Eigenwilliger Löw belehrt Kritiker mit erstem Sieg 2020

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Auswärtssieg
Bundestrainer Joachim Löw (r) feierte mit dem DFB-Team um Timo Werner (M.) und Kai Havertz einen wichtigen Sieg. (Foto: Efrem Lukatsky / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Klaus Bergmann und Jens Mende

Aus der wieder gestärkten Position des Siegers hob Joachim Löw zu einer bemerkenswerten Belehrung seiner Kritiker an.

In einem exakt vier Minuten und 25 Sekunden dauernden Monolog, der die ukrainische Dolmetscherin beinahe verzweifeln ließ, verteidigte der Bundestrainer nach dem schmucklosen, aber sehr wichtigen 2:1 (1:0) im Nationalstadion von Kiew den aus seiner Anschauung weitsichtigen und alternativlosen Kurs mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Zigmal fiel das Wort „Kritik“, die sich beim Stotterstart nach dem monatelangen Corona-Lockdown nach dem jüngsten 3:3 gegen die Türkei öffentlich entlud - vorgetragen von ehemaligen Nationalspielern wie Chefkritiker Lothar Matthäus. Der eigenwillige, bisweilen sture und über externe Vorwürfe erhabene DFB-Chefcoach konterte noch vor dem nächtlichen Rückflug nach Köln. „Kritik ist okay, kann jeder gerne tun! Aber wir haben unsere Linie, wir haben unseren Plan.“

Löws Kernbotschaft lautete: „Ich weiß, wann ich was tue. Ich sehe das große Ganze. Ich sehe nicht immer nur ein einzelnes Testspiel. Ich sehe einfach den Weg zur EM.“ Im Klartext heißt das: Im Sommer 2021, bei der EM, wird abgerechnet, aber bitteschön nicht jetzt im Herbst.

Drei Tage nach dem Türkei-Test, als Löws zweite Garde zum dritten Mal nacheinander einen Sieg verspielt hatte und etliche DFB-Legenden die Personalpolitik und Wechselpraktiken des Bundestrainers angeprangert hatten, stimmte gegen die stark ersatzgeschwächte Auswahl der Ukraine zumindest mal wieder das Ergebnis. „Es ist uns nicht alles gelungen, aber einiges auf jeden Fall“, resümierte Löw nach den 90 Minuten vor 17.573 Zuschauern, die trotz hoher Corona-Zahlen im Stadion waren und mal wieder für Fußball-Atmosphäre bei einem Länderspiel sorgten.

Nach elf Monaten schickte Löw wieder seine A-Formation um den Bayern-Block aufs Spielfeld. Die Routine und noch vorhandene Automatismen mündeten in einen verdienten Sieg, der nach den Toren von Matthias Ginter und Leon Goretzka, der beim 2:0 von einem krassen Torwartpatzer profitierte, viel zu knapp ausfiel. Ein von Niklas Süle laut Löw „unnötig“ verschuldeter Foulelfmeter, den Ruslan Malinowski zum Anschlusstor verwandelte, bescherte dem DFB-Tross noch eine unruhige Schlussviertelstunde. „Wir wissen, dass wir nicht die Sterne vom Himmel gespielt haben“, kommentierte der Gladbacher Ginter.

Das erste Erfolgserlebnis 2020 hat vor dem am Dienstag (20.45 Uhr/ARD) in Köln folgenden nächsten Punktspiel gegen die Schweiz eine beruhigende Wirkung. Nach dem Premierensieg in der Nationenliga kämpft das DFB-Team (5 Punkte) als Verfolger des Tabellenführers Spanien (7 Zähler) weiter mit um den Gruppensieg. „Wir haben es mal geschafft, ein Spiel über die Runden zu bringen“, sagte der Münchner Angreifer Serge Gnabry erleichtert. Kapitän Manuel Neuer fordert Richtung Europameisterschaft freilich noch mehr „Männerfußball“.

Löws Generalabrechnung etwa mit Matthäus, der am Wochenende mit den Weltmeistern von 1990 in Italien das 30-jährige Jubiläum des Titelgewinns nachfeierte, hatte schon gönnerhafte Züge. Er sei „Lothar nicht böse“, dozierte der Weltmeistercoach von 2014: „Er analysiert ja schon lange Spiele. Grundsätzlich schätze ich seine Meinung schon, er macht sich Gedanken.“ Aber seine eigenen Ideen, die eigene Marschroute zur EM, schätzt Löw noch mehr.

„Ich vertraue meinen Spielern. Wir haben eine sehr gute Mannschaft. Warum soll man jetzt unsere Linie völlig aufgeben?“, fragte Löw - und gab die Antwort selbst. Sein Umbruch, seine weitsichtige Dosierung der Spielereinsätze im durch die Corona-Krise sehr eng getakteten Spielplan der EM-Saison sind für ihn nicht verhandelbar. Der 60-Jährige weiß aber auch, dass es im Fußball keinen Ersatz für positive Resultate gibt. „Siege sind der Klebstoff, dass man einfach mit breiterer Brust Richtung EM geht“, sagte er.

Sein Kurs bleibt gewagt, ist aber inhaltlich nachvollziehbar, auch wenn selbst Löws einstiger Kapitän Bastian Schweinsteiger als ARD-Experte etwa mit Verweis auf Abwehrroutinier Jérôme Boateng bei der Auswahl des Personals das Leistungsprinzip anmahnte oder auch für das beim WM-Titelgewinn 2014 erfolgreiche System mit Viererkette plädierte. „Man kann sich nicht mehr hundertprozentig identifizieren mit der Nationalmannschaft, das ist schade“, sagte Schweinsteiger.

Löw blickte am Wochenende auch zurück, aber anders, nämlich dahin, „wo wir herkommen im November 2018 nach der WM und nach der Nations League: Da waren wir unten, ganz weit unten!“ Hauptverantwortlich dafür war freilich auch er als Chefcoach: „Dann hat die junge Mannschaft, die wir bewusst verändert haben, die EM-Qualifikation gewonnen gegen Holland. Jetzt waren wir zehn Monate nicht zusammen und haben ein paar Spiele gemacht aus dem Stand heraus.“

Von der öffentlichen Hysterie hat sich Löw längst abgekoppelt. „Es ist normal, dass es bei der Nationalmannschaft unterschiedliche Meinungen gibt über Systeme, über Taktiken, über Spieler und über Personalentscheidungen. Das erlebe ich schon seit 16 Jahren“, sagte er: „Von daher stehe ich über den Dingen, was Kritik betrifft.“

Gegen die Schweiz will Löw auf Kontinuität setzen. Das Team um den vor seinem 100. Länderspiel stehenden Real-Star Toni Kroos werde er kaum verändern, kündigte Löw an. Der in Kiew nach einer Erkrankung nur eingewechselte Angreifer Timo Werner soll diesmal beginnen.

© dpa-infocom, dpa:201011-99-901283/4

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