Der Fall Kruse ist keine Sache des Blickwinkels

 Max Kruse und Niko Kovac hatten von Anfang an kein Match.
Max Kruse und Niko Kovac hatten von Anfang an kein Match. (Foto: IMAGO/Christian Schroedter)
VonFelix Alex

Wenn Fans Fußballer beurteilen, dann schließen sie nicht selten von sich auf andere. „Wenn ich so arbeiten würde wie die spielen, dann würde ich kein Gehalt bekommen“, heißt es da häufig oder auch: „Das grenzt ja an Arbeitsverweigerung, für so eine Leistung wäre ich gefeuert worden.“ Bei Max Kruse ist es jetzt ähnlich simpel: „Wir verlangen von jedem Spieler eine 100-prozentige Identifikation und Konzentration und den Fokus auf den VfL. Das Gefühl hatten wir bei Max nicht“, sagte Wolfsburgs Sport-Geschäftsführer Jörg Schmadtke, nachdem Trainer Niko Kovac zuvor gesagt hatte: „Keine Impulse, kein konstruktives Miteinander dahingehend, dass er der Mannschaft jetzt hilft. Wir haben ihm mitgeteilt, dass er nicht dabei ist und für uns in Zukunft keine Rolle spielen wird. Das heißt: Kein Spiel mehr!“ Keine Leistung gebracht und entsprechend eine berechtigte Kündigung erhalten? Alles eindeutig, könnte man meinen. Doch so eindeutig ist dieser Fall einmal mehr nicht. Ganz im Gegnteil.

Dass der Bundesligaspieler Kruse beim VfL Geschichte ist – zumindest bis auf Weiteres oder eher, so lange Kovac dort noch als Trainer arbeitet –, ist höchstwahrscheinlich wenig mehr als eine Impulshandlung und damit schlicht Aktionismus. In Zeiten sportlicher Krisen statuieren Trainer gerne ein Exempel, rasieren prominente Namen und rütteln so die Mannschaft auf. Es wäre nicht abwegig, sollte diese nicht gerade unübliche Methode auch in Wolfsburg Anwendung gefunden haben. Kovac ist ohnehin ein Trainer, der nicht gerade für den besten Umgang mit etwas ungewöhnlichen Kickern bekannt ist – wir erinnern uns an seine Demontage von Thomas Müller als er Bayern-Trainer war und beinahe den Kultkicker zum Abschied gedrängt hätte.

Dass Kovac mit der nicht immer höchstprofessionellen Arbeitsweise von Kultkicker Kruse nicht klar kam, dürfte ebenfalls naheliegend sein. Nichts ist dem neuen VfL-Coach qua Amt wichtiger als Fitness und Disziplin. Leichtes Übergewicht, nicht trainingsfleißig, große Klappe und zudem immer auch ein Auge für die schönen Seiten des Lebens, so kennen die Beobachter Max Kruse. Aber auch als eiskalten Stürmer vor dem Tor, der in Freiburg, Mönchengladbach, Bremen und nicht zuletzt bei Union Berlin Tore für sich sprechen ließ und auch den VfL jüngst mit seinen Toren noch vor dem Abstieg bewahrte. Die Wölfe verpflichteten ihn im Januar als Schlüsselspieler für den Abstiegskampf – und weil Kruse mit dem Kovac-Vorgänger Florian Kohfeldt ein besonders vertrauensvolles Verhältnis pflegt. In seinem Vertrag war sogar die Klausel enthalten, dass Kruse den VfL für eine geringe Ablösesumme verlassen darf, falls Kohfeldt nicht mehr Trainer ist. Und genau damit wären wir am springenden Punkt der Geschichte, der dem VfL beinahe allein den Schwarzen Peter zuschiebt – den Zeitpunkt dieser Trennung.

Das daraus folgende Problem ist nur: Da Kruses Ausbootung neun Tage nach dem Ende der Transferfrist erfolgte, kann er den VfL nicht mehr sofort verlassen und wird deshalb vorerst weiter mit der Mannschaft trainieren. Entweder man einigt sich auf eine vorzeitige Auflösung seines noch bis 2023 laufenden Vertrags oder Kruse verlässt den VfL im Winter – bevorzugt Richtung USA. Auf etwas anderes können die Wolfsburger nicht hoffen. Sie haben sich damit also ein ständiges Medienthema geschaffen, das Unruhe gerantiert und nehmen einem durchaus sympathischen, weil ungewöhnlichem Kicker wichtige Momente von der nicht mehr allzu lange tickenden Profiuhr. Der 34-Jährige dürfte also weiterhin die Schlagzeilen bestimmen – und das zu Recht. Denn Kruses Ausbootung ist keine Sache des Blickwinkels, sondern schlichtweg schlechter Stil in einer Branche, die nicht zuletzt von den Profis immer Anstand in Vertragsfragen verlangt. Nicht zuletzt daher widersprach der Stürmer allen vorwürfen und kündigte trotzig an: „Ich entscheide selber, wann meine Zeit in der Bundesliga vorbei ist. Das entscheidet niemand anderes für mich.“

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