EM: Abschied ohne Harting-Bruderdrama

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Die Bewegungen „nicht zu Ende getanzt“: Christoph Harting.
Die Bewegungen „nicht zu Ende getanzt“: Christoph Harting. (Foto: Imago)

Im Leben geht mancher Schuss daneben, wenige treffen direkt in die goldene Mitte und ganz viele irgendwohin, ins Ungefähre. Christoph Harting hält es offenbar eher mit den Extremen, mit allem oder nichts. Vor zwei Jahren wurde der Diskuswerfer in Rio de Janeiro sensationell Olympiasieger, am Dienstag scheiterte er bei der EM in seiner Heimatstadt ebenso sensationell – nach drei ungültigen Versuchen in der Qualifikation. Der 27-Jährige musste sich ein wenig wie bei „Dinner for One“ vorkommen, auch wenn weder Tigerkopf noch Alkohol im Spiel waren. Dreimal machte der 2,07-Meter-Hüne den gleichen Fehler, jedes Mal landete die Scheibe im Fangnetz, und am Ende war der König, der sein Land verloren hat, nur noch frustriert.

„Ich kann es mir nicht erklären, ich bin eigentlich in Topform. Ich stand da wie mit einer riesigen Waffe, die keine Munition hat“, sagte er. „Die Qualifikation sehen wir als schärferes Training für den Wettkampf. 63 Meter werfe ich sonst aus dem Stand. Alles war auf das Finale ausgerichtet, es war nur ein freies Training. Vielleicht war das das Problem.“ Seine Würfe hätten zu früh aufgehört, fand Harting, der als Nr. 4 der Saison an den Start ging (67,59 Meter), das Aus treffe ihn „schon ein bisschen mehr. Ich hatte eine super Fitness, ein super Gefühl, bin stark, bin schnellkräftig, die Bewegungen liefen rund ineinander, doch ich habe sie nicht zu Ende getanzt. Der Abwurf stimmte nicht.“ Auch Heimtrainer Torsten Lönnfors war bedient. „Das ist erst mal ein Schock. Christoph hat dreimal denselben Fehler gemacht, das kommt völlig unerwartet. Normalerweise reicht eine herkömmliche Trainingsleistung.“

Vom EM-Macher und früheren DLV-Präsidenten Clemens Prokop gab es Kritik. Dass ein Routinier wie Harting nichts am Ablauf ändern könne, sei nicht nachvollziehbar, moserte Prokop, und bezog die Zehnkämpfer Mathias Brugger und Kevin Mayer, die sich im Weitsprung drei ungültige Versuche geleistet hatten, gleich ein.

Fehleranfällig – das sind Menschen nun mal, übrigens auch Maschinen, und keiner weiß das besser als Robert Harting, das Diskus-Idol, der sechs Jahre ältere Bruder des Gescheiterten. Der 33-jährige Olympiasieger von London, dreifache Welt- und zweifache Europameister, war seinerseits in Rio im Vorkampf gescheitert, nachdem er am Vortag beim Versuch, mit dem Fuß das Licht auszumachen, einen Hexenschuss erlitten hatte. In Berlin machte er es besser, dank seiner 63,29 Meter – die siebtbeste Weite – zog Mr. Diskus souverän ins heutige Finale ein (20.20 Uhr). Der Olympiadritte Daniel Jasinski aus Wattenscheid scheiterte dagegen ebenfalls mit schwachen 60,10 Metern, und Trainer Lönnfors war bedient: „Wir haben einen Athleten im Finale, es wird im Diskuswurf vermutlich keine deutsche Medaille geben“, prophezeite er.

Auch Malachowski ausgeschieden

Ob er Robert Harting anstacheln wollte mit seiner Meinung? Womöglich, allerdings ist der WM-Sechste, der als Gesicht er EM gefeiert wird, nicht mehr derselbe, seit ihn ein Kreuzbandriss vor vier Jahren in die Knie zwang. Auch in diesem Jahr laborierte er an seinem Problemgelenk, immerhin: Der Druck mit dem Diskus sei da, „ich kann locker über 65 Meter werfen und hoffe, ich hab’ noch eine Idee fürs Finale“. Das wiederum sei durch den Ausfall seines Bruders, von Jasinski und des Polen Piotr Malachowski entwertet worden – auch den Titelverteidiger und Weltmeister von 2015, Hartings langjährigen Rivalen, erwischte es mit drei Ungültigen. „Es gibt kein würdiges Finale ohne die drei“, sagte Harting.

Zumindest für ihn nicht, und auch für Prokop nicht. „Es ist schade, dass das Bruderduell, auf das sich alle so gefreut hatten, ausfällt“, sagte der. Daniel Stahl und Simon Pettersson dürften es anders sehen. Sie gewannen den Vorkampf, vielleicht kommt es künftig zu einem ungewohnten Schwedenkampf im Diskuswerfen.

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