Diese enormen Lücken klaffen zwischen der Bundesliga und Premier League

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v.li. Leon Goretzka (FC Bayern Muenchen), Thiago (FC Bayern Muenchen) und Mats Hummels (FC Bayern Muenchen)
v.li. Leon Goretzka (FC Bayern Muenchen), Thiago (FC Bayern Muenchen) und Mats Hummels (FC Bayern Muenchen) (Foto: Imago)
Ressortleiter Sport

Die „Sun“, bissigstes von vielen bissigen Revolverblättern der britischen Insel, traf den Ton diesmal ziemlich genau. „Während unsere Politiker zaudern und sich blamieren, sind die Fußballvereine des Landes für das genaue Gegenteil des Brexit verantwortlich – extreme Kompetenz und ein sehr klarer Verbleib in Europa“, lobätzte das Blatt nach diesem keinesfalls genialen, aber hochverdienten 3:1 (1:1) des FC Liverpool im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League bei Bayern München, das den „Buxit“ – den frühzeitigen Abschied der Bundesliga aus Europa – perfekt machte.

England drei, Deutschland null, so die nackte Bilanz aus drei Duellen, die in den verschiedensten Bereichen teils enorme Lücken freilegten.

Die Lücke zwischen Premier League und Bundesliga: 3:17 lautet das desolate Torverhältnis nach sechs Spielen aus Sicht von Bayern, Dortmund und Schalke. Zum ersten Mal seit 2006 gehört somit kein Bundesligavererein mehr zu den besten acht Mannschaften der Champions League. Die Premier League dagegen stellt derer vier, Manchester United setzte sich noch gegen Thomas Tuchels Paris St. Germain durch. Die einzigen glücklichen Deutschen somit Liverpools Trainer Jürgen Klopp, der es mal wieder geschafft hat, eine Bayernmannschaft – in die Knie zu pressen,

Wie konnte das passieren? „Wir sind nur noch zweitklassig“, kommentierte die „Bild“. Ausnahmsweise noch pointierter der „kicker“: „Deutsches Desaster“, so das Fazit des eher zur unaufgeregten Prosa neigenden Zentralorgans.

Die finanzielle Lücke: Doch was bedeutet der „Buxit“ für den deutschen Fußball, zumal im Jahr 1 nach dem totalen Schiffbruch in Russland, dem Vorrundenaus bei der WM? War er angesichts des wirtschaftlich immer größer werdenden Gefälles – die Premier-League-Clubs erlösen allein aus den TV-Einnahmen mit 2,3 Milliarden Euro pro Jahr rund das doppelte der Bundesligavereine – nur folgerichtig? . „Das Problem der Premier League ist nicht, dass alle Mannschaften dort besser sind als in der Bundesliga. Es gibt dort aber nun mal sechs, sieben Clubs, die in jeder Liga der Welt vorne mitspielen würden. Das macht es so speziell“, sagte dagegen Jürgen Klopp höflich. „Ich hoffe, dass es am Ende keine Landesmeisterschaft wird.“

Die spielerische Lücke: Oder ist der deutsche Dreifach-K.o. nur ein weiteres Alarmzeichen, dass der deutsche Fußball die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat – taktisch und in der Ausbildung? Keiner der vier englischen Viertelfinalteilnehmer spielt auch nur ansatzweise „kick and rush“ alter englischer Schule. Vielmehr lassen Pep Guardiola bei Manchester City, Klopp bei Liverpool und Mauricio Pochettino bei Tottenham sehr unterschiedlichen, unverwechselbaren und stets hochattraktiven und aufregenden Fußball spielen. Die Engländer geben ihr ganzes Geld nun auch sinnvoll aus.

Die Lücke bei Bayern: Womöglich geht diese Saison aber auch als deutsches Seuchenjahr in die Geschichte ein – ebenso wie die WM zuvor als historischer Fehltritt.

Doch zumindest Bayern Münchens Aus muss gesondert betrachtet werden. In der aktuellen Erhebung „Football Money League“ der Wirtschaftsexperten von Deloitte ist Bayern der viertumsatzstärkste Club Europas, setzte mehr um als Liverpool, Tottenham und auch Manchester City. Doch Geld schießt keine Tore, vor allem nicht, wenn es nicht ausgegeben wird. Als einziger Top-Club holte Bayern vor dieser Saison keine ablösepflichtigen Spieler, um die überalterte Mannschaft zu verstärken. Der Umbruch soll nun kommen. Doch dass Bayern sich am Mittwoch für den Moment sang- und klanglos aus der Riege der europäischen Spitzenclubs verabschiedete, lag auch nicht unbedingt an den Spielern, die auf dem Platz standen. Sondern eher daran, wie sie spielten. „Zu defensiv, zu tief, zu wenig Risiko“, wie es Stürmer Robert Lewandowski beschrieb. „Nicht mutig genug“, wie Mats Hummels sagte. Wobei er Mut als „rein fußballerische Angelegenheit“ begriffen haben wollte und nach längerem Nachdenken ergänzte: „Wir haben eine gewisse Spielweise, die gegen pressende Mannschaften nicht immer zum hundertprozentigen Erfolg führt.“ Hummels vermisste „die allerletzte Überzeugung“, Liverpools vordere Pressinglinie zu überspielen. In der Tat klaffte zwischen zentralem Mittelfeld und der Angriffslinie oft eine Lücke über 30, 40 Meter, Thiago, James und Javi Martínez fanden nach Balleroberungen selten offensive Anspielstationen und wählten den Sicherheitspass nach hinten. Manuel Neuer vermisste den „Mut, die zweite, dritte Reihe zu überspielen, um in die Gefahrenzone zu kommen“.

Bayerns Spielweise, unter Pep Guardiola noch dominant, unter Jupp Heynckes variabel, wirkte eher passiv-abwartend und um Stabilität bemüht als aggressiv. Die Münchner, die nach dem 0:0 im Hinspiel das Heimspiel gewinnen mussten, orientierten sich am Gegner, statt selbst nach Lösungen zu suchen. Hummels wollte seine Ausführung nicht als Kritik an Trainer Niko Kovac verstanden wissen, „ich möchte den Trainer in Schutz nehmen. Der Trainer fordert das oft, aber es klappt nicht immer so gut, wie er das sehen möchte auf dem Platz“, sagte er. Doch wer, wenn nicht der Trainer, gibt die Marschroute vor?

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