Deutsche Rodel-Frauen im Schock-Zustand

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Deutsche Presse-Agentur

Als die einheimischen Fans Sensationssiegerin Erin Hamlin frenetisch feierten, lag selbst auf dem Silber von Vize-Weltmeisterin Natalie Geisenberger ein Schatten.

„Meine Medaille hat einen faden Beigeschmack. Das ist ein kleiner Schock für uns. Aber wir wussten, irgendwann kommt der Tag. Und das war halt der Tag“, sagte die 21-Jährige nach dem Ende der seit 1995 ungebrochenen deutschen Siegesserie bei den Rodel-Weltmeisterschaften in Lake Placid (USA).

Als einzige der erfolgsverwöhnten Frauen hatte die 21-Jährige auf der gefürchteten Eisrinne im Medaillen-Rennen mithalten können, doch auch die Miesbacherin konnte das Ende des 14 Jahre langen deutschen WM-Siegeszugs nicht verhindern. „Das war ein sehr schwieriges Rennen für uns. Aber über meinen zweiten Platz bin ich überglücklich.“

Nach einer Trainingswoche voller Probleme stand den Deutschen schon im ersten WM-Lauf das ungläubige Staunen über den Auftritt der 22 Jahre alten Hamlin ins Gesicht geschrieben. „Das gibt es doch gar nicht“, sagte Olympiasiegerin Silke Kraushaar-Pielach. „Aber das bringt sie im entscheidenden Lauf nicht runter.“ Doch die junge Amerikanerin stand dem Druck halt und brachte ihren historischen Sieg mit Bahnrekord ins Ziel. „Ich habe hier so oft trainiert, ich wusste genau, wie ich fahren musste.“ Nervosität? Fehlanzeige. „Das war gar nicht hart. Ich kenne mich hier bestens aus. Aber es wird einige Zeit dauern, bis ich verstehe, was passiert ist“, sagte die 22-Jährige.

Grenzenloser Jubel bei den Gastgebern, Katzenjammer bei den deutschen Frauen: Titelverteidigerin Tatjana Hüfner verkroch sich nach ihrem sechsten Platz erst einmal in der Umkleide und fand erst nach geraumer Zeit ihre Sprache wieder. „Ich bin tief enttäuscht“, gestand die 25-Jährige. „Aber die Probleme aus dem Training haben sich im Wettkampf fortgesetzt.“ Geisenberger fühlte mit der geschlagenen Seriensiegerin aus Oberwiesenthal: „Platz sechs ist natürlich nicht ihr Anspruch. Aber sie ist halt auch nur ein Mensch.“

Schon im Abschlusstraining hatten die deutschen Frauen das drohende Unheil nahen sehen. Keine der sonst meist ungefährdeten Schützlinge von Bundestrainer Norbert Loch kam mit der Bahn zurecht. „Das ist hier halt das Heimspiel der Amerikaner“, erklärte der dreimalige Olympiasieger Georg Hackl, der am Abend vor dem Rennen noch minuziöse Video-Analyse mit Geisenberger betrieben hatte. Das Ende der 14 Jahre langen deutschen Siegesserie konnte aber auch die Spätschicht nicht verhindern. „Wir hatten uns schon erhofft, dass wenigstens eine von uns topp runter kommt“, sagte die trotz ihres zweiten WM-Silbers enttäuschte Bayerin.

„Frauen-Rodeln ist nicht wirklich spannend“, hatte Hackl einmal süffisant mit Blick auf die Dominanz der deutschen Frauen erklärt. Josef Fendt, Präsident des Rodel-Weltverbandes (FIL), konnte sich nach dem denkwürdigen WM-Rennen freuen: „Aus internationaler Sicht ist eine Mischung der Medaillen sehr angenehm. Und es ist ja auch nicht selbstverständlich, dass die deutschen Frauen immer alles gewinnen. Jetzt sieht man, dass das eben alles nicht so einfach ist.“

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