom Institut für Kriminologie, die für ihre Studie 2600 WFV-Schiedsrichter im Alter von 14 bis 81 Jahren befragt hat. Als bedenklich empfand sie, dass ein Drittel der Befragten bereits mit dem Gedanken spielte, aufzuhören. „Das Risiko, bedroht oder tätlich angegriffen zu werden, steigt, je länger die Unparteiischen ihrem Ehrenamt nachgehen“, sagte Vester. Laut Studie findet die Hälfte der Schiedsrichter, dass der Verband insgesamt mehr für die Sicherheit der Schiedsrichter sorgen könnte.

„Die wahren Helden“

Seine Anfänge als Unparteiischer nahm auch Knut Kircher aus Rottenburg auf den Fußballplätzen im Südwesten. Inzwischen ist er Fifa-Schiedsrichter. Für ihn sind die Unparteiischen im Amateurfußball die „wahren Helden“. Im Gegensatz dazu pfeifen er und seine Kollegen in gesicherten Stadien, umgeben von Ordnungskräften. Zudem sei den Akteuren auf dem Platz bewusst, dass sie sich im öffentlichen Raum bewegen und jede Regung in Millionen von Wohnzimmer übertragen wird. Er selbst sei in seiner Anfangszeit von tätlichen Übergriffen verschont geblieben, habe aber von Übergriffen gehört. „Jeder einzelne Fall ist einer zu viel“, sagte Kircher gestern in Tübingen.

5000 Spiele pro Wochenende

WFV-Präsidiumsmitglied Wolfgang Zieher wertete die Ergebnisse der Studie als Bestärkung der bisherigen Maßnahmen, gleichzeitig aber auch als „Daueraufgabe, die nicht von heute auf morgen gelöst werden kann“. Er verwies unter anderem darauf, dass die Schiedsrichter inzwischen besser auf Konflikte vorbereitet würden. In der vorgestellten Studie finden sich dazu allerdings kontroverse Angaben: So gaben 55,9 Prozent an, in ihrer Schiedsrichterausbildung gut auf den Umgang mit Konflikten vorbereitet worden zu sein. 29,2 Prozent verneinten dies. Eine Erklärung dafür könnte laut Studie sein, dass es große regionale Unterschiede bei der Ausbildung gibt.

Emotionen ja, Gewalt nein

5000 Spiele werden pro Wochenende im Südwesten ausgetragen. „Fußball ist ein Spiel voller Emotionen. Das ist Chance und Risiko zugleich“, sagte Zieher. Für Knut Kircher, der wöchentlich auf dem Platz steht, sollten die Emotionen allerdings nicht zu Lasten der Schiedsrichter gehen: „Es muss doch möglich sein, ein Fußballspiel trotz aller Emotionen ohne Gewalt gegen den Schiedsrichter rumzukriegen.“

Die Ergebnisse der Studie im Überblick

- 72 Prozent der befragten Schiedsrichter fühlen sich auf dem Fußballplatz sicher.

- 43 Prozent haben selten ein unbehagliches Gefühl vor Spielen.

- 13 Prozent wurden noch nie beleidigt.

- 40 Prozent wurden in ihrer Tätigkeit als Schiedsrichter bereits bedroht.

- 17 Prozent wurden bereits tätlich angegriffen.

- 26 Prozent haben bereits ans Aufhören gedacht, da man auf dem Platz häufig großem Druck ausgesetzt ist.

- 53 Prozent finden, dass der WFV insgesamt mehr für die Sicherheit der Schiedsrichter sorgen sollte.

- 30 Prozent gaben an, in ihrer Schiedsrichter-Ausbildung nicht ausreichend auf den Umgang mit Konflikten vorbereitet worden zu sein.

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