Digel für Verzicht auf „Schuldeingeständnis“

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Deutsche Presse-Agentur

In der Debatte um Doping-belastete Trainer plädiert der Tübinger Sportsoziologe Helmut Digel dafür, auf ein „ausdrückliches Schuldeingeständnis“ zu verzichten.

Angesichts des Zeitraums von 15 Jahren, in denen sich die Betroffenen nichts zu Schulden kommen ließen, erscheine die Strafe hoch genug, wenn sie mit ihrer Schuld lebten, „massiv gegen das Fair-Play-Gebot und gegen die Unverletzbarkeit der Menschenwürde verstoßen zu haben“, schreibt der Ex-Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) in einem Beitrag: „Die kann ihnen niemand abnehmen.“

Anlass der jüngsten Diskussion ist der Fall des Leichtathletik-Trainers Werner Goldmann, der den Diskus-Vizeweltmeister Robert Harting betreut. Er hat bis heute nicht eingeräumt, an Doping-Praktiken in der früheren DDR beteiligt gewesen zu sein. Der DLV verlängerte wegen seiner Vergangenheit den Ende 2008 auslaufenden Vertrag nicht.

Die Fälle der ehemaligen DDR-Trainer, die in diesen Tagen diskutiert würden, seien schwierig. „Sie haben in der Regel Schuld durch ihre Tätigkeit im Hochleistungssport der ehemaligen DDR auf sich geladen“, so Digel. Darüber hinaus hätten sie weitere Schuld auf sich geladen, weil sie unmittelbar nach der Wende bei den seinerzeit durchgeführten Befragungen leugneten, „in das Dopingsystem der ehemaligen DDR eingebunden zu sein“. Weder eine Amnestie, wie sie die frühere DDR-Leichtathletin Ines Geipel vorschlägt, scheine dabei der angemessene Weg, noch wäre zu empfehlen, „dass man ohne eine grundsätzliche Entscheidung einfach weiter macht wie bisher“.

Für die Entwicklung der deutschen Leichtathletik nach 15 Jahren könne jedoch mit gutem Recht behauptet werden, dass die große Mehrheit der ehemaligen DDR-Trainer diese Bewährungsprobe bestanden habe. „Fast alle Trainer der ehemaligen DDR haben sich durch eine fachkompetente Arbeit ausgewiesen und waren bereit, sich in den Anti- Doping-Kampf des DLV einbinden zu lassen“, sagte Digel. „Es gab und es gibt keine Indizien, dass sie an dem weltweit stattfindenden systematischen Dopingbetrug weiterhin beteiligt sind.“

Ein Schuldeingeständnis der Betroffenen wäre in diesem Tagen eine hilfreiche und wünschenswerte Brücke gewesen, um die notwendigen politischen Entscheidungen herbeizuführen. „Aber es stellt sich die Frage, welche Qualität ein derartiges Schuldgeständnis nach 20 Jahren überhaupt noch haben kann“, sagte Digel.

„Die Aufarbeitung der Vergangenheit darf und kann damit jedoch nicht beendet werden“, betonte er. Das von Thomas Bach, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), vorgeschlagene Forschungsvorhaben zur Aufarbeitung des Dopingbetrugs in der Bundesrepublik Deutschland bis zur politischen Wende sei hierzu ein grundlegender Beitrag.

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