Er soll neuer Trainer des VfB Stuttgart werden: Das zeichnet Tim Walter aus

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Freund des Vorwärtsverteidigens: Tim Walter lässt spannenden Fußball spielen. Bald wohl in Stuttgart.
Freund des Vorwärtsverteidigens: Tim Walter lässt spannenden Fußball spielen. Bald wohl in Stuttgart. (Foto: dpa)
Maximilian Kroh

Die Zeichen verdichten sich, dass Tim Walter zur neuen Saison Trainer beim VfB Stuttgart werden soll. Nach Informationen des „kicker“ soll der 43-Jährige, seit vergangenem Sommer Trainer beim Zweitligisten Holstein Kiel, dem stark abstiegsgefährdeten VfB seine Zusage gegeben haben. Stuttgarts Sportvorstand Thomas Hitzlsperger und der neue Sportdirektor Sven Mislintat sollen sich mit dem 43-Jährigen, der in Kiel noch bis 2020 unter Vertrag steht, geeinigt haben. Offen ist demnach nur noch die Höhe der Ablöse.

„Es hat sich bis dato noch kein anderer Verein bei uns gemeldet. Gerüchte werden nicht wahrer, wenn sie immer wiederholt werden“, sagte Fabian Wohlgemuth, Holstein Kiels Geschäftsführer Sport, zwar. Aber Verhandlungen mit dem Verein wären erst der zweite Schritt.

Doch wer ist dieser Tim Walter? Und noch viel wichtiger: Was für einen Fußball lässt dieser Trainer spielen, dass die Stuttgarter bereit sein sollen, rund eine Million Euro Ablöse für ihn zu bezahlen?

Wenn es eine Eigenschaft gibt, mit der sich der Fußball von Walters Kielern auf den Punkt bringen lässt, dann ist das der Mut. „Mut ist einfach das Vertrauen in seine eigene Stärke“, sagte Walter selbst in einem viel beachteten Interview mit „11 Freunde“.

Die ständige Umstellung, das ist nicht meins. Das ist ja immer im Verteidigungsmodus, immer nur am Gegner orientiert. Tim Walter

Das allein macht ihn allerdings noch nicht zu einem außergewöhnlichen Trainer, mutig spielen lassen wollen viele Trainer.

Doch Walter nutzt den Mut zur Innovation. Er, der als Jugendtrainer beim KSC angefangen und dann die zweite Mannschaft des FC Bayern trainiert hat, ehe er die Kieler übernahm, hat dem Fußball tatsächlich ein neues taktisches Element geschenkt. Und die Rolle des Innenverteidigers revolutioniert.

Auf den ersten Blick wirkt der Kieler Spielaufbau merkwürdig. Anders als üblich im Fußball setzen sich die Innenverteidiger bei eigenem Ballbesitz nicht nach hinten ab, sondern bieten sich häufig vorne im freien Raum im Mittelfeld an. Walters Innenverteidiger verteidigen nach vorne, nicht nach hinten.

Allen voran Walters Lieblingsschüler Hauke Wahl tut sich hier als verkappter Spielmacher hervor. Immer in der Vorwärtsbewegung, kurbelt er das Aufbauspiel an und stößt in die freien Räume im Mittelfeld vor.

Nach vorne geht es aber nicht nur mit Ball, auch gegen den Ball lässt Walter aggressiv vorwärtsverteidigen. Absicherung ist für ihn erst mal zweitrangig, mit Volldampf gehen Kiels Verteidiger auf Ball und Gegner zu. Beides zusammen ist in dieser Konsequenz zumindest im deutschen Fußball einmalig.

Zudem wechseln die Kieler im Spielaufbau munter die Positionen. Selbst Torhüter Kenneth Kronholm beteiligt sich daran. Die Kieler Rochaden sind allerdings kein wildes Durcheinander, die Spieler halten sich dabei immer an Vorgaben, welche Räume zu besetzen sind. Dadurch behalten sie die Kontrolle über das Spiel.

Tim Walter
Kiels Trainer Tim Walter soll dem VfB Stuttgart eine Zusage gegeben haben. (Foto: Frank Molter / DPA)

Ebenfalls auffällig mutig ist Walters Spielvorbereitung. Wenig Orientierung am Gegner, viel Arbeit am eigenen Spiel. „Eine eigene Idee ist entscheidend“, sagt er. So bleibt er seinem Spielsystem, in dieser Saison nach kurzer Findungsphase ein 4-4-2 mit Raute im Mittelfeld, treu. „Die ständige Umstellung, das ist nicht meins. Das ist ja immer im Verteidigungsmodus, immer nur am Gegner orientiert.“

Ganz im Sinne seiner mutigen Spielweise ist Radikalität für Walter kein Problem. Er will möglichst viele Spieler in die gefährlichen Zonen des Gegners bringen und nimmt dafür gerne in Kauf, dass nur ein einziger Verteidiger den gegnerischen Stürmer an der Mittellinie verteidigt.

Ein Spiel fast ohne Grautöne

Die Kombination aus Mut und Radikalität führt dann in vielen Fällen zum Wahnsinn auf dem Platz. Holstein besiegte den Hamburger SV etwa mit 3:0 und 3:1, verlor aber in Fürth (1:4) oder in Köln (0:4) deutlich.

Auf die Spitze getrieben wurde dies am 13. Spieltag in Paderborn. Bereits nach zehn Sekunden lag Kiel mit 0:1 zurück, zur Halbzeit stand es 1:3. Im zweiten Durchgang drehte man die Partie, am Ende stand ein denkwürdiges 4:4. Kiel erarbeitete sich Torchance um Torchance, rannte aber auch in zahlreiche Konter.

Walters Spiel kennt nur wenige Grautöne, am ehesten vergleichbar sind seine Ideen in ihrer offensiven Radikalität mit denen von Ex-VfB-Coach Alexander Zorniger. Anders als der eher zornige Zorniger legt Walter aber auch großen Wert aufs Zwischenmenschliche, nimmt seine Spieler auch mal in den Arm.

Der VfB würde sich mit Walter also einen vielversprechenden, innovativ arbeitenden Trainer angeln. Doch davon gab es bei den Stuttgartern schon so manche. An den richtigen Ideen hat es beim VfB nie gemangelt. Das Risiko des Scheiterns bleibt.

Doch mit dem Risiko kennt zumindest Tim Walter sich ja bestens aus.

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