Dirk Nowitzki: Ein Riese tritt ab

Lesedauer: 8 Min
Sportredakteur

Niemand, so hatte es in den letzten Wochen den Anschein gemacht, wollte auch nur ansatzweise unter Verdacht geraten, sich nicht gebührend von Dirk Nowitzki verabschiedet zu haben.

Prominente und Fans aus aller Welt hatten sich zu Wort gemeldet, in den sozialen Netzwerken und im echten Leben, um dem besten deutschen Basketballer der Geschichte Ade zu sagen. Sie verneigten sich vor einem Spieler und einem Menschen, der den Deutschen und der Welt gezeigt hat, was man mit harter Arbeit erreichen kann. Und wie man dabei Anstand und Demut bewahrt.

„Weltweiter deutscher Superstar“

Dirk Nowitzki, der 1999 als 19 Jahre alter, 2,13 Meter langer Lulatsch aus Würzburg nach Dallas zu den Mavericks zog, um die NBA zu erobern, verlässt die große Sportbühne als Botschafter des gesamten Sports und als das Gesicht eines freundlichen, arbeitsamen und talentierten Deutschlands. Ein echter Weltstar, geliebt und verehrt sowohl in der alten als auch in der neuen Heimat. Selbst Boris Becker oder Michael Schumacher haben das so nicht geschafft. Nowitzkis Popularität und die Bedeutung für seinen Sport sind vielleicht lediglich vergleichbar mit Franz Beckenbauer. Nur, dass Nowitzki zwei Köpfe größer ist.

 Schon früher treffsicher: Dirk Nowitzki im Frühjahr 2001 beim Korbwurf.
Schon früher treffsicher: Dirk Nowitzki im Frühjahr 2001 beim Korbwurf. (Foto: dpa)

„Er ist der weltweite deutsche Superstar“, sagte Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, stellvertretend. „Nicht nur die Tatsache, dass er der deutsche Fahnenträger bei Olympia 2008 war und obwohl er im Ausland lebt, zeigt, dass er uns gedanklich und menschlich näher war und ist als mancher, der viel näher da ist.“

Viele Fans hatten sich in den letzten Wochen ein Trikot der Dallas Mavericks mit Nowitzkis Nummer 41 angezogen, das „D“ am Anfang, das „as“ am Schluss mit den Händen verdeckt, dabei vier Finger von der linken Hand und einen von der rechten Hand hochgehalten: „All 41“ sollte das heißen, wir sind alle Nowitzki. Sein Verein hatte mit der Formel „41.21.1“ daran erinnert, dass die Nummer 41 unglaubliche 21 Saisons bei nur einem Verein verbracht hat.

„Der netteste Mensch aller Zeiten“

Nowitzki selbst hatte eigentlich erst in seinem Urlaub gemeinsam mit seiner Familie über die Zukunft entscheiden wollen. Doch in der Nacht auf Mittwoch, nach dem letzten Saison-Heimspiel gegen die Phoenix Suns, schnappte er sich doch ein Mikrofon und sagte unter Tränen: „Das war mein letztes Heimspiel, so wie ihr es erwartet habt.“ Sein Körper hatte Nein gesagt. Die Probleme an seinem linken Fuß sind zu groß. „ Es macht keinen Sinn, das noch ein Jahr durchzuziehen. Es ist Zeit.“

Und dann bedankte sich „der netteste Mensch aller Zeiten“ (NBA-Legende Charles Barkley) bei den „Phoenix Suns, dass ich hier noch mal ein paar Körbe werfen durfte“. Das war natürlich, typisch Nowitzki, maßlos untertrieben: 30 Punkte hatte der 40-Jährige zum 120:109 beigetragen.

 Da ist das Ding: Dirk Nowitzki mit Pokal nach der gewonnenen NBA-Finalserie 2011 gegen Miami Heat.
Da ist das Ding: Dirk Nowitzki mit Pokal nach der gewonnenen NBA-Finalserie 2011 gegen Miami Heat. (Foto: AFP)

„Dööörk“, wie er in den USA unter anderem liebevoll gerufen wird – „Dirkules“, „German Wunderkind“, „Dunking Deutschman“ sind andere Spitznamen – hat in seiner letzten Saison viele emotionale Momente erlebt. In Los Angeles nahm der Trainer des Gegners sogar eine Auszeit, um ins Mikro zu sagen: „Dirk Nowitzki, einer der Größten aller Zeiten.“ Die Zuschauer standen auf und klatschten. So etwas gab es auch in Boston, New York und Indiana.

„Er hat eine einzigartige Karriere hinter sich“, sagt Thorsten Leibenath, der Trainer des Basketball-Bundesligisten Ratiopharm Ulm. „Seine Bescheidenheit bei all seinem Erfolg imponiert mir sehr.“ Das ist ein Grund für Nowitzkis riesige Beliebtheit. „Es hat in der Neuzeit kaum einen größeren Sportler als ihn gegeben“, meint auch Leibenath. „Er hat auch bei der Nationalmannschaft nicht so viel auf sich selbst gegeben“, sagt er. „Bei ihm stand immer die Mannschaft im Vordergrund.“

„So ehrgeizig, so perfektionistisch“

Der Ulmer Trainer hat Nowitzki bei der Weltmeisterschaft 2005 in Serbien als Scout der Nationalmannschaft hautnah erlebt. „Nach einem zweistündigen harten Training waren wir alle schon im Bus und wollten zum Abendessen fahren. Nur Nowitzki hat gefehlt.“ Er hat einfach weiter trainiert. „Er war so ehrgeizig, so perfektionistisch“, sagt Leibenath. „Er hatte den Willen, sich zu quälen, den Willen, immer besser zu werden. Und dabei hat er den jungen Spielern immer vermittelt, was wichtig ist, um auf solch ein Level zu kommen.“

 Gerade 20 und schon in der NBA: der gerade aus Würzburg nach Dallas gekommene Dirk Nowitzki im Februar 1999.
Gerade 20 und schon in der NBA: der gerade aus Würzburg nach Dallas gekommene Dirk Nowitzki im Februar 1999. (Foto: dpa)

Nowitzkis Karrierehöhepunkt in der NBA war 2011 die Meisterschaft gegen Miami – Nowitzki ist der erste und bislang einzige deutsche NBA-Champion. In den Jahren danach konnten die Mavericks nicht mehr an diesen Erfolg anknüpfen. In dieser Saison verpasste Dallas die Play-offs deutlich. Zurück bleiben dennoch viele Meilensteine und Bestmarken. Nowitzki war der erste Spieler weit über zwei Meter, der alles konnte – auch Würfe aus der Distanz. Sein berühmter „Fadeaway Jump Shot“, ein Sprungwurf, bei dem der Spieler beim Wurf nicht gerade nach oben, sondern in einer Rückwärtsbewegung springt und sich nach hinten fallen lässt, hat viele Nachahmer gefunden. Er ist der sechstbeste Scorer der NBA-Geschichte, er hat als einer von nur fünf Spielern mehr als 10 000 Defensivrebounds geholt.

In Ulm, wo Thorsten Leibenath kommende Saison zum Sportdirektor aufsteigt, wollen sie künftig vermehrt auf eine ganzheitliche Ausbildung junger Talente setzen. So vermessen, um zu glauben, dass sie einen Spieler wie Nowitzki ausbilden können, sind sie aber nicht. „So eine beeindruckende Karriere, auch was das Menschliche angeht, habe ich noch nie erlebt und wird es wohl auch nie wieder geben“, so Thorsten Leibenath.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen