Der DFB muss mehr Tiger wagen – für den Dribblernachwuchs

Weiser, alter Mann: Hermann Gerland.
Weiser, alter Mann: Hermann Gerland. (Foto: Maik Hölter/imago images)
VonFelix Alex

Es ist leider keine Besserwisserei alter Recken mit Früher-war-alles-besser-Attitüde (Hermann Gerland) oder gar simple Wichtigtuerei nicht mehr im Fokus stehender Sportikonen (Mehmet Scholl), sondern schlichte Realität: Der deutsche Fußball hat ein Problem. Ein Nachwuchs-Dribbler-Problem. Bitte?, mögen sich an dieser Stelle einige Fans fragen. Der FC Bayern München brilliert doch auch international seit Jahren. Dortmund, Leipzig, Mönchengladbach oder auch Frankfurt überzeugen ebenfalls mit lauter Jungkickern, die es spielerisch draufhaben? Wo also liegt das Problem? Ganz einfach, die deutsche Fußballjugend hält nicht Schritt, auch wenn Ausnahmetalente wie Jamal Musiala, Florian Wirtz, Kai Havertz oder auch Karim Adeyemi es immer wieder in die Weltspitze schaffen oder auf dem Sprung in eben jene sind. Denn es ist weniger ein Problem der Senkrechtstarter, sondern ein Malus der Breite, an dem die Talente und die Branche hierzulande leiden. Kreativität im Zweikampf, die unvorhergesehene Aktion, das Überraschungsmoment, vieles wird schmerzlich vermisst. Allzu oft herrschen Einheitslösungs-Brei und nicht zuletzt vollkommene Ideenlosigkeit bei unvorhergesehenen Situationen. Das Schlimmste daran, die Jungs können wenig dafür. Es krankt schlicht und ergreifend am System.

So ist es nicht verwunderlich, dass Talente-Entdecker Gerland in die Kerbe jener schlägt, die schon seit Jahren das System kritisieren. „Ich denke, dass wir an verschiedenen Stellschrauben drehen müssen“, sagte der 67-Jährige: „Wir müssen Spielern beibringen zu dribbeln.“ Auch Zweikämpfe und das Eins-gegen-eins müssten sehr früh geschult werden. „Wenn ich immer sage ,Pass, Pass, Pass‘ und jedes Spiel mit zwei Kontakten mache, dann kann ich keine Dribbler entwickeln“, betonte Gerland. Wenn die Nachwuchskicker bis „16, 17 nur gepasst haben, dann können die mit 19 nicht dribbeln, die schaffen das nicht mehr“, betonte der Entdecker vieler Nationalspieler. Außerdem müsse im Nachwuchs die Ausbildung und nicht der Erfolg der Mannschaft im Vordergrund stehen. Alles Argumente, die seit Jahren in der Branche kursieren und auch öffentlich genannt wurden. Geändert hat sich wenig. Doch warum?

Neben den wandlungsunwilligen Strukturen des DFB-Systems sind es eben zwei Gründe, die sich zudem gegenseitig bedingen: zum einen die Überhöhung der Taktik und damit Verwissenschaftlichung jedes Trainings sowie die bereits in der Jugend rein aufs Gewinnen ausgelegte Struktur. Teams wollen siegen, aufsteigen und Meisterschaften abräumen, und auch die Jugendtrainer wollen so auf sich aufmerksam machen, beruflich aufsteigen und sich in Richtung Profitum entwickeln. All das ist nachvollziehbar, doch nützt ein ermauertes 1:0 einem jungen Fußballer für die Entwicklung überhaupt nichts. Ins Risiko gehen, es immer wieder versuchen und auch scheitern, das sind Erlebnisse, die der Nachwuchs braucht. „Früher haben wir 11-gegen-11 gespielt. Heute spielen wir 3-4-3, 4-4-2, 4-1-4-1, 5-4-1, und ich habe noch drei, vier andere Systeme vergessen“, formuliert Gerland gewohnt unterhaltsam, doch trifft das den Kern genau.

Die Nachwirkungen sind möglicherweise nicht unbedingt zwangsläufig in der Nationalmannschaft zu spüren, da immer wieder Talente (wie etwa Musiala) im Ausland unter einem anderen Ansatz ausgebildet werden und dann die DFB-Elf kreativ bereichern. Doch ist es ein generelles Problem. Zweit- und Drittligisten können und wollen sich nicht im Ausland bedienen und – zu Recht – eher auf die Kreativität regionaler Kicker setzen. Es liegt nun also am DFB und den Fußballbossen, für einen Wandel zu sorgen: im Nachwuchssystem, im Trainerbereich und vor allem in den Köpfen. Das Beste dabei: Dieser Umbruch ist vergleichsweise einfach und bringt Spaß und Spielfreude zurück in den Fußball – in jeder Altersstufe. Eine Mehrfach-win-Situation. Was kann man sich mehr wünschen?

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