DLV vor Titelkämpfen als Krisenmanagement

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Deutsche Presse-Agentur

Für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) tun sich im WM-Jahr so viele „Baustellen“ auf, dass seine Hallen-Titelkämpfe am Wochenende in Leipzig zur Nebensache geraten.

Die schwierige Werbung für die Weltmeisterschaften in Berlin, die Aufarbeitung des Olympia-Debakels von Peking, die fehlenden Stars, der Prozess um den dopingbelasteten Trainer Werner Goldmann oder die sinkende Attraktivität der Sportart. Verbandspräsident Clemens Prokop, hauptberuflich Chef des Amtsgerichts im bayrischen Kelheim, ist in seinem achten Amtsjahr gefordert wie nie zuvor.

Sein Vorgänger Helmut Digel, Council-Mitglied im Weltverband IAAF, hatte in der vergangenen Woche seinem Unmut über die weltweite Entwicklung der Leichtathletik Luft gemacht („Sie scheint sich in einem Prozess der Selbstauflösung zu befinden“). Zur Lage der olympischen Kernsportart in Deutschland will der ansonsten so kritikfreudige Sportwissenschaftler nichts sagen.

Gibt es bei der Heim-WM im August ein letztes Halali, bevor die Sprinter, Läufer, Springer und Werfer vollends in der Versenkung verschwinden? „Berlin ist nicht das Ende der Leichtathletik. Es soll ein Auftakt werden. Die sechs Jahre nach der WM 1993 in Stuttgart waren goldene Jahre, was das Sponsoring betrifft, was Networking betrifft“, sagt Stabhochspringer Tim Lobinger und gibt zu bedenken: „Das sehe ich im Moment nicht aufgrund der Finanzkrise und der Verbandsstruktur.“

Angesichts der mitunter miserablen Präsentation der Sportart und des unübersichtlichen Wettkampfkalenders stellt das Fachorgan „Leichtathletik“ mitten in der Hallensaison ungeschminkt fest: „So hat die Leichtathletik hierzulande jedenfalls kaum eine Chance, sich abseits von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen gegen die immer härter werdende Konkurrenz der anderen Sportarten auch im Fernsehen durchzusetzen.“

Lobingers Kollege Danny Ecker sieht Berlin „als Chance, der deutschen Leichtathletik wieder etwas Leben einzuhauchen“. Nach nur einer Bronzemedaille in Peking für Speerwerferin Christina Obergföll gab's nicht nur Beileidsschreiben in den Medien. Es setzte auch Kritik von oben - vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und Bundesministerium des Innern (BMI) als Geldgeber - und intern: „Beim Nachwuchs, da hakt's. Bei der Trainerbeschäftigung. Bei den Hallen. Die Strukturen sind falsch verteilt: Man muss ganz unten, nicht oben anfangen. Man muss den Nachwuchs noch weiter fördern, sonst bricht alles mal weg“, warnt Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch.

Bei seinem Krisenmanagement hatte der DLV seinen Leitenden Bundestrainer Jürgen Mallow zum Sportdirektor gemacht und in der Zentrale in Darmstadt an den Schreibtisch verbannt. „Wenn man Fußball-Bundestrainer Joachim Löw mit Jürgen Mallow vergleicht, dann sieht man, was in den vergangenen Jahren in der Leichtathletik passiert ist und oder nicht“, sagt Lobinger.

Die altgedienten Disziplinexperten Herbert Czingon und Rüdiger Harksen stehen als neue Bundestrainer nun bei den Meisterschaften am Wochenende erstmals auf dem Prüfstand. „Rüdiger Harksen ist regelmäßig bei uns im Training. Da ist etwas Frisches gekommen, das tut gut“, lobt Sprinter Tobias Unger. Und Zehnkämpfer André Niklaus meint: „Hinter den Kulissen wird ganz schön gewuselt. Der Verband ist meiner Meinung nach auf dem richtigen Weg.“

Noch mehr „wuseln“ müssten Prokop und Co. nach Ansicht so manches Landesverbandspräsidenten bei der WM-Vermarktung. Von fünf nationalen Sponsoren sind mit der Deutschen Post und dem Energieunternehmen Vattenfall zwei gefunden, ein dritter soll demnächst präsentiert werden. 500 000 Eintrittskarten sollen verkauft werden, knapp 200 000 sind bisher weg. „Viel zu spät“, so der Berliner Verbandschef Reinhard von Richthofen-Straatmann, sei der DLV aktiv geworden. Auch DOSB-Präsident Thomas Bach fordert eine intensivere Marketing- Kampagne und eine „Offensive“ nach der Wintersport-Saison.

„Die Fußball-WM 2010 in Südafrika und selbst die Frauenfußball- WM 2011 in Deutschland ist viel präsenter“, kritisierte der württembergische „Landesfürst“ Jürgen Scholz. „Vielleicht hat man gedacht, das sei ein Selbstläufer wie die Handball-WM.“ DLV-Präsident Prokop sieht sich und seine Mitstreiter jedoch voll im Zeitplan für die 44 Millionen Euro teure, weltweit größte Sportveranstaltung in diesem Jahr: „Wir bauen eine Fieberkurve auf. Man kann nicht ein halbes Jahr vor so einem Großevent die Spannung aufgebaut haben und halten.“

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