Die Folgen aus der Machtdemonstration des FC Bayern München über Dortmund

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Ressortleiter Sport

Die Stimme war wieder einigermaßen fest, doch der Kopf schien zu schwer für Nackenmuskulatur und Schultern. Lucien Favre saß also mit leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper auf dem Podium der Allianz Arena. „Das ist sehr schwer zu verdauen. Man muss klar sagen: das war eine Lehrstunde“, bekannte der Trainer von Borussia Dortmund. Und was hätte er anderes sagen können nach diesem 0:5 (0:4), nach dieser Machtdemonstration des FC Bayern München im Spiel um den Bundesligagipfel?

Seine Mannschaft hatte ja tatsächlich keine Chance gehabt, war ja tatsächlich in ihre Einzelteile zerlegt worden von endlich einmal griffigen und vor Esprit strotzenden Bayern. „Die erste Halbzeit war sensationell gut von uns, wir haben nach vorne verteidigt, hoch gepresst, Dortmunder Ballverluste erzwungen, den Gegner eingeschnürt“, fasste Bayerns Trainer Niko Kovac ebenso treffend zusammen.

Es war ein Spiel gewesen, in dem die erfahrenen und älteren Bayern immer wieder den jüngeren Dortmundern weggerannt waren, ein Spiel, in dem der sonst so stürmende BVB bis auf einen Pfostenknaller in der sechsten Minute von Mo Dahoud keine wirkliche Torchance gehabt hatte und die allzu oft in dieser Saison allzu behäbigen Münchner bedingungslos gepresst und mit Verve nach vorne gespielt hatten.

Ausgerechnet gegen die Bayern, die in dieser Saison – frag nach in Freiburg, frag nach in Heidenheim – immer dann Probleme hatten, wenn die Gegner sie mutig anliefen und früh und konsequent attackierten, agierten die sonst so mutigen Dortmunder saft- und kraftlos. „Das war nicht das Dortmund, das ich kenne“, sagte etwa der konsternierte und an diesem Abend mit untergegangene Dortmunder Taktgeber Axel Witsel.

Wie groß die Verantwortung Favres mit seiner Aufstellung und Marschroute fürs 0:5 war, war eine der großen Fragen des Abends. Der Coach hatte auf Mario Götze verzichtet, stattdessen Spielmacher Marco Reus in die Spitze geschickt, zudem Mahmoud Dahoud auf die Zehn und den lange verletzten Lukasz Piszczek statt den zuletzt starken und vor allem schnellen Marius Wolf außen verteidigen lassen. Auch im Hinspiel hatte Favre in der ersten Halbzeit eine eher abwartende Ausrichtung gewählt, diesen Fehler dann in der Pause korrigiert – seine Elf laufen und angreifen lassen und schließlich 3:2 gewonnen.

Sogar Gnabry macht es per Kopf

Doch am Samstag führten die Bayern nach 45 Minuten bereits 4:0. Und nur das frühe 1:0 durch einen perfekten Kopfball von Mats Hummels (10.) nach einer Ecke Thiagos war ein Treffer, dem nicht eine eklatant lange Fehlerkette der Dortmunder vorangegangen war. Robert Lewandowski durfte beim 2:0 (17.) seinen 200. Treffer in der Bundesliga dank eines Blackouts des auch sonst völlig überforderten und in der Pause ausgewechselten Verteidigers Dan-Axel Zagadous feiern. Javi Martínez’ Schuss zum 3:0 (41.) war der dritte Versuch hintereinander, dem fast alle Dortmunder Feldspieler staunend hinterherblickten. Beim 4:0 (4:0) durfte Serge Gnabry seine 175 Zentimeter völlig unbedrängt in der Mitte des Strafraums zum Kopfball hochschrauben; Lewandowskis 5:0 in der zweiten Halbzeit war nur noch ergebnisabrundend.

„Nach dem Spiel ist es einfach zu sagen, dass es nicht gut war, auf Mario Götze zu verzichten. Aber ich weiß nicht, ob es im anderen System besser gewesen wäre. Wir wollten viele Läufe in die Tiefe haben, das ist uns leider gar nicht gelungen“, sagte Favre zu seiner Aufstellung.

Doch wer ihm ansonsten zuhörte nach diesem lange mit Spannung erwarteten, in 205 Ländern übertragenen Spitzenspiel, das wegen seiner Einseitigkeit doch keines gewesen war – zumindest keines, das auch nur annähernd dem engstem Titelkampf seit Langem gerecht geworden war – hätte sich nicht gewundert, wenn Dortmunds Coach den Bayern gleich zur Meisterschaft gratuliert hätte.

Salihamidzic fordert: „Immer so!“

Sechs Spieltage vor Schluss hat der Sechsmalinfolgemeister München den Platz an der Sonne wieder erobert, der Vorsprung auf Dortmund beträgt einen Punkt. Doch nicht nur Favres Kommentare wirkten wie eine Kapitulationserklärung. „An diesem Auftritt werden wir noch lange zu knabbern haben. Psychologisch ist das ganz bitter“, sagte Reus. Und: „Wir reden zwar immer davon, dass wir konkurrenzfähig sein wollen gegenüber den Bayern, aber das Spiel hat uns leider gezeigt, dass wir noch sehr, sehr weit weg davon sind.“

Am Sonntag hatte der oberste Borusse den Mut wiedergefunden. „Spätestens am Dienstag werden die Bayern merken, dass sie für dieses Spiel auch nur drei Punkte gekriegt haben. Und wir werden merken, dass wir nur einen dahinterliegen“, sagte Hans-Joachim Watzke bei Sky.

Und auch die Bayern wissen, dass der Wankelmut in dieser Saison ihr ständiger Begleiter war. „Wir haben den ersten Schritt gemacht, aber müssen weiter Gas geben. Der Zweikampf geht weiter“, sagte Lewandowski. „Wir haben uns in dieser Saison gegen Gegner wie Düsseldorf (nächster Gegner am Sonntag, die Red.) oft schwer getan“, erinnerte der Bösinger Joshua Kimmich. Und Sportchef Hasan Salihamidzic meinte: „Wir haben heute so gespielt, wie man sich das wünscht vom FC Bayern. Die Jungs haben ein Statement gesetzt, haben ein richtig gutes Spiel gemacht. Aber daran werden sie jetzt auch gemessen. Wir haben gesehen, wie sie mutig nach vorne spielen können, wie alle pressen können.“ Auf die Frage der SZ, ob Bayern auch gegen Düsseldorf so hoch pressen könnte, sagte Salihamidzic: „Immer!“

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