Etwas weniger Kult, etwas mehr Maß und Mitte

Trainer Steffen Baumgart Köln 1. FC Köln - RB Leipzig 18.09.2021, Fussball Bundesliga, Saison 2021/22 Foto: Moritz Müller *** Co
Trainer Steffen Baumgart Köln 1. FC Köln - RB Leipzig 18.09.2021, Fussball Bundesliga, Saison 2021/22 (Foto: Moritz Mueller via www.imago-images.de)
VonFelix Alex

Es ist ein Phänomen unserer Zeit, dass alles direkt zum Phänomen gemacht wird. Auch im Sport – und vor allem im Fußball – gibt es kaum noch Normalität, sondern scheinen ausschließlich Superlative zu existieren. Vor allem in den Boulevard- und von Klickdruck getriebenen Onlinemedien wimmelt es täglich nur so von „Super“, „Mega“, „Wahnsinn“ und „Rekord“. Doch genauso schnell sind die Aufmerksamkeitshascher mit „Schock“, „Eklat“ und „Tragödie“ zur Stelle. Die Nachricht allein ist schon lang nicht mehr ausreichend, und da haben wir noch nicht einmal über das Gebaren in den (un)sozialen Netzwerken gesprochen. Doch kommen wir zurück zum Sport und dem aktuellen Liebling aller Plattformen.

Dieser trägt den Namen: Steffen Baumgart. Dieser „Typ“, „Held“ und schon jetzt „Kulttrainer“ brüllt und gestikuliert seit dieser Saison am Spielfeldrand des 1. FC Köln. Das hat er zwar davor auch schon beim SC Paderborn, dem Berliner AK und beim 1. FC Magdeburg gemacht, doch da der schlafende Fußballriese aus Köln jüngst vom 49-Jährigen wiedererweckt wurde, überschlagen sich die Branche und das Umfeld. „Baumgarts Kölner“ schreibt etwa die „Bild“, bei Sport1 heißt es „Phänomen Baumgart“, Stefan Effenberg sprach vom „Mini-Klopp“ und die „11Freunde“ fragen gar: „Warum können nicht alle wie Steffen Baumgart sein?“ Damit wir uns hier richtig verstehen, der Verfasser dieser Zeilen bejubelte den jungen Baumgart schon, als er von 25 Jahren mit aufgestelltem Éric-Cantona-Gedächtnis-Kragen die Offensive des FC Hansa Rostock bereichert hatte. Der Trainer ist zudem weitaus mehr als nur ein Schreihals, Motivationsmonster und Wüterich am Spielfeldrand. Er ist ein taktisch überaus beschlagener Übungsleiter, der dem FC eine Spielphilosophie zurückbrachte. Doch die Frage bleibt, muss man es immer verbal übertreiben? Ähnlich ist es bei seinen Kollegen, die ebenfalls um keinen markigen Spruch verlegen sind. Julian Nagelsmann und Christian Streich sind unbestritten riesige Bereicherungen für die Liga und Typen, wie man sie sich wünscht, doch fehlt auch hier oft Maß und Mitte. Zudem sind alle – sollte es sportlich einmal ziemlich schlecht laufen – dann auch schnell gefallene Götter und ihren Job los (na gut, Streich wahrscheinlich weniger). Dennoch steht irgendwann die nächste Krise vor der Tür. Noch ausgeprägter ist es bei den Spielern, und da müssen wir gar nicht zu den Supergöttern Lionel Messi und Cristiano Ronaldo und ihren absoluten Glanzzeiten schauen. Es reicht ein Blick nach Dortmund, wo seit über einem Jahr Tor-Heiland Erling Haaland in allen Variationen. Der „100-Mio-Torweger“ („Bild“) hat eine enorme Trefferquote und dominiert nicht ganz zu Unrecht viele Schlagzeilen. Doch kann solch ein Hype vor allem bei so jungen Halbgöttern die persönliche Entwicklung gefährden. Während bei Baumgart, Streich, Nagelsmann oder auch Jürgen Klopp das Risiko des geistig in höhere Gefilde Abhebens nicht mehr gegeben sein dürfte, gibt es derzeit mindestens eine Stimme, die Haaland die Bodenhaftung abspricht. So berichtet Gibraltars Nationalspieler Reece Styche nun von einem missglückten Trikottauschversuch. „Mein kleiner Junge ist ein riesiger Fan von dir, würdest du dein Trikot mit mir tauschen?'“, fragte Styche, woraufhin Haaland ihn angeblich lediglich angeschaut und gelacht habe, bevor er wegging. Styche mutmaßt, dass dem 21-jährigen Haaland der mediale Hype um seine Person „zu Kopf gestiegen“ sei: „Er kann sich viele Sachen kaufen, aber Klasse zählt nicht dazu“, formulierte Styche. Ein Grund mehr für alle Menschen, auf ihre Wortwahl zu achten – überall. Denn über Baumgart, Streich und Nagelsmann kann man sich als Fan auch dann freuen, wenn sie nicht überall das Attribut „Kult“ tragen.

Wir haben die allgemeine Kommentarfunktion unter unseren Texten abgeschaltet. Für einzelne Texte wird es auch weiterhin die Möglichkeit zum Austausch geben. Aufgrund der Vielzahl an Kommentaren können wir derzeit aber keine gründliche Moderation mehr gewährleisten. Mehr Informationen zu unseren Beweggründen finden Sie hier.
Kommentare werden geladen