Enthüllungen um VfB Stuttgart-Boss Wolfgang Dietrich sorgen für Wirbel

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Wolfgang Dietrich
Wolfgang Dietrich, Präsident des VfB Stuttgarts, spricht während einer Pressekonferenz. (Foto: Sebastian Gollnow/Archiv / DPA)
Ressortleiter Sport

Stellen Sie sich vor, der VfB Stuttgart kämpft am 23. und 27. Mai in der Relegation um den Verbleib in der Bundesliga gegen Union Berlin. Die Württemberger verlieren und müssen in die Zweitklassigkeit. Auf dem Rasen kämpfen die zusammengesunkenen Spieler mit den Tränen; die Fans auf den Rängen ebenfalls, auch VfB-Präsident Wolfgang Dietrich kann es nicht fassen und leidet.

Dennoch profitiert er finanziell vom Aufstieg der Berliner, da er an einem Investmentfonds beteiligt ist, der am Erfolg der Köpenicker partizipiert. Gibt’s nicht? Gibt’s allen Anschein nach schon. Oder genauer: Gibt’s womöglich immer noch.

Bevor Wolfgang Dietrich sich im Herbst 2016 zum Präsidenten des damals gerade abgestiegenen VfB wählen ließ, verdiente der frühere Sprecher des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 sein Geld unter anderem mit Finanzierungsgeschäften von Profifußballvereinen. Sein Engagement in der Quattrex Sports AG hatte schon Monate vor seiner Wahl für Kontroversen gesorgt. Auch wegen möglicher Interessenskonflikte – war die Quattrex doch unter anderem bei den damaligen Zweitligakonkurrenten Heidenheim, Kaiserslautern und Union Berlin engagiert.

Wolfgang Dietrich, hier mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (re.), wird seit Monaten von Seiten der VfB-Fans massiv angef
Wolfgang Dietrich, hier mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (re.), wird seit Monaten von Seiten der VfB-Fans massiv angefeindet. (Foto: dpa)

Dietrich hatte darum vor der Wahl erklärt, seine Anteile an der AG verkauft zu haben. Auch als Vorstand und Aufsichtsrat war er zurückgetreten – ebenso wie als Geschäftsführer der Quattrex Finance GmbH, um die es im Folgenden vor allem gehen wird. Verquickungen, die sein Engagement beim VfB unmöglich machen würden, gebe es nicht, hatte Dietrich damals der „Schwäbischen Zeitung“ erklärt: „Das Unternehmen führt mein Sohn.“

Die Spur führt nach Luxemburg

Der „kicker“ recherchierte nun aber im weitverzweigten Firmenbeteiligungs-Dschungel Dietrichs – und meint, im Luxemburger Arm fündig geworden zu sein. Demnach partizipiere Dietrich weiterhin zumindest mittelbar an bestimmten Erlösen der beteiligten Clubs. Juristisch wohl einwandfrei – zudem von der DFL geprüft – jedoch bleibt mindestens ein G’schmäckle. Den zahlreichen Fans, die Dietrich ohnehin kritisch sehen und im Stadion mit Transparenten demonstrieren, dürfte diese Geschichte neue Nahrung geben. Sie bezeichnen den Präsidenten, der während seiner Amtszeit – allen Kontinuitätsparolen zum Trotz – bereits zwei Sportvorstände und drei Trainer verschlissen hat, als „Spalter“.

An der Quattrex Finance GmbH war ich zu keinem Zeitpunkt mit 50 Prozent beteiligt, sondern lediglich Minderheitsgesellschafter. Wolfgang Dietrich

Zurück zu den Enthüllungen des „kicker“: In Luxemburg, dem Land mit den niedrigen Steuersätzen, habe der Investmentfonds „Quattrex German Opportunities zum Stichtag 31. Dezember 2017 31,8 Millionen Euro an Kapitalzusagen gegeben. Unter anderem an Union Berlin, den 1. FC Kaiserslautern und den 1. FC Heidenheim“. Da das Kapital des Fonds bei Union Berlin nicht fest verzinst, sondern an den Medieneinnahmen des Vereins gekoppelt sei, würde der Wert des Invests bei einem Aufstieg der Köpenicker förmlich explodieren. Und Dietrich mitverdienen lassen?

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Nun wird es kompliziert: Die Struktur dieses Fonds ähnle, wie der „kicker“ schreibt, dem eines Private-Equity-Fonds, gemeinhin bekannt als „Heuschrecke“. Die Kommanditisten, also die eigentlichen Fondsinvestoren, bleiben dabei anonym, zwischengeschaltet zwischen diesen und dem Komplementär ist die Quattrex Finance GmbH als sogenannter „Investment Adviser“ (Investitionsberater). Diese Firma gibt kein Kapital, kassiert aber 0,95 Prozent der kumulierten Kapitalzusagen des Fonds. 2017 seien dies ganze 295 509,38 Euro gewesen.

Was das nun mit Wolfgang Dietrich zu tun haben soll? 2016 war der doch schließlich als Geschäftsführer dieser GmbH zurückgetreten und hatte an seinen Sohn übergeben? Ja, das tat er. Doch womöglich nicht so ganz. Exakt 50 Prozent der Anteile an der Quattrex Finance GmbH soll laut „kicker“ eine Gesellschaft namens VMM Consulting GmbH halten. Und deren alleiniger Geschäftsführer ist laut Handelsregisterauszug, der der „Schwäbischen Zeitung“ vorliegt: Wolfgang Dietrich.

Dietrich dementiert

Dietrich lässt der „Schwäbischen Zeitung“ über den VfB Stuttgart auf Anfrage ausrichten: „An der Quattrex Finance GmbH war ich zu keinem Zeitpunkt mit 50 Prozent beteiligt, sondern lediglich Minderheitsgesellschafter.“ Seine Beteiligung an der „im Februar 2016 gegründeten Quattrex GP S.a.r.l. habe ich am 13. 10. 2016 und damit unmittelbar nach meiner Wahl zum Präsidenten des VfB Stuttgart verkauft.“ Den ohnehin für 2017 vorgesehenen Verkauf habe er vorgezogen, um „jeden Verdacht einer möglichen Interessenkollision auszuschließen.“

So weit, so sauber, so transparent? Laut „kicker“ wird die von Dietrich zitierte Quattrex GP S.a.r.l. vom ehemaligen Banker und Dietrich-Geschäftspartner Tobias Schlauch geführt. Laut Handelsregisterauszug ist dieser neben Dietrichs Sohn Christoph Dietrich auch Co-Geschäftsführer bei der Quattrex Finance GmbH – an der Wolfgang Dietrichs VMM Consulting 50 Prozent der Anteile halten soll.

Bei vielen Fans ein rotes Tuch: Immer wird protestieren die Ultras gegen den VfB-Boss.
Bei vielen Fans ein rotes Tuch: Immer wird protestieren die Ultras gegen den VfB-Boss. (Foto: dpa)

Sollte also die Quattrex GmbH an den Einnahmen der Berliner partizipieren, würde auch Wolfgang Dietrich mittelbar profitieren. Bis 2026 könnte der Fonds allein an Union Berlin 2,87 Millionen Euro verdienen.

Der VfB Stuttgart verweist auf Anfrage allgemein, dass „den Gremien des VfB bekannt“ gewesen sei, „dass Wolfgang Dietrich an Erträgen, die aus diesen Engagements fließen könnten, partizipieren kann“. Entscheidend sei, dass „hierbei keine Interessenkollisionen vorliegen und die Integrität in jeglicher Hinsicht gewährleistet ist“, so Finanzvorstand Stefan Heim.

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