DLV nimmt Kurs auf WM in Berlin

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Deutsche Presse-Agentur

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin! Nichts anderes als die Heim-Weltmeisterschaften haben die deutschen Leichtathleten in diesem Jahr im Kopf.

Das neue Bundestrainer-Duo Herbert Czingon/Rüdiger Harksen will nach dem Desaster von Peking jedoch nicht nur die Feuerwehr spielen, sondern mit Blick auf London 2012 der olympischen Kernsport langfristig wieder auf die Beine helfen. „Es gibt keinen speziellen Schlachtplan, wir fühlen uns nicht als Task Force Berlin. Dazu haben wir auch nicht die Mittel“, sagte Czingon in einem dpa-Gespräch am Rande der deutschen Meisterschaften am Wochenende in Leipzig. „Dass sich das Olympia-Debakel nicht wiederholen darf, ist uns allen klar.“

Große Sorgen bereiten Harksen und Czingon das schwebende Verfahren um den dopingverdächtigen Wurf-Bundestrainer Werner Goldmann, der vor dem Arbeitsgericht Darmstadt um seine Weiterbeschäftigung kämpft. Damit der DLV, der sechs weitere ehemalige DDR-Trainer beschäftigt, nicht noch öfter von der Vergangenheit eingeholt wird, bemühen sich beide Seiten derzeit hinter den Kulissen um eine Lösung. „Das könnte ein großes Desaster für Berlin werden, wenn wir das nicht schnell hinkriegen“, warnte Czingon.

Sportlich haben den beiden die vielversprechenden Leistungen in Leipzig Mut gemacht. Die Hallen-EM vom 6. bis 8. März in Turin soll jetzt eine „Beschleunigungsstation“ sein, so der frühere Stabhochsprung-Coach Czingon. Der 56-jährige Mainzer erhofft sich dort „eine vielleicht sogar zweistellige Medaillenzahl“. „Wir haben wieder einige Siegertypen“, meinte Harksen. Als Ex-Hürden-Bundestrainer weiß der Mannheimer, wie man Hindernisse aus dem Weg räumt. In der Krise nach nur einmal Bronze bei den Sommerspielen und vor der so wichtigen WM vom 15. bis 23. August sind die beiden gefordert, alle Kräfte zu bündeln. „Wir versuchen eine positive Grundstimmung für Berlin zu schaffen“, sagte Eike Emrich, der Vizepräsident Leistungssport beim DLV. „Peking war ein Ausrutscher.“

Dass der frühere Leitende Bundestrainer Jürgen Mallow, beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) inzwischen zum Sportdirektor „befördert“, in Peking in einem Rundumschlag den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und das Bundesministerium des Innern (BMI) wegen mangelnder finanzieller Unterstützung angegriffen hat, können Czingon und Harksen nachvollziehen. „Wir haben zu wenig Personal, zu wenig Trainer“, sagte Harksen angesichts von 47 olympischen Disziplinen und verwies darauf, dass zum Beispiel die Werfer-Asse teilweise ihr Fahrgeld fürs Trainingslager in Kienbaum selbst bezahlen müssen. Gleichzeitig räumte Czigon auch ein: „Wir haben durchaus eine Menge Geld zur Verfügung, aber da zerfließt viel, weil es nicht zielgerichtet ausgegeben wird.“

Doch alles Klagen hilft nicht, und das neue verantwortliche Duo ist auch davon überzeugt: „Die deutsche Leichtathletik hat weltweit gesehen einen hohen Standard, wir haben es zuletzt nur nicht mehr so oft in die Medaillenränge geschafft.“ So versuchen sie, den Austausch zwischen den Heimtrainern und die Kommunikation zu den Athleten zu verbessern, berufliche Rahmenbedingungen für Talente zu schaffen, Experten aus dem Ausland und ehemalige Top-Stars wie 400-Meter- Hürden-Ass Harald Schmid einzubinden, den 32 hauptamtlichen Disziplin-Trainern Konzepte abzuverlangen - und vor allem: „Nachhaltig arbeiten und den Nachwuchs stärken“, so Czingon. Er und Harksen haben einen Vier-Jahres-Vertrag beim DLV, ihre „Mission“ soll nach der WM nicht beendet sein. Dann aber geht Mallow in den Ruhestand und die Führungsspitze wird auf jeden Fall neu geordnet.

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