Fanforscher: „Im Stadion sind wir vergleichsweise sicher“

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Geschockte Fußballfans: Nach dem Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland am 13. November in Paris verlassen die Zuschaue
Geschockte Fußballfans: Nach dem Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland am 13. November in Paris verlassen die Zuschaue (Foto: aFp)
Schwäbische Zeitung

Der Schock sitzt noch immer tief: Erst die Anschläge vom 13. Novemer in Paris, als die Selbstmordattentäter beim Fußball-Länderspiel Frankreich gegen Deutschland auch ins Stade de France gelangen wollten, danach die Absage des Länderspiels des DFB gegen die Niederlande in Hannover. Klar ist, dass der Terrorismus auch den Sport und seine Großveranstaltungen als Ziel für sich entdeckt hat. Jochen Schlosser sprach mit Professor Harald Lange, Fanforscher und Sportwissenschaftler von der Universität Würzburg, über die Bedrohungslage, die verschärften Sicherheitsmaßnahmen sowie die Auswirkungen auf den Spitzensport und das Fanverhalten im Besonderen.

Dass der Fußball zum Ziel für Terroristen wurde, hat Fans und Sportfreunde weltweit schockiert. Viele waren überrascht ...

Dabei haben wir in Deutschland hiermit ja Erfahrung: Olympia 1972 in München, der Terroranschlag auf die israelische Mannschaft. Eigentlich ist es ein Thema mit Tradition. Auch wurde zuletzt jede große Sportveranstaltung, egal ob Fußball-WM oder Olympia, streng bewacht – von Geheimdiensten, Militär und Polizei. Es wurde immer sehr viel investiert, um die Sicherheit zu garantieren. Fälle gab es trotzdem, zum Beispiel bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta, als es einen Bombenanschlag eines Einzeltäters gab. Weltmeisterschaften und Olympische Spiele stehen immer im Spannungsfeld unterschiedlicher politischer Interessen, sind politisch hoch aufgeladen und deshalb auch ein sehr attraktives Ziel für Terroristen in aller Welt.

Dennoch ist die Bedrohung anders. In München richtete sich die Gewalt konkret gegen Israel, die heutigen Selbstmordattentäter sind bei der Wahl ihrer Opfer wahllos.

Jede Zeit hat ihre Form des Terrorismus. Der Terrorismus unserer Zeit hat mit den Selbstmordattentätern skurrile Züge angenommen. Er ist militärisch ganz schwer zu bekämpfen. Terroristen, die selbst weiterleben wollen, gehen völlig anders vor. Auf uns alle wirkt die aktuelle Form so bedrohlich, weil diese Terroristen so grausam und brutal vorgehen.

Viele Fans haben Angst, wenn sie zum Stadion aufbrechen, Bayern-Kapitän Philipp Lahm sagte, ihm sei „mulmig“ gewesen. Dies hat eine neue Qualität …

Angst spielt eine ganz große Rolle. Die Menschen, die sich auf den Weg zum Länderpsiel in Hannover gemacht haben, hatten Angst. Als dann die Terrorwarnung kam, wurden die negativen Gefühle noch verstärkt. Nun, nach dem ersten Bundesliga-Spieltag, kommen wir alle ein bisschen zum normalen Leben zurück.

Normal sind die Sicherheitsvorkehrungen vor den Stadien aber nicht: Autos werden mit Detektoren untersucht, Menschen überprüft, Taschen gefilzt. Wird dies in Zukunft immer so sein?

Die Frage ist, wie lange dieses konkrete Bedrohungsszenario anhält, wie lange diese aufwändigen und kostspieligen Kontrollen durchgeführt werden. Diese Maßnahmen geben den Menschen letztlich ein gutes Gefühl, sie denken: Die Geheimdienste und die Sicherheitskräfte haben es im Griff. In Paris war es ja auch dem Einsatz eines Ordners zu verdanken, dass die Attentäter nichts ins Stadion gelangten.

Aber?

Welche Konsequenzen hat das für den Sport, vor allem für den Fußball? Dort beobachten wir seit Jahren, auch ohne die Terrorfrage, ein vermehrtes Interesse an vermeintlicher Sicherheit. Das Sicherheitskonzept von DFB und DFL zum Thema Stadionsicherheit hat bei den Anhängern damals ambivalente Reaktionen hervorgerufen. Nach der legendären Sitzung vom 12. 12. 2012 (Verabschiedung des Konzepts durch die Liga, d. Red.) sahen sich viele Fans ihrer freiheitlichen Rechte beraubt. Damals kam es zu massiven Protesten.

Aktuell zeigen jedoch die Stadionbesucher Verständnis …

Man lässt das, angesichts der konkreten Ängste, über sich ergehen. Doch hier beginnt die Schwierigkeit: Man muss natürlich ganz genau hinschauen, aber es bleiben Fragen: Sind dies ausschließlich Maßnahmen, die sich aus der aktuellen terroristischen Bedrohungslage ergeben? Oder wird die Lage ausgenutzt, um Kontrollinteressen, die man seit Längerem hatte und die politisch nicht durchsetzbar waren, nun zu implementieren?

Wie lautet Ihre Position?

Ein Mehr an Sicherheit kann derzeit mit der aktuellen Bedrohungslage begründet werden, die sich irgendwann wieder verändern wird. Dass muss sich auch an den Stadiontoren zeigen, die Maßnahmen müssen wieder zurückgefahren werden.

Das klingt, als hätten Sie Befürchtungen, dass dies nicht passiert?

Es muss darauf geachtet werden, ob nun durch die Hintertür bei Fußballfans unpopuläre Maßnahmen durchgesetzt werden. Es sollte keinen Schnellschuss geben – nach dem Motto: „Jetzt ist es mal unsicher, jetzt legen wir Regeln fest, die für alle Zeit gelten.“ Das wäre zwar kurzfristig nachvollziehbar, mittelfristig aber nicht hinnehmbar.

Was meinen Sie konkret?

Ein Reizthema wären personalisierte Tickets sowie bestimmte Formen der Videoüberwachung in und um die Stadien, außerdem Datensicherung, Datenspeicherung und Datenabgleich. Dies ist ein heikles Thema, bei dem man trefflich aneinander vorbei argumentieren kann. Natürlich gibt es aufgrund der Terrorbedrohung Gründe, dafür zu sein. Andererseits werden damit freiheitliche Grundrechte eingeschränkt, es könnte einen Kontrollgesellschaft entstehen, die so nicht gewollt ist.

In Italien gibt es personalisierte Tickets. Rudi Völler, einst selbst in Rom aktiv, fordert dies auch für die Bundesliga. Sie glauben nicht, dass dies ein wirksames Mittel gegen terroristische Übergriffe ist?

Davon halte ich schon grundsätzlich nichts – und Terroristen, die es schaffen, Kalaschnikows durch ganz Europa zu transportieren, werden gewiss nicht durch ein personalisiertes Ticket am Zutritt zum Stadion gehindert. Generell gilt es, beim Sicherheitsthema im Sport höllisch aufzupassen. Es gilt, vor jeder Form von Populismus und politischer Agitation zu warnen.

Doch wann ist die Bedrohung vorbei? Gefühlt kann das doch noch viele Jahre dauern.

Historisch betrachtet wechseln sich die Terrorwellen ab, es gab und gibt verschiedenste Konflikte und verschiedenste Gruppen, jetzt haben wir eben den IS-Terror. Aber es gibt auch Geheimdienste, die uns informieren. Soeben wurden europaweit gültige Beschlüsse über den Austausch gefasst, sogar mit russischen Geheimdiensten will man zusammenarbeiten. Das zeigt, wie ernst das Thema genommen wird – und dies bietet die Möglichkeit zu entscheiden, wie groß die Bedrohung für das jeweilige Land, in diesem Fall das jeweilige Sportereignis ist.

In Hannover scheint dies ja funktioniert zu haben ...

So wenig wir auch über diese Länderspielabsage wissen, wir wissen dass es konkrete Bilder der Bedrohung gegeben hat, die so dramatisch gewesen sein müssen, dass man sie der Öffentlichkeit vorenthalten hat. Wenn stimmt, was der Innenminister gesagt hat, kann man daraus schließen, dass die Geheimdienste sehr gut arbeiten. Man darf dann ein Stück weit darauf vertrauen, dass auch beim nächsten Mal, wenn Gefahr im Verzug ist, eine rechtzeitige Warnung erfolgt.

Dennoch war die Angst im und vor den Stadien spürbar.

Die neue Welle von Terror und Gewalt wirkt vor allem deshalb so beängstigend, weil sich die Terroristen sogenannte weiche Ziele suchen, weil sie quasi im Vorbeigehen wahllos Menschen töten und verletzen. Zuletzt hat sich jedoch gezeigt, dass es eben doch noch eine Hürde ist, in ein Sportstadion zu gelangen. Es ist für die Attentäter einfacher, ein Café, ein Restaurant oder eine öffentliche Veranstaltung anzugreifen. Positiv gesagt: Die Sicherheitsvorkehrungen bei Großveranstaltungen im Sport sind schon sehr gut, in Stadien sind wir vergleichsweise sicher.

Die beiden Attentäter sind ja auch in Paris nicht bis ins Stadion vorgedrungen.

Womit wir bei einem anderen, enorm wichtigen Thema wären: Ordner. Damit meine ich nicht die Polizisten, sondern jene Leute, die – oftmals ohne Ausbildung – als Sicherheitskräfte arbeiten. In Paris hat man gesehen, was da jemand geleistet hat, der vielleicht acht Euro in der Stunde verdient. Dieser Ordner hat durchaus das Zeug zum Helden. Auch bei uns in der Bundesliga verrichten jedes Wochenende Tausende ohne spezielle Ausbildung solche Jobs. Sie riskieren viel mehr als jeder Stadionbesucher und erhalten dafür oftmals nur den Mindestlohn. Dieses Sicherheitsgeschäft ist ein Riesenmarkt, der ähnlich funktioniert wie andere Märkte im Billiglohnsektor, in dem Arbeit mit hoher Verantwortung für wenig Geld verrichtet wird.

Was schlagen Sie vor?

Man sollte schauen, dass man diesen Leuten helfen kann, dass man ihre Arbeit finanziell mehr würdigt. Zudem geht es um die Frage: Wie kann man sie aus- und weiterbilden, damit sie noch sicherer werden.

Und wer soll das bezahlen: Der Staat? Die Länder? Die Vereine?

Fakt ist: Im Fußball fließt so viel Geld, der Fußball lebt von seinen Fans – und die Fans kommen, weil sie sich im Stadion wohlfühlen, weil sie dort Euphorie erleben wollen. Das sollte sich lösen lassen.

Apropos wohlfühlen: Zuletzt wurde Sport und speziell Fußball vermehrt zu einem Familienvergnügen. Glauben Sie, das sich dies nach Paris und Hannover wieder ändern wird, dass die Fans fernbleiben?

Jetzt müsste man Hellseher oder Geheimdienstler sein, um die Szenarien genau zu kennen. Aber ich glaube, dass dies in Abhängigkeit von der Bedrohungslage, die ich nicht genau kenne, geschieht. Wenn in der Zukunft bekannt wird, dass Sportveranstaltungen konkret bedroht sind, dann geht man da natürlich nicht mehr hin. Aber diese Bedrohungslage wird vorbeigehen – vielleicht in zwei Monaten, vielleicht in einem Jahr, vielleicht erst in fünf Jahren. Mit Blick auf die Weltpolitik wird dies überschaubar sein.

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