Ein Stößchen und die Folgen – Videobeweisärger geht weiter

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24.04.2 VIDEO Team2
24.04.2 VIDEO Team2 (Foto: TEAM2;via www.imago-images.de)
Patrick Strasser

Am Ende wurde gehadert, gezetert, gestritten. Am Tag danach landauf, landab diskutiert. Ein ganzes Spiel, dieses packende 3:2 im DFB-Pokal-Halbfinale zwischen den Rekordpokalsiegern aus München und Bremen wurde auf eine Szene reduziert, auf die ewige Streitfrage: Elfmeter oder nicht? War es ein Foul von Werders Theodor Gebre Selassie an Bayerns Flügelspieler Kingsley Coman in der 78. Minute?

Werder-Kapitän Max Kruse, der nach Abpfiff am ARD-Mikrofon die Bilder zugespielt bekam, schimpfte: „Das ist lächerlich. Also wenn das ein Elfmeter ist. Ganz leichter Kontakt. Oh Gott, ey!“ Und weiter, völlig bedient: „Wir haben einen Videobeweis. Wenn der das nicht sieht, dann können wir den abschaffen.“

Ein bisschen schob und schubste Gebre Selassie ihn – ja. Stößchen! Und ein wenig sank Coman hin. Schiedsrichter Daniel Siebert gab den Strafstoß beim Stand von 2:2, er zeigte sofort auf den Punkt. Womöglich auch wegen eines Wahrnehmungsfehlers im Eifer des Gefechts. Nach Darstellung einiger Bremer Spieler erklärte er diesen nach dem Spiel, dass er nicht die Berührung an Comans Hüfte, die zweifelsohne vorlag, sondern einen Kontakt am Fuß geahndet habe. Dass es diesen nicht gegeben hatte, zeigten die TV-Bilder. Die sich Siebert aber nicht anschaute. Weil er sich wohl sicher war.

Weil Siebert sofort gepfiffen hatte und dies keine glasklare Fehlentscheidung war – eine leichte Berührung, wenn auch nicht am Fuß, sondern an der Hüfte, lag ja vor – griff der Videoschiedsrichter in Köln nicht ein. Regelgerecht? Im Grunde schon.

Dennoch räumte Jochen Drees, der Chef der DFB-Videoschiedsrichter, am Donnerstagabend Fehler ein. „Aus schiedsrichterfachlicher Sicht halten wir die Strafstoßentscheidung für nicht korrekt“, wird Drees auf der Webseite des DFB zitiert. Denn: Der Videoschiedsrichter Robert Kampka und Siebert hätten in dieser Szene zwingend miteinander sprechen müssen. Hätte Siebert Kampka seine – falsche – Wahrnehmung geschildert, hätte der Videoschiedsrichter den Feldschiedsrichter angewiesen, sich die Szene noch einmal anzusehen.

Kommunikation fand nicht statt

Drees via dfb.de: „Wir erwarten zwar, dass der Video-Assistent eine fachliche Einschätzung vornimmt, ob eine Situation in einem klar strafbaren oder nicht strafbaren Bereich liegt. Und ob eine falsche Wahrnehmung des Schiedsrichters vorliegt. Ist einer der Faktoren aus Sicht des Video-Assistenten offensichtlich der Fall, muss es aber unbedingt zu einem On-Field-Review kommen, damit der Schiedsrichter auf der Grundlage der Videobilder in der Review-Area diese Beurteilung eigenständig vornehmen und anschließend eine Entscheidung treffen kann.“

Diese Kommunikation habe leider nicht stattgefunden. Gleichwohl betonte Drees, dass es „einerseits Aspekte“ gäbe, die „auf fachlicher Ebene gegen einen Strafstoß sprechen. Andererseits gibt es allerdings auch einen Aspekt, der für ein strafstoßwürdiges Vergehen spricht.“

Bayerns Torjäger Robert Lewandowski verwandelte jedenfalls eiskalt. 3:2 – damit erreichte Bayern das Pokalfinale am 25. Mai in Berlin. Gegner wird dort erstmals RB Leipzig. Mal was Neues für die Münchner in ihrem 23. Pokalfinale (bisher 18 Erfolge). Und das nach einem irren Spielverlauf. Bayern erst nach Toren von Lewandowski (36.) und Müller (63.) 2:0 vorne, dann in 67 Sekunden die Führung verschludert – Osako (74.) und Rashica (75.) trafen. Das Spiel war am Kippen. Dann kam Sieberts Pfiff. Dann kam das Tor.

Und Diskussionen weit bis in die Nacht. Gefühlt mehr mit also ohne Video-Beweis, der als vermeintliches Instrument zur Gerechtigkeitsmaximierung eingeführt worden war. Bemerkenswert wohlüberlegt übrigens die Äußerung von Trainer Florian Kohfeldt: „Natürlich ist der Pfiff brutal. Aber ganz deutlich: Bayern hat sich das verdient. Das jetzt hier zu reduzieren auf einen Bayern-Bonus, das will ich nicht, das wird auch uns nicht gerecht. Das ist Quatsch.“

Nicht mit Uli Hoeneß. Der Bayern-Präsident urteilte direkt nach der Partie mit felsenfester Überzeugung: „Der Elfmeter war hundertprozentig in Ordnung. Keine Diskussion! Ich habe mit Kingsley gesprochen, er hat mir gesagt, dass er vorbei war und dann der Ellbogen da war.“ Na, wenn das so ist ...

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